Die 68er wider den Muff Der Kampf gegen das Schweigen

An der Hamburger Universität stören Studenten die traditionelle Rektoratsübergabe (li.). Daniel Cohn-Bendit Foto: dpa

Die 68er haben ihren eigenen Beitrag zur Enttabuisierung deutscher Schuld geleistet. Mit ihrem Kampf gegen die alten Eliten popularisierten und konkretisierten die Auseinandersetzung um die Frage, wie die NS-Zeit zu bewerten sei.

Stuttgart - Die 68er nehmen für sich in Anspruch, das Schweigen ihrer Eltern über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgebrochen zu haben. Das darf, wenn es denn wahr ist, als zivilisatorischer Sprung nach vorn gelten: als Meilenstein auf Deutschlands „langem Weg nach Westen“, wie der Historiker Heinrich August Winkler den Prozess der Akkulturation in das Wertesystem der liberalen Demokratien beschrieb. Denn die Fähigkeit, etwas besser zu machen, setzt die Erkenntnis dessen voraus, was vorher falsch lief. Eine Rückkehr in die zivilisierte Welt erschien nur möglich durch die Anerkenntnis der Schuld, was wiederum den Willen zur Erinnerung voraussetzt.

 

Doch damit war es in der Gesellschaft, in der die 68er aufwuchsen, nicht weit her. Die neu gegründete Bundesrepublik wurde als Bollwerk gegen den Sowjetkommunismus benötigt, da sahen die Westalliierten über die Restauration der alten NS-Eliten hinweg. Und die Bundesdeutschen waren mit dem Wirtschaftswunder beschäftigt, dessen Blüte sie in dem Glauben bestärkte, wieder wer zu sein in der Welt. Die alten Geschichten sollten ruhen. Das war Grundeinstellung, die lange nachwirkte, weit über 1968 hinaus.

Mit den 68ern, die ja allesamt um das Jahr 1945 herum geboren worden waren, verhielt es sich so: Meist gab es irgendwelche Onkels und andere Verwandte, wenn nicht der eigene Vater, die „im Krieg geblieben“ waren: vor Moskau erfroren, in Nordafrika von einer Granate zerrissen, auf dem Balkan von Partisanen erschossen. Was Genaues war nicht zu erfahren. Im Osten existierten wohl Lager, in denen Juden umgebracht wurden. Aber davon habe man damals nichts gewusst, beteuerten die Eltern. Ja gut, die jüdischen Kaufleute an der Straßenecke waren plötzlich weg, vermutlich ins Ausland gegangen. Das Geschäft kam dann in andere – arische – Hände. Die angeblichen Fremdarbeiter in der Fabrik, die Großvater gelegentlich erwähnt hatte, entpuppten sich später als KZ-Häftlinge. Und vielleicht stellte sich heraus, dass Papas Onkel Albert Ortsgruppenleiter der NSDAP gewesen war, sich dabei aber nichts zuschulden kommen ließ. Da habe es andere gegeben, die waren schlimmer. Ach ja? Jaja.

Überhaupt etwas zu erfahren war mühsam für die jungen Leute im Nachkriegsdeutschland. Alles mussten sie den Eltern oder Großeltern aus der Nase ziehen. Ohne Nachfrage kam wenig bis nichts. Außer, dass es zum Ende hin eine „schwere Zeit“ gewesen war, als vom Dorf aus in der Nacht am Horizont der Feuersturm zu sehen war, den die alliierten Bomber in Ulm, Stuttgart oder Heilbronn entfachten.

Die Aufarbeitung der NS-Verbrechen begannen engagiert

Der Historiker Norbert Frei hat für den Umgang mit der NS-Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland eine Periodisierung vorgeschlagen. Demnach begannen die alliierten Siegermächte die Aufarbeitung der NS-Verbrechen recht engagiert – eine „Phase der politischen Säuberung“. Neben und nach dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess gegen zwei Dutzend Amts- und Machtträger von Staat, Partei und Armee kam es in den drei westlichen Besatzungszonen zu weiteren Verfahren. Zahlreiche Todesstrafen wurden nicht nur ausgesprochen, sondern auch vollstreckt. Außerdem wurden ehemalige Parteifunktionäre und SS-Mitglieder interniert, allein in der US-Zone belief sich deren Zahl gegen Jahresende auf etwa 100 000. Frei beschreibt eine „rigorose Politik der Entlassung aus dem öffentlichen Dienst“, von der vorübergehend Hundertausende betroffen waren.

In der folgenden „Phase der Vergangenheitspolitik“ der Ära Adenauer galt alle Kraft dem Bemühen, das Rad zurückzudrehen. „In Bonn standen vom ersten Tag an die Zeichen auf Amnestie und Integration“, schreibt Frei. Anfang der Fünfzigerjahre sei eine „beispiellose Strategie der Verharmlosung, Leugnung und Irreführung aufgeboten“ worden, „die am Ende selbst ruchlosesten NS-Verbrechern zur Freiheit verhalf; sogar Einsatzgruppenführer, die Tausende von Menschen auf dem Gewissen hatten, kamen damals aufgrund massiven politischen und gesellschaftlichen Drucks frei“. Die Justiz stellte die Verfolgung von NS-Verbrechen ein. Der Bundestag verabschiedete Straffreiheitsgesetze, das Militär setzte die Mär von der „sauber gebliebenen Wehrmacht“ in die Welt.

