Die 16 Stationen der Remstal Gartenschau 2019 Genießen und Nachdenken

Von Hans-Jürgen Breuning 

Zur Remstal Gartenschau sind renommierte Architekten aus ganz Deutschland eingeladen worden. Sie haben entlang der Rems auf 16 Stationen sehenswerte Visitenkarten ihrer Baukunst abgegeben.

Fein gekleidet: auch dieses Haus ist eine der Stationen entlang der Rems Foto: StZN 33 Bilder
Fein gekleidet: auch dieses Haus ist eine der Stationen entlang der Rems Foto: StZN

Remstal - Welch exquisite Aufgabe für Architekten, wenn sie – vollkommen frei von Verwertungsdruck und funktionalen Zwängen – einen kleinen Pavillon im Remstal entwerfen dürfen. Da denkt man doch schnell an poetisch-leichte, fantasievoll geformte Konstruktionen, denen diese seltene Freiheit des Entwerfens auch gleich anzumerken ist: An Natur und Architektur, die spannungsreich zusammenfinden, an inspirierende Bauten, die sich an besondere Orte setzen, dabei deren landschaftliche Qualitäten stärken und die Vielfalt und Eleganz des Bauens zelebrieren, ja vielleicht sogar in Schönheit mit der von Weinbergen geprägten Landschaft verschmelzen.

Ganz ähnlich mochten die ersten Gedanken gewesen sein, die den von der Stuttgarter Architektin Jórunn Ragnarsdóttir ausgewählten 16 Architekturbüros durch die Köpfe schwebten. Auf einer Strecke von rund achtzig Kilometern – vom Ursprung der Rems in Essingen bis zur Mündung in Remseck am Neckar – sollten für die Remstal Gartenschau an 16 ausgewählten Orten 16 pavillonartige Interventionen entstehen, die in lockerem Rhythmus die farbenfrohe, den Besuchern wohlvertraute Blumenwelt ergänzen. Renommierte Architekten aus ganz Deutschland wurden per Los den Stationen zugeteilt. Sie alle sollten mit ihren individuellen Statements aufzeigen, wie Natur und Architektur miteinander korrespondieren und sich gegenseitig bereichern können.

Über die Standorte entschied das Los

Ein interessanter Ansatz dazu findet sich gleich gegenüber der Remsquelle: Zum Auftakt der „Architektur im unendlichen Garten“ wird man von einer skulpturalen, weißen Betontreppe empfangen, die den alten Steinbruch wieder elegant mit der Rems verbindet, Natur und Architektur überraschend neu miteinander in Beziehung setzt. Harris und Kurrle Architekten aus Stuttgart haben hier ein archaisches, begehbares Architekturobjekt entworfen, das den leisen Dialog mit der Landschaft sucht und den Besuchern ganz nebenbei die Augen für einen wiederentdeckten Weg öffnet. Schade nur, dass dieser subtile Hinweis so manchem Besucher verborgen bleibt, denn die Straße nach Lauterburg trennt die Quelle von der Brücke und die Faszination für den Ursprung der Rems erfordert ohnehin die volle Aufmerksamkeit.

Wie vielfältig sich die unterschiedlichen Mikro-Architekturen als behutsame Eingriffe artikulieren, wird spätestens beim Kloster Lorch spürbar: Hier haben die Architekten Hild und K aus München einem historisch bedeutsamen Fachwerkhäuschen an der Ringmauer des Klosters mit einem irritierenden Häkelkleid zu einem komplett neuen Aussehen verholfen: Das schmucke Walmdach und die Fassaden wurden dank der mühevollen Handarbeit von 55 ehrenamtlichen „Architekturhelfern“ in einen weißen, grobmaschigen Überwurf aus wetterfestem Nylon gepackt. Das Wesen des verhüllten Hauses schimmert zwar noch durch das neue Kleid, wirkt aber mystisch versteckt – wie hinter einem großen Schleier. Verstörend, keck und mitnichten weniger prominent präsentiert sich nun das sogenannte „Luginsland“-Häuschen schon aus der Ferne als Eye-Catcher im vertrauten, streng klösterlichen Ambiente und thront weit oben über dem Remstal. Diese Station ist eigentlich auch ein schöner Ort zum Verweilen und Genießen, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen – doch auf dem Weg entlang der Rems finden sich weitere Pavillons, die damit durchaus konkurrieren können.

