Die 57. Grimme-Preise Bestes Fernsehen – sagt die Jury

Auch Carolin Kebekus holt mit ihrer Show einen Grimme-Preis. Foto: WDR/Ben Knabe

Edlere TV-Lorbeeren als die Grimme-Preise gibt es hierzulande nicht. Dieses Jahr gehen fast alle Auszeichnungen an öffentlich-rechtliche Sender. Immerhin, die bieten Flotteres als früher.

Marl - Die gute Nachricht: Die Gewinner von Deutschlands wichtigstem Fernsehlorbeer, den 16 Grimme-Preisen, sind verkündet worden – und man muss mit der Jury überhaupt nicht einer Meinung sein. Das musste man zwar noch nie seit der ersten Verleihung der vom Deutschen Volkshochschul-Verband 1964 gestifteten undotierten Grimmes. Aber in manchem Jahr konnte man sich auf die Schnelle kaum an etwas anderes erinnern als an das, was die Jury noch mal für einen Moment ins Bewusstsein holte. Die Hervorbringungen der Privatsender waren kategorisch indiskutabel, die öffentlich-rechtlichen Produktionen in solider Routine festgefressen oder in Nischen versendet worden.

 

Das ist radikal anders geworden im Zeitalter der Streamingoffensiven, der Mediathekenentfaltung und der Spektrumsverbreiterung bei den privaten wie den öffentlich-rechtlichen Sendern. Es ist viel los im Fernsehen, und dass nun jedem, der dieses Medium interessiert verfolgt, wohl sofort würdige Alternativen als Preisträger einfielen, nimmt den Gewinnern nichts weg. Es zeigt lediglich, wie kreativ und produktiv lineares TV und Streaming gerade sind.

Das fragwürdigste von allen Grimme-Ergebnissen: in der Kategorie Fiktionen gehen vier von fünf Auszeichnungen an die öffentlich-rechtlichen Sender. Die Eigenproduktionen der Streamingdienste sind nur mit einem Preisträger vertreten, mit der von Maria Schrader inszenierten vierteiligen Netflix-Miniserie „Unorthodox“. Erzählt wird hier, fußend auf Deborah Feldmans Buch, von einer jungen Frau aus ultraorthodoxen jüdischen Kreisen in New York, die in Berlin ganz andere Milieus und Lebensperspektiven kennenlernt.

Gewitztes zum Lockdown-Leben

Was die Grimme-Jury aber ganz zu Recht gewürdigt hat: Tempo, Treffsicherheit, Gewitztheit und Mut zu neuen Formen, mit denen Sender auf die Alltagsveränderungen in der Pandemie eingingen. Keinesfalls nur stellvertretend ist da die ZDF-Neo-Serie „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ ausgezeichnet worden. Sie ist die pfiffigste im Feld veritabler Konkurrentinnen wie „Liebe. Jetzt!“ (ZDF). Erzählt wird von der 35-jährigen Werberin Charlotte (Lavinia Wilson), die nun vom heimischen PC aus arbeiten und nebenher ihr Leben im Lockdown leben muss. Wir sehen dabei nur das, was auch die Webcam von Charlottes Computer sehen kann.

In der Kategorie Unterhaltung geht zwar ebenfalls nur eine Auszeichnung an einen Privatsender. Aber da es hier nur drei Preisträger gibt, liegt das prozentual schon näher an der Wahrnehmung vieler Zuschauer als das Votum in der Sparte Fiktion. Klar erkannt hat die Jury, dass „15 Minuten Joko & Klaas“ bei Pro 7 oft mit Unerwartetem und Erhellendem auftrumpft, die nun gewürdigte Folge „Männerwelten“ ist kein Ausreißer.

Pro 7 baut um

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf haben den Unterhaltungs-Grimme schon für sich abstrichlos verdient, trotzdem wirft er ein Licht auf die gar nicht so leichten Umbaubemühungen bei Pro 7. Neues bei Privatsendern, diese Ankündigung lässt ja oft fürchten: Dümmeres, Zynischeres, Verrohteres. Aber dieser Reflex aus Zeiten, als Spötter das Senderkürzel RTL noch als „Rammeln, Töten, Lallen“ entschlüsselten, steht nicht mehr in Einklang mit der Medienrealität. Pro 7 und der Konkurrent RTL sprechen konsequenter und mutiger als früher denkwillige, empathiefähige und aufmerksamsbereite Zuschauer an, die sich nicht bloß durch den Flipperapparat niederster Instinktreizung schnalzen lassen wollen.

Die öffentlich-rechtlichen Gewinner im Bereich Unterhaltung sind die bissig spottlustige Carolin Kebekus mit der nach ihr benannten Show im WDR und Sebastian Pufpaff mit seiner Satiresendung „Noch nicht Schicht“ (ZDF/3 Sat). Interessanterweise zeichnet die Grimme-Jury dieses Jahr im Bereich Unterhaltung also einerseits ausschließlich Produktionen aus dem Bereich Satire/Ironie/Weltkommentierung aus. Anderseits gießen zwei der drei Gewinnerformate Jux, Attacken und Denkaufforderungen in Showformate mit starken Talk- und Spielelementen. Blickt man dann noch auf die größtenteils triumphale Sendungsstrecke von Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ in diesem Jahr, die für die nächste Grimme-Runde 2022 zu den heißen Favoriten gezählt werden darf, merkt man, wie da gerade etwas zusammenwächst, wie Unterhaltung nicht mehr ohne Reibung an der Welt und relevante Satire nicht mehr ohne selbstironische Verspieltheit auskommen muss.

Wer kann das noch überblicken?

Fast schon traditionell machen die öffentlich-rechtlichen Sender die Grimme-Preise im Bereich Information & Kultur unter sich aus. So wird etwa die „Tagesthemen“-Journalistin Caren Miosga in diesem Jahr mit der besonderen Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes bedacht, die geduldig Fake-News, Gerüchte und Missverständnisse aufklärende Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim wird für ihre besondere journalistische Leistung ausgezeichnet, auch Dominik Wesselys einfühlsame Dokumentation „Loveparade – Die Verhandlung“ (WDR/Arte) wird gekürt. Wer sie verpasst hat, kann sie – wie etliche andere Preisträger – derzeit noch in der Mediathek abrufen.

Dieser tolle Service fürs Publikum aber führt mitten hinein in die Problemdebatte, wie sich gerade die Produzenten anspruchsvoller TV-Filme und Dokumentationen seriös finanzieren sollen, wenn ihre Filme lange gratis verfügbar sind und niemand mehr für eine DVD oder einen Download bezahlen muss. Die neue TV-Welt, die dieses Jahr auch ein weitgehend anders bestücktes Grimme-Feld hätte liefern können, bringt ihre eigenen Konflikte mit sich – und mit ihrer Angebotsfülle eine ziemliche Herausforderung. Schon jetzt entscheidet in jeder Grimme-Sparte eine eigene Jury. Ob aber die immense Anzahl an Fiktionalem nicht nach einer weiteren Unterteilung in Film und Serie geradezu schreit, fragt man sich trotzdem – weniger vorwurfsvoll als mitfühlend.

Weitere Themen