Diamantene Hochzeit in Herrenberg Eine sächsisch-englische Liebe in Schwaben
Das Herrenberger Ehepaar Manfred und Jacqueline Glede heiratete 1966. Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende war das unter ehemaligen Kriegsgegnern noch eine Seltenheit.
Das Herrenberger Ehepaar Manfred und Jacqueline Glede heiratete 1966. Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende war das unter ehemaligen Kriegsgegnern noch eine Seltenheit.
Diamantene Hochzeit feiern an diesem Samstag Manfred und Jacqueline Glede. 42 Jahre war das Ehepaar in Hildrizhausen zuhause. 2024 sind sie in eine seniorengerechte Wohnung in Herrenberg umgezogen und fühlen sich dort mittlerweile so richtig wohl. Geheiratet haben die Jubilare am 11. April 1966 in einer englischen unweit von Manchester.
Dass der gebürtige Dresdner und die Engländerin aus Manchester Anfang der 1960er Jahre zusammenkamen, war nicht einmal zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einfach und schon gar keine Selbstverständlichkeit. Zu tief saß auf der Insel bei manchen noch die Abneigung gegen die früheren Kriegsgegner, auch wenn die jungen Leute daran gar nicht mehr persönlich beteiligt waren.
Als eine Art „Eisbrecher“ im Fall des heutigen langjährigen sächsisch-englischen Ehepaars Glede könnte auch der berühmte Fußballtorhüter Bert Trautmann gewirkt haben. Der blieb nämlich nach seiner Kriegsgefangenschaft gegen anfängliche Widerstände in England und wurde beim Verein Manchester City schließlich zur Ikone, als er trotz eines Genickbruchs bis zum Ende eines wichtigen Spiels den Kasten seines Teams sauber hielt. „Er wohnte gegenüber von meiner Schwester“, erzählt Jacqueline Glede.
Sie selbst schloss nach der Schule mit Diplom die Universität Liverpool ab und wandte sich dem Lehramt zu. Ihr späterer Mann, ein gelernter Werkzeugmacher, verließ sobald er volljährig war 1960 die damalige DDR und landete im schwäbischen Holzgerlingen. Drei Jahre später verbrachten beide ihren Sommerurlaub im österreichischen Mayrhofen im Zillertal. Sie mit ihrer Schwester und vier Freundinnen auf dem Bauernhof, er alleine auf Besuch bei seiner dort urlaubenden Mutter, dafür aber mit einem eigenen Auto.
Stolz zeigt Manfred Glede den knallroten Fiat 500 aus seiner kleinen Modellautosammlung vor. Abends trafen sich die jungen Leute aus aller Herren Länder dann im Keller-Tanzlokal „Berghof Diele“. „Er hat mich zum Tanz aufgefordert“, weiß sie noch immer, als ob es gerade gestern war. Und fügt hinzu: „Er konnte kein Deutsch und ich kein Englisch.“ Was aber offenbar kein Hindernis war und der schnell aufkeimenden Verliebtheit keinerlei Abbruch tat. Sie verabredeten sich immer wieder und erkundeten gemeinsam in seinem Auto, in dem er mitunter auch schlief, die Umgebung.
Nach der Heimkehr blieben sie per Brief in enger Verbindung. Beide gingen in die Abendschule. Sie lernte Deutsche, er paukte Englisch. 1965 schließlich erteilte ihre Familie der damals 22-Jährigen die Erlaubnis, ihren ein Jahr älteren Freund nach Manchester einzuladen. „Mein Vater war von ihm sofort sehr angetan“, schildert sie und Manfred Glede durfte vier Wochen am Stück bleiben. Später im Jahr besuchte sie seine Familie in Böblingen. „Am Ostermontag 1966 haben wir geheiratet“, freuen sich die Eheleute trotz mancher Höhen und Tiefen noch immer riesig über das Happy End ihrer völkerübergreifenden Liebesgeschichte.
Weil sie nicht einfach von heute auf morgen ihren Lehrdienst in Großbritannien quittieren konnte, verbrachten sie die ersten eineinhalb gemeinsamen Jahre auf der Insel. Im Oktober 1967 zogen sie nach Magstadt und beide fingen beim Maichinger Kleinmotorenhersteller Solo an, im Zuge dessen internationaler Expansion vor allem ihre Englischkenntnisse stark nachgefragt waren. 1972 wechselte sie zum Computerkonzern IBM und er zum Mitbewerber HP, wo sie bis zum jeweiligen Vorruhestand tätig blieben. Ab 1982 wohnte das kinderlose Ehepaar in einer gemieteten Doppelhaushälfte in Hildrizhausen.
In ihrer Freizeit unternahmen die Gledes Radtouren, wanderten viel auch in den österreichischen Bergen und erkundeten an ihrem Haupturlaubsziel Griechenland so gut wie jede der dortigen Inseln. Heute genießen sie die parkähnliche Umgebung ihres neuen Zuhauses. Eine große Feier zur diamantenen Hochzeit ist nicht geplant, am Festtag aber sind sie von Freunden ins Restaurant eingeladen. „Wir haben ein gutes Leben“, sinniert Jacqueline Glede. Und unterstreicht mit einem nachdrücklichen „Gell Manfred!“, dass die Engländerin und der Sachse auch in Schwaben schon lange mehr als heimisch sind.