Kleiner Turm, große Wirkung

Einer davon ist der kleine Hochzeitsturm in Plüderhausen, der zwischen Waldrand und Streuobstwiesen einen beeindruckenden Ausblick bietet. Uwe Schröder aus Bonn hat einen Ort gestaltet, der – abgesehen von den Hochzeiten – zu den eher ruhigeren Stationen der Gartenschau zählt und sich mit seiner betont handwerklichen Architektursprache aus weißen und roten Ziegelsteinen wie selbstverständlich in die umgebende Landschaft einfügt. Durch zwei schmale spitzbogige Wandöffnungen treten die Paare zunächst noch getrennt in den gemauerten Turm und verlassen ihn mit einem herrlichen Blick ins Remstal durch ein großes gemeinsames offenes „Tor“. Diese starke, emotionale Geste traut man dem kleinen Bauwerk kaum zu – wem das jedoch zu viel gebauter Pathos ist, der kann sich in den nahen Wald zurückziehen und dort mit Hermann Hesse seine Sinne öffnen, an Sonnenwärme, Taudunst und Moosduft denken und den Geruch von Harz, Tannennadeln und Pilzen aufsaugen, der „sich einschmeichelnd mit leichter Betäubung an alle Sinne schmiegt.“

Von dieser Stimmung erfüllt, kann man sich gut den weiteren Stationen nähern – insbesondere dem „Turm an der Birke“ auf dem Urbacher Gewann „Lüsse“. Die Stuttgarter Achim Menges und Jan Knippers entwarfen dort eine formal und konstruktiv brillante Turmskulptur aus gebogenen, 14 Meter langen Sperrholzstreifen, die als weithin sichtbare Landmarke fraglos zu den herausragenden Beiträgen dieser Gartenschau zählt.

An der Mündung endet auch der Parcours

Den Schlusspunkt an der Remsmündung, in unmittelbarer Nähe des Neckarstrands, bildet der Badehaus-Pavillon des Frankfurter Architekten Christoph Mäckler. Ein typisches Mäckler-Haus, das sich mit seinen drei Spitzgiebeln den Besuchern mehr als elegantes Artefakt denn als brave Umkleidekabine offenbart und damit leicht irritierte Blicke hervorruft. Auch hier ist man selten allein mit der Natur, zu dicht drängen sich die Badegäste und Flaneure, zu urban ist die gesamte Nachbarschaft. Doch dieses erstaunlich kleine, nach allen Seiten offene Badehaus fasst das breite Spektrum der 16 Pavillons, die sich weit verstreut zwischen die Weinberge des Remstals setzen, perfekt zusammen: Es geht nicht um große Gesten oder gut nutzbare Architekturen, vielmehr sind es vor allem kleine, poetische Interventionen, die für die gebaute Umwelt sensibilisieren wollen. Ungeachtet ihrer geringen Dimensionen möchten sie zum Nachdenken anregen und die Frage nach dem Einklang von Architektur und Natur stellen.

Dass dies nicht überall in gleichem Maße gelingen kann, dass hier auch gebaute Duftmarken der Architekturbüros entstanden sind, die sich hier und da ein bisschen selbst feiern, ist schließlich auch dem freien Spiel und der Offenheit dieser „Architekturschau“ geschuldet. Eine durchweg inspirierende Einladung zum Genießen und Nachdenken sind die Pavillons allemal.

Informationen unter: www.remstal.de.