Die AfD-Hochburg Pforzheim Die heile Welt des Pfarrers bekommt einen Risse

Politik: Rafael Binkowski (bin)
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Nein, Haidach sei schon längst kein Problemviertel mehr, kein sozialer Brennpunkt wie früher. Auf diese Feststellung legt Alexander Kunick wert. Der 55-Jährige ist der evangelische Pfarrer des Stadtteils. Er sitzt im Empfangszimmer des Gemeindezentrums in Sichtweite des Ladenzentrums. Seit drei Jahren ist Kunick hier tätig, er hat sich bewusst für Haidach entschieden, weil er bereits in Karlsruhe mit Aussiedlern gearbeitet hatte. „Ich fühle mich sehr wohl“, sagt er. Der Protestant freut sich über die starke Kirchenbindung, der Gottesdienst am Sonntag ist noch ein Stelldichein, zu dem die ganze Familie kommt und den Worten des Geistlichen lauscht.

Am 13. März hat Alexander Kunicks heile Welt einen Riss bekommen. „Ich war entsetzt und schockiert über das Wahlergebnis der AfD“, sagt der Theologe. Denn eigentlich ist Haidach aus seiner Sicht ein Musterbeispiel dafür, wie Integration gelingen kann. Früher prägten Gewalt, Alkohol und Kriminalität das Viertel. Doch längst bilden das Bürgerhaus und die Kirchengemeinde eine soziale Klammer, die alles zusammenhält. So ist ein stabiles Milieu entstanden. „Die meisten haben ein mittleres Bildungsniveau und einen guten Job“, sagt Kunick. Viele arbeiten bei Mercedes in Sindelfingen oder Rastatt.

Warum also so viele Stimmen für die AfD? Warum eine Bürgerwehr?

Seit einigen Monaten sind rund 40 Asylbewerber aus Nigeria, dem Irak, Gambia und Pakistan in einer Haidacher Unterkunft. Kaum jemand bemerkt sie, Kunick organisiert mit einem Freundeskreis Alltagshilfe für die Flüchtlinge. Dass einer seiner Schützlinge auch nur im Entferntesten eine Gefahr darstellt, ist für den 55-Jährigen außerhalb jeder Vorstellung: „Das sind friedliche, traumatisierte Leute.“ Und doch haben sie nicht nur Ängste geweckt, sondern auch Wut.

Die Stimmung kippt

Das hat Alexander Kunick bei einer Predigt Anfang März gemerkt, in der er die fremdenfeindlichen Ausschreitungen einer rechtsradikalen Menschenmenge im sächsischen Clausnitz kritisierte. „Ich habe deutlich erklärt, dass so etwas völlig unakzeptabel ist für Christen, habe von einem Mob gesprochen“, erzählt der Pfarrer. Die Gemeinde war irritiert, ein junger Mann hat ihn sogar angeschrien. Kunick spürte, dass er mit seiner Meinung ziemlich alleine dastand. Der Theologe macht die Angst vor sozialem Abstieg für diese Stimmung verantwortlich, die Angst vor einem Verlust der mühsam aufgebauten Existenz und des bescheidenen Wohlstands. Die Aussiedler fühlen sich durch die Zuwanderer bedroht: „Das bekomme ich immer wieder zu hören“, berichtet Alexander Kunick.

Das sieht auch Gert Hager so. Der Jurist und Sozialdemokrat ist Pforzheimer Oberbürgermeister und residiert in einem riesigen Betonbau am Marktplatz. Wirklich überrascht hat den 53-Jährigen der Erfolg der AfD nicht. „Wir sind eine Stadt der Gegensätze“, sagt er. So weist Pforzheim die dritthöchste Millionärsdichte in Deutschland auf, zugleich leben viele Familien in prekären Verhältnissen. Besonders bedenklich ist, dass zwei Drittel der Erwerbslosen nicht einmal einen Schulabschluss besitzen – davon haben wiederum die Allermeisten einen Migrationshintergrund. Menschen aus 143 Nationalitäten wohnen in der Stadt, auch das ist wiederum ein rekordverdächtiger Wert.

Bernd Grimmer gelingt es offenbar, aus diesen soziologischen Fakten politisches Kapital zu schlagen. Sein beispielloser Erfolg bei der Landtagswahl hat ihn zu einem Star der AfD gemacht. Grimmer in diesen Tagen zu treffen, ist nicht ganz einfach. Medienanfragen von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis zu französischen Fernsehsendern halten ihn auf Trab, zudem konstituiert sich die neue Fraktion im Stuttgarter Landtag, Grimmer ist deren Geschäftsführer und einer von drei Landessprechern. Die Begegnung findet nach vielen Telefonaten in der Geschäftsstelle der AfD in Stuttgart statt.

Das Büro liegt abgelegen in einem Gewerbegebiet, keine Schilder weisen darauf hin. „Wir wollen anonym bleiben, sonst fürchten wir Anschläge“, sagt Grimmer. Der Pforzheimer tritt höflich auf und spricht zurückhaltend. Ihn scheint wenig mit den Lautsprechern der Partei wie Björn Höcke, dem AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, zu verbinden.

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