Die 57-jährige Angela Böbel aus Kirchheim/Teck Im Höhenrausch

Von Christine Luz 

Angela Böbel ist 57 Jahre alt, Erzieherin, Mutter und Großmutter. Ihr Alltag in Kirchheim unter Teck füllt sie eigentlich voll aus. Dennoch besteigt sie einen 7000er-Berg nach dem anderen und begibt sich freiwillig in Lebensgefahr.

Die Wolken sind auf dem Damavand zum Greifen nah: Angela Böbel hat den höchsten Vulkan Asiens mit Skiern bestiegen. Foto:Böbel Foto:  
Die Wolken sind auf dem Damavand zum Greifen nah: Angela Böbel hat den höchsten Vulkan Asiens mit Skiern bestiegen. Foto:Böbel

Kirchheim/Teck -

Als Angela Böbel um kurz nach sechs Uhr am Morgen aus ihrem kleinen Zelt krabbelt, ahnt sie nicht, dass ihre Reise bald ein jähes Ende finden wird. Eisiger Wind peitscht ihr ins Gesicht, Schnee knirscht unter ihren schweren Stiefeln. Es dauert lange, bis die Sonne über die Gebirgskette klettert, noch herrschen minus 20 Grad. Sie schultert den Rucksack und zieht den Reißverschluss ihrer Daunenjacke hoch bis zum Kinn. Vor fast einem Monat ist sie aufgebrochen, um in Nepal den 8485 Meter hohen Makalu zu bezwingen, den fünfhöchsten Berg der Welt. An diesem Tag will sie über den Makalu-La- Pass bis zum nächsthöheren Lager 3 vordringen. Doch so weit schafft sie es nicht.

Sieben Stunden ist sie über steile Felsen und Eis geklettert, als es stark zu schneien beginnt. Sie schafft es auf 7200 Meter – dann muss sie umkehren. Für einen zweiten Anlauf am nächsten Tag fehlt ihr die Kraft. Die Luft ist dünn in diesen Höhen, sie steigt weiter ab ins Basislager, um sich zu regenerieren. Sie wird dem Gipfel nie wieder so nahe kommen wie an jenem Morgen. Ein Unglück zerschlägt alle Pläne.

Lange hat Angela Böbel die Fotos dieser letzten Expedition nicht angesehen, nicht die Bilder von den tanzenden Sherpas, nicht die vom Basislager mit seinen gelben Zelten, nicht die vom Hubschrauber, der die zwei Leichen aufsammelte. Sie sitzt ein halbes Jahr später in ihrem Wohnzimmer in Kirchheim unter Teck. Vor ihr auf dem Holztisch steht eine große Tasse, randvoll gefüllt mit schwarzem Kaffee. Die braunen Haare reichen ihr bis knapp über die Ohren, dunkle Augen schauen durch Brillengläser. Sie ist jetzt 57 Jahre alt, schlank und fitter als die meisten, die halb so alt sind wie sie. Neben ihr liegen zwei Ordner, gefüllt mit Routen, Flugdaten, Rechnungen. Sie erzählen in nüchternen Zahlen von Reisen nach Pakistan, Kirgisistan, nach Peru und in den Iran. Erst vor sechs Jahren hat sie nach langer Pause wieder mit dem Extrembergsteigen begonnen. Es ist ein Spagat zwischen Familienleben und Hochrisikosport.

„Wenn ich in den Bergen bin, geht es mir am besten“

Sie hat drei Kinder großgezogen, betreut als Erzieherin Schüler nach dem Unterricht, engagiert sich ehrenamtlich für benachteiligte Jugendliche. Eigentlich hätte sie auch ohne ihr Hobby genug zu tun. Aber: „Wenn ich in den Bergen bin, geht es mir am besten.“ Das merkt man, wenn sie von ihren Expeditionen erzählt. Sie schwärmt von glitzernden Schneefeldern am Tag und einem atemberaubenden Sternenhimmel in der Nacht. „Es ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl, dort oben zu stehen. Danach kann man süchtig werden.“

Sie treibt viel Sport. Am liebsten rennt sie den Albtrauf hinauf und hinunter, um auf 1000 Höhenmeter zu kommen. In ihrem Flur hängen bündelweise Medaillen: Swiss Alpine Marathon, Montafon-Arlberg-Marathon, Gebirgsmarathon Immenstadt, Silvrettarun. Mehr als einmal hat sie in ihrer Altersklasse Gold geholt.

Ihre Eltern hatten sie schon als kleines Mädchen mit in die Berge genommen. Mit drei Jahren sauste sie auf Skiern die Hänge hinunter. Als sie 20 wurde, begann sie zu klettern. Bald fand sie keine Freundin mehr, die bereit war, sie auf den immer schwierigeren Touren zu sichern. Mit 23 träumte sie davon, ihren ersten hohen Gipfel zu erklimmen, den Alpamayo in Peru, fast 6000 Meter hoch. Er gilt als schönster Berg der Welt. Die Eltern verboten es. Sie wollte trotzdem gehen, doch ihr Arbeitgeber genehmigte den langen Urlaub nicht. Das Wetter ist in diesen Höhenlagen unberechenbar. Manchmal kampieren Bergsteiger tagelang unterhalb des Gipfels, um eine bessere Witterung abzuwarten. Über einen Monat plant sie für eine Tour ein.

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