Als kleines Mädchen war Anita sehr schüchtern. Davon haben die Eltern ihr oft erzählt. Sie selbst erinnert sich: „Ich wollte für immer daheim bei Mama und bei Papa wohnen.“ Es kam anders. Heute ist Anita Kleinschmidt in der ganzen Welt zuhause. Sie produziert Videos für Firmen wie Jeep oder Manner-Waffeln. Allein für diese Werbe-Clips ist sie schon viel unterwegs. Aber alle paar Monate nimmt sich die 30-Jährige aus Eppingen-Rohrbach zusätzlich eine Auszeit von der Arbeit – für ihre „Challenges“, wie sie es nennt.
Dann lebt sie als Cowgirl in Arizona, besucht einen Yogi in Nepal oder wird zur Pilotin von Hochgeschwindigkeitsdrohnen. Immer wieder komme ihr so eine fixe Idee in den Sinn, erzählt sie an diesem Wintertag während eines Heimatbesuchs. Und diese Idee muss dann möglichst bald umgesetzt werden, damit sie raus aus dem Kopf ist.
Anita Kleinschmidt macht nach der Realschule ihr Abitur nach, studiert dann Bildungswissenschaften und Germanistik. Eine Lebensphase, die ganz nach den Vorstellungen ihrer Eltern verläuft: fleißig lernen, gute Noten schreiben, eine feste Stellung mit gutem Verdienst finden und sesshaft werden – gerne in Rohrdorf. Dann am besten bald heiraten und Kinder bekommen.
Der gut bezahlte Job bei SAP erfüllt sie nicht
Die Eltern leben ihr diese Beständigkeit vor. Sie arbeiten seit Jahrzehnten bei alteingesessenen Firmen im Umland. Die Familie wohnt in einem stattlichem Haus am Ortsrand von Rohrbach – zusammen mit Anitas Opa und Anitas jüngeren Bruder, der Maschinenbau studiert. Doch die Tochter hat irgendwann völlig andere Pläne. Seit ein paar Jahren schlägt sie mittlerweile schon aus der Reihe. Und jetzt denkt sie auch noch drüber nach, in die USA auszuwandern.
Nach ihrem Uni-Abschluss bleibt Anita Kleinschmidt zunächst auf dem Weg, den sich die Eltern wünschen: Sie findet eine gut bezahlte Anstellung als Personalerin beim Weltkonzern SAP. Einmal will ihr Chef eigentlich nur eine schnöde Einladung für eine Mitarbeiterfeier schreiben und per Email verschicken. Die neue Angestellte indes schlägt vor, lieber ein kleines Video zu produzieren. „Dabei“, sagt sie, „hatte ich damals von Videoschnitt noch gar keine Ahnung.“ Der Clip wird trotzdem ein Erfolg. Man erkennt ihr Talent. Bald produziert sie für das Unternehmen einen Werbefilm nach dem anderen, bekommt sogar einen Mitarbeiter an ihre Seite. Ihre Karriere könnte nun so richtig Fahrt aufnehmen. Aber Anita Kleinschmidt kündigt.
„Alle haben mich für verrückt erklärt“, erzählt sie. „Du spinnst!“, bekommt sie zu hören. Und: „Wie bescheuert muss man sein?“ Sie sei dem Unternehmen und ihrem damaligen Chef „unfassbar dankbar“. Dennoch teilt sie ihm mit: „Ich will mehr!“ Mehr erleben. Mehr Freiheit. Mehr herumkommen. „Raus in die große, weite Welt.“
Ihr neues Leben startet mit einem One-Way-Ticket nach Nepal. Sie möchte Yoga-Lehrerin werden. Ihre erste Challenge. Der Vater sagt: „Auf keinen Fall!“ Als junge Frau ganz allein durch Asien reisen? Das kommt gar nicht in Frage. Aber in dieser Sache lässt sich Anita Kleinschmidt nicht beirren. Sie geht ihren Weg und lässt sich zur Yogini ausbilden. Danach bleibt sie noch länger in Asien. Die junge Frau, die bis dahin nie alleine reiste, besucht Thailand und Sri Lanka.
Nach ihrem viermonatigen Trip startet sie als freie Video- und Fotografin durch. Die ersten Aufträge kommen auch von ihrem einstigen Arbeitgeber SAP. Sie verdiene mit ihren Clips gutes Geld, sagt sie. Zumindest kann sie sich damit ein großes Stück Freiheit erkaufen. Mit ihren Challenges will sie „immer in einem bestimmten Bereich einen riesigen Sprung nach vorne machen“. Ob sie für ein paar Wochen in eine fremde Kultur eintaucht oder eine neue Fähigkeit erlernt: „Diese Erlebnisse“, sagt sie, „bringen mich physisch und mental an Grenzen.“ Ihre Abenteuer hält sie ebenfalls in Videoclips fest. „Das ist wie Tagebuch schreiben.“
Einen Monat lang reist Anita Kleinschmidt im Auto durch den Schwarzwald bis nach Berchtesgaden, übernachtet im Dachzelt. Diese Erfahrung, sagt sie, habe ihr die Augen geöffnet und gezeigt, „wie wenig ich brauche, um glücklich zu sein“. Es sei wissenschaftlich erwiesen: schon ein schnöder Spaziergang im Wald senke den Stresslevel.
