Dialog mit Nachbarn in Murr Flüchtlinge schon – nur nicht nebenan bei mir
Nachbarn sammelten in Murr Unterschriften gegen eine Unterkunft mit Baucontainern. Die Gemeinde sucht an einem Informationsabend den Dialog.
Nachbarn sammelten in Murr Unterschriften gegen eine Unterkunft mit Baucontainern. Die Gemeinde sucht an einem Informationsabend den Dialog.
Gemurmel begleitet die letzten Minuten vor Beginn des Info-Abends über die temporären Flüchtlingsunterkünfte im Murrer Bürgersaal. Rund 80 Gäste haben sich eingefunden, sie alle wollen wissen, was auf sie zukommt, wenn rund 60 bis 70 Geflüchtete in Baucontainern an der Ecke Heerstraße/Mühlwengert untergebracht werden. Die Gemeinde hatte die Veranstaltung kurzfristig anberaumt: Einige Nachbarn fühlten sich unzureichend informiert, sammelten rund 90 Unterschriften und regten sich darüber auf, dass sie bei der jüngsten Gemeinderatssitzung nicht zu Wort kamen.
Abende wie diese ereignen sich derzeit an vielen Orten in Deutschland. Der Krieg in der Ukraine treibt seit dem Frühjahr immer mehr geflüchtete Menschen ins Land – auch in den Kreis Ludwigsburg, und auch in die 6700-Einwohner-Gemeinde Murr. Der Wohnraum für die Ankömmlinge ist das große Problem. Mancherorts werden Sporthallen belegt. So weit ist es in Murr noch nicht gekommen. „Wir wollen, dass unsere Hallen möglichst lange von den Vereinen genutzt werden“, erklärt der Bürgermeister Torsten Bartzsch. Er setzt auf gemietete Baucontainer, die er für 180 000 Euro auf ein Grundstück im unteren Teil des Ortes in der Nähe der Murr platzieren will. Jährliche Miete: 150 000 Euro. Der Vorteil: Alle Anschlüsse für Wasser, Abwasser und Strom sind schon da. Das Areal wäre nicht abgelegen. „Wie legen Wert darauf, dass eine Sozialkontrolle stattfindet.“
Bevor die Nachbarn zu Wort kommen, erklärt Bartzsch etwa 50 Minuten lang vieles, was zum Verständnis beiträgt. Zum Beispiel, dass die Wahl des Grundstücks nicht willkürlich war. „Die Gemeinde hat es schon bei der ersten Flüchtlingswelle 2015/16 in die engere Auswahl genommen.“ Es gab auch andere Areale, von denen eins an einen Investor verkauft wurde, der dort ein Hotel bauen wollte.
Einige Nachbarn, die nicht wollen, dass eine hässliche Containeransiedlung ausgerechnet in der Nähe des eigenen Hauses entsteht, halten das für ein Versäumnis und vermissen ein langfristiges Konzept. „Wir sollten festen Wohnraum bauen, der dann später dem sozialen Wohnungsbau dienen kann“, fordert eine Frau. Sie hört vom Bürgermeister, dass dies genau das Konzept der Gemeinde sei, doch die Zeit dränge und man müsse schon im Frühjahr bereit sein, weitere Menschen aufzunehmen. Noch mal einen anderen Standort in der Gemeinde auszuwählen, komme nicht in Frage. „Dann unterhalten wir uns mit den Nachbarn dort.“
Der Wohnungsmarkt sei einfach leer, sagt Bartzsch. Einzelne Häuser, die im Internet angeboten würden, erfüllten oft nicht die Voraussetzungen. Der Rathauschef verweist auf die Modulbauten, die 2016 an der Hauptdurchfahrtsstraße entstanden. Schon damals habe die Gemeinde die soziale Verträglichkeit berücksichtigt und die Module nicht so hoch gebaut wie geplant. „Wir gehen dezentral vor und schaffen keine sozialen Brennpunkte.“ Im Übrigen operiere man mehrgleisig und wolle durchaus Flüchtlinge langfristig in Wohnungen unterbringen. Das sei eine Daueraufgabe: Es könnten immer aufs Neue Flüchtlinge kommen.
Tatsächlich treibt die Angst vor einem sozialen Brennpunkt viele Nachbarn um. Das wird in den Wortmeldungen deutlich. „Uns fehlt die Transparenz: Wir wollen mitgenommen werden“, sagt eine Frau. Eine andere bereut, dass sie ihr Haus nicht schon verkauft hat. Mögliche Wertverluste ihrer Immobilien, die schiere Angst, dass alleinstehende Frauen und Kindergartenkinder an den Wohncontainern überhaupt entlanglaufen müssen – das alles findet in der Diskussion Raum. Bartzsch argumentiert dagegen. Kein Bürger brauche Angst zu haben, wenn er an solchen Unterkünften vorbeigehe. Und: „Im Moment ist Wohnraum umkämpft, da hat niemand Probleme zu verkaufen.“ Ehrlich räumt er ein, dass er nicht wisse, wie lange die Container stehen. Das könnten ein Jahr, drei oder fünf Jahre sein. Auch eine Garantie, dass später nicht noch mehr Baucontainer aufgestellt werden müssen, könne er nicht geben – was die Nachbarn mit der Forderung quittieren, dass es im Sinne einer dezentralen Lösung nicht noch mehr Container an einer Stelle geben dürfe.
Nicht alle Gäste reagieren abweisend. „Es geht darum, Menschen unterzubringen– das müssen wir einfach akzeptieren“, sagt eine Frau, die in Kauf nimmt, „dass ein bisschen Landschaft bebaut wird.“ Trotzdem, es klingen Probleme an: Handyempfang, Parkplätze und Kanalisation, doch Bartzsch sieht darin lösbare Aufgaben.
Am Ende applaudieren die meisten der 80 Gäste sogar. Sie haben gemerkt, dass der Bürgermeister ihre Sorgen versteht und ebenfalls unzufrieden ist mit der Belastung der Kommunen. Bartzsch verliert dabei aber nicht den Blick für das Menschliche, lobt das große Engagement des Arbeitskreises Asyl im Ort: „Vielleicht findet sich auch unter Ihnen jemand, der sich hier einsetzen will.“
Aktuelle Zahlen
Im Landkreis Ludwigsburg muss der Kreis derzeit monatlich 200 Ukrainer und 250 Asylsuchende aus anderen Staaten unterbringen, berichtete der Murrer Bürgermeister Torsten Bartzsch. Der Zustrom war in den vergangenen Monaten stark angestiegen.
Belegung
Die Gemeinde Murr verfügt nur noch über 40 Restplätze und hofft, dass sie bis zum Frühjahr reichen. Stand Dezember waren 97 Geflüchtete aus der Ukraine neben 62 Asylsuchenden aus anderen Ländern in Murr eingetroffen. Zunächst kamen dort acht bis zehn Personen in jedem Monat an, seit Herbst seien es 20, aktuell etwas weniger. Bartzsch spricht von Riesenproblemen, die Kommunen fühlten sich allein gelassen. In der EU gebe es kein gemeinsames Konzept für eine Verteilung der Geflüchteten. Der Bund habe für Ukrainer Anreize geschaffen. Sie bekämen den Hartz-IV-Satz, nicht nur Asylgelder.