Kritiker weisen darauf hin, dass die Studenten mit der Aufarbeitung nichts im Sinn hatten

Allerdings stieß die Nonchalance im Umgang mit der NS-Zeit auf wachsende Kritik. Es begann, so Frei, die „Phase der Vergangenheitsbewältigung“. 1958 kam es – eher per Zufall ausgelöst durch die dreiste Forderung eines NS-Mörders auf Wiedereinstellung in den baden-württembergischen Landesdienst – zum Ulmer Einsatzgruppenprozess. In der Folge entstand in Ludwigsburg die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. 1961 fand sich SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht gestellt. Der israelische Geheimdienst hatte ihn auf einen Hinweis des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer in Argentinien aufgespürt und entführt. 1963 folgte der Frankfurter Auschwitz-Prozess. Bauer, ein aus Stuttgart stammender Sozialdemokrat jüdischer Herkunft, hatte den Prozess angeschoben. Auch einer der Angeklagten stammte aus Stuttgart: Wilhelm Boger, von Häftlingen „Bestie von Auschwitz“ oder auch „Schwarzer Tod“ genannt.

Kritiker der 68er weisen darauf hin, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bereits vor 1968 angelaufen sei und die Studenten damit nichts im Sinn gehabt hätten. „An einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit waren sie nicht interessiert und haben dafür auch nichts geleistet“, monierte der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer 2001. Oft wird ein Zitat Rudi Dutschkes, er war das Gesicht der rebellischen Studenten, als Beleg herangezogen. Dieser antwortete auf die Frage seines Genossen Tilman Fichter vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund, ob man nicht auch etwas über die Judenvernichtung machen müsse statt sich ständig über imperialistische Gewalt in fernen Weltgegenden zu echauffieren: „Wenn wir das anfangen, verlieren wir unsere ganze Kraft (…) Man kann nicht gleichzeitig den Judenmord aufarbeiten und die Revolution machen. Wir müssen erst einmal etwas Positives gegen diese Vergangenheit setzen.“ Daniel Cohn-Bendit, der Held der Pariser Barrikaden, sagte: „Für uns war Auschwitz eine Folie, die unsere Gedanken quälte.“ Der Historiker Frei schreibt: „Im kollektiven Bewusstsein der 68er, vielleicht mehr noch in ihren Ahnungen, war die Untat der Väter präsent.“

Überall sahen sich die 68er von Alt-Nazis umringt

Aber noch amtierten die 68er nicht als Staatsanwälte oder Ministerialräte, sondern waren Studenten, die den „Marsch durch die Institutionen“ erst vor sich hatten. Deshalb kann man ihnen schwerlich vorwerfen, wie es dennoch in der konservativen Publizistik geschieht, dass sie es nicht waren, die mit der Aufarbeitung der Vergangenheit begonnen hätten. Das taten tatsächlich andere, wenige. Aber die 68er versahen den Vergangenheitsdiskurs mit einer ganz neuen Dynamik, sie popularisierten und konkretisierten die Auseinandersetzung um die Frage, wie die NS-Zeit zu bewerten sei. An den Universitäten hüllten sich noch immer hochmögende Ordinarien in ihre Talare, denen kein kritisches Wort über ihre Rolle in der NS-Zeit über die Lippen kommen wollte. Sie führten herrisch das Wort, während Rückkehrer aus dem Exil bemüht waren, nicht weiter aufzufallen. „Im Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden, sonst hat man Ressentiment“, notierte Theodor Adorno bitter 1959 in seinem Aufsatz „Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit“.

Dem setzten die Studenten ihren Aufschrei entgegen. In dem Flugblatt „Organisieren wir den Ungehorsam gegen die Nazi-Generation“ heißt es: „Holen wir nach, was 1945 versäumt wurde: Treiben wir die Nazi-Pest zur Stadt hinaus.“ Gemeint war auch Kanzler Kurt Georg Kiesinger, der 1933 NSDAP-Mitglied geworden war. Überall sahen sich die 68er von Alt-Nazis umringt, überall witterten sie den Rückfall in die Barbarei. Der Protest gegen die Notstands-Gesetze wurde bald zum Widerstand gegen die „NS-Gesetze“, der Polizei begegneten Studenten mit einem höhnischen Hitlergruß. Das war dann die Kehrseite der studentischen Revolte gegen das Vergessen: Die Universalisierung des Faschismusverdachts auf alles und jedes. Er diente als Instrument im Kampf um die politische Hegemonie. Aber am Ende zählen nicht die ideologischen Verirrungen der junge Leute, es zählt ihr zum Handeln drängender Wunsch, dass es Auschwitz nie wieder geben sollte.

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