Die AfD-Hochburg Pforzheim Die Wahlanalyse des neuen AfD-Stars

Politik: Rafael Binkowski (bin)
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Grimmer war Jahrzehnte in der Sozialversicherung tätig, vor fünf Jahren ging er in Rente. Er ist in Pforzheim geboren und aufgewachsen, hat zwei Kinder und ist verwitwet. Viel mehr will er über sich selbst nicht erzählen, lieber spricht er über Angela Merkel und die aus seiner Sicht fehlerhafte Parteiendemokratie. Eloquent tritt er auf, hat auf jede Frage eine Antwort. Was sagt er zu Björn Höckes Gerede vom „afrikanischen vermehrungsfreudigen Ausbreitungstyp“? So etwas sei normal für eine junge Partei: „Björn Höcke sollte eine andere Sprache sprechen, aber ich finde gut, dass er ein Patriot ist.“

Nein, unwohl scheint sich Grimmer mit solchen Leuten in seiner Partei nicht zu fühlen. Und er hat auch keine Sorge, als bürgerliches Aushängeschild missbraucht zu werden. „Wir lehnen ehemalige NPD-Mitglieder bei uns ab und führen mit Antragstellern anderer rechter Gruppierungen Einzelgespräche“, betont er. „Ich habe selbst solche Gespräche geführt.“ Besteht nicht dennoch die Gefahr, dass der rechte Flügel und Radikale vollends die Macht in der AfD übernehmen? Er beugt sich vor, lächelt gewinnend: „Genau dafür will ich sorgen, dass wir nicht das Schicksal anderer neuer Parteien erfahren.“

Grimmer wird niemals ungehalten, er ist bereits ein echter Medienprofi. Wie erklärt er sich, dass Russlanddeutsche in seiner Heimatstadt Bürgerwehren organisieren und seiner Partei in Scharen zu laufen? Der 65-Jährige hat eine einfache Antwort: „Wir vertreten die konservativen Positionen, die früher die CDU vertreten hat.“ Diese These passt ideal zu dem Bild, das Grimmer von sich selbst zeichnet: ein aufrechter Konservativer, bürgerlich und seriös. Wer sollte vor diesem freundlichen, intellektuellen älteren Herrn Angst haben?

Fremdeln mit der CDU

Seine Anhängerschaft weist teilweise einen ganz anderen sozialen Hintergrund auf. Die AfD spricht vor allem die jüngeren Russischstämmigen an, die Anfang der 2000er Jahre nach Pforzheim gekommen sind, Russisch sprechen und sich in mutmaßlich von Präsident Putin gesteuerten Medien aus Moskau informierten. Die Mitglieder der Bürgerwehr in Haidach etwa kommen aus dieser Gruppe. Als der „Perwij Kanal“ im Januar die Falschmeldung über eine angebliche Vergewaltigung eines russischstämmigen Mädchens in Berlin durch Migranten berichtet hatte, organisierten sie in Pforzheim eine Demonstration. Sie trugen Schilder mit Aufschriften wie „Unsere Kinder sind in Gefahr“ oder „Heute mein Kind – morgen dein Kind“.

Früher erzielte die CDU in Haidach 70 Prozent. Doch mit einer Partei, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Kita-Ausbau und nun Willkommenskultur vertritt, fremdeln die traditionell denkenden Aussiedler. Und nicht nur die.

In Pforzheim trifft die AfD auf ein konservativ-evangelikales Milieu, das ähnlich traditionell denkt wie die Aussiedler. Der Politikwissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim hat in seiner Wahlanalyse herausgefunden, dass die AfD in einem breiten Gürtel von Calw über Pforzheim bis nach Schwäbisch Hall gute Wahlergebnisse eingefahren hat. „Offenbar gibt es in den protestantischen, teils pietistischen Regionen einen Nährboden für rechte Parteien.“ Weniger Zuspruch erfährt die neue Partei in Großstädten und katholischen Landstrichen wie Oberschwaben. In evangelikalen Kreisen finde die AfD offenbar stärker Anknüpfung an autoritäre und chauvinistische Orientierungen, sagt Brettschneider.

Diese Kombination aus tief verwurzelten politischen Überzeugungen und kurzfristigen sozialen Entwicklungen – Stichwort: Flüchtlingskrise – hat Grimmer ins Landesparlament gebracht. Genugtuung über diesen persönlichen Erfolg bestreitet er nicht. Nur eines wurmt den künftigen Fraktionsgeschäftsführer der AfD: Dass die alten Kollegen aus dem Pforzheimer Stadtrat ihn nicht mehr grüßen. Bei aller Freude über das Direktmandat und den Erfolg der AfD scheint Grimmer eines bewusst zu sein: Mit seinem Engagement für eine in Teilen fremdenfeindliche Partei grenzt er sich aus seinem ehemaligen gesellschaftlichen Umfeld in seiner Heimatstadt aus.

Zurück in den Stadtteil Haidach. Die Sonne hat sich gegen die Wolken durchgesetzt an diesem Frühlingstag. „Das Phänomen AfD wird sich wieder verflüchtigen“, glaubt Alexander Kunick und erzählt von einem vorbildlichen Jugendprojekt in seinem Stadtteil: Russlanddeutsche und Einheimische organisieren zusammen Freizeiten. „Für die nächste Generation“, sagt der Pfarrer, „spielt die Abgrenzung gegen Fremde vielleicht gar keine Rolle mehr.“

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