In New York lernt sie bei Buddhisten die Kunst der Stille
Während eines Monats in einem buddhistischen Kloster nördlich von New York taucht Anita Kleinschmidt in eine Jahrhunderte alte Tradition ein, lebt mit den Mönchen und erlernt „die Kunst der Stille“, wie sie sagt. Die letzten sieben Tage werden zur „ultimativen Herausforderung“: meditieren, keinen Ton von sich geben, immer eine weiße Wand anschauen. „Eine Reise tief in mich selbst.“ Im Kloster habe sie gelernt, ihre Aufmerksamkeit besser zu steuern. Heute sagt sie: „Ich kann mit meinen Gedanken meine Realität beeinflussen.“ Sie sei Herrin über ihren Kopf, lebe seither viel gelassener.
Einen Monat lang wohnt Anita Kleinschmidt mit den ältesten Menschen der Welt. Sie hat irgendwo gelesen, dass auf der griechischen Insel Ikaria überdurchschnittlich viele Menschen älter als 100 Jahre werden – und beschließt spontan: „Da muss ich hin!“ Also: Flug nach Athen und die Fähre bis zur Insel buchen, Auto mieten und auf dem Eiland einfach drauf losfahren. In einem kleinen Ort trifft sie dann eine Frau, kommt mit ihr ins Gespräch und wird eingeladen. „So was passiert mir dauernd.“ Fast vier Wochen verbringt sie mit der Familie ihrer Zufallsbekanntschaft.
Und lernt: die Menschen auf dieser magischen Insel im Mittelmeer haben offenbar jeden Menge Zeit. Man verabredet sich um 14 Uhr, kommt aber mitunter erst zwei Stunden später zusammen – trotzdem scheinen alle, damit ganz happy zu sein. „Keiner rennt der Zeit hinterher.“ Viele Insulaner, erzählt Anita Kleinschmidt, bauen ihr eigenes Gemüse vor dem Haus an, es gibt kaum Fertigprodukte. Ihren Wein nennen die Leute auf Ikaria „Medizinwein“, der Honig sei „ein natürliches Antibiotikum“.
Einen Monat nutzt sie, um im US-Bundesstaat Arizona zum Cowgirl zu werden: Auf einer abgelegenen Ranch in den White Mountains lebt Anita Kleinschmidt inmitten der Natur. Mit einem Problempferd macht sie eine „krasse Erfahrung“. Das Tier lässt zunächst keine Menschen an sich ran, selbst die Rancher nicht. Mit viel Zuwendung und noch viel mehr Zeit gewinnt die ungewöhnliche Videografin aus Deutschland schließlich das Vertrauen des Pferdes. In Woche zwei lässt sich das Tier füttern, in der dritten sogar reiten. So erzählt es Anita Kleinschmidt.
Während eines Monats in Little Havana im US-Staat Florida lernt sie Salsa und Bachata. Sie wird „Teil einer Community voller Lebensfreude“ und beschließt, dass tanzen fortan zu ihrem Leben gehören soll. Später wird Anita Kleinschmidt Pilotin von Hochgeschwindigkeitsdrohnen und lernt dabei „absolute Konzentration und Präzision“. Mit der Teilnahme an einem Drohnen-Rennen in Mailand krönt sie diese Challenge.
Innerhalb von drei Monaten will Anita Kleinschmidt in Karlsruhe von der absoluten Anfängerin zu einer Ninja-Warrior-Athletin werden. Ninja Warrior überwinden einen Hindernisparcours, der extreme körperliche Stärke, Ausdauer und mentale Disziplin erfordert. Das Training viermal die Woche, erzählt sie, „war echt hart“.
„Grenzen existieren nur im Kopf“
Bei all den kleinen und großen Abenteurer hat Anna Kleinschmidt eines kapiert: „Grenzen existieren oft nur im Kopf.“ Ihr Ziel sei es, „nicht nur ein Leben zu leben – sondern so viele unterschiedliche Lebensstile wie nur möglich.“ Mit ihren Challenges möchte sie auch andere dazu inspirieren, mutig zu sein und Neues zu wagen.“ Ihre eigenen Ideen, sagt Anita Kleinschmidt, gehen ihr ganz bestimmt nicht aus.
Und was sagen die Eltern daheim im beschaulichen Rohrbach nach mittlerweile gut fünf Jahren dieses unsteten Lebens ihrer Tochter? „Die haben sich damit abgefunden.“ Vermutlich auch mit ihrer neuesten Idee: Sie will Hundeschlittenführerin werden. In Grönland.