Die Amerikaner und der Glaube an Außerirdische Wo sind all die Aliens hin?

In der Kleinstadt Roswell, wo 1947 ein Ufo abgestürzt sein soll, wirbt fast jedes Geschäft mit kleinen grünen Männchen. Foto: Steve Przybilla

In den Neunzigern häuften sich Berichte über Menschen, die behaupteten, von Außerirdischen entführt worden zu sein. Heute ist es still geworden um das Thema – zumindest auf den ersten Blick.

Los Angeles - Den Sommer 1986 wird Karl Grossmann nie mehr vergessen. „Ich hatte mir gerade ein neues Auto gekauft und wollte mit ihm eine Spritztour unternehmen“, erzählt der 69-jährige US-Amerikaner, der in Kalifornien lebt. „Also bin ich bis in den Yosemite-Nationalpark gefahren und habe auf dem Rücksitz übernachtet.“

 

Was dann geschah, darüber hat er 30 Jahre lang geschwiegen– aus Scham, als Verrückter abgestempelt zu werden. Doch irgendwann hielt der ehemalige Automechaniker das Schweigen nicht mehr aus. Jetzt sitzt er bei seiner Therapeutin, um das Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen. Das Licht ist gedimmt, im Regal liegen Wolldecken, um Geborgenheit zu vermitteln. Grossmann atmet tief durch, dann fängt er mit leiser Stimme an zu erzählen.

„Mitten in der Nacht“, sagt er, „ist im Nationalpark eine Art Feuerball über den Bäumen erschienen.“ Ein warmer, weißer Lichtstrahl habe ihn erfasst und „nach oben“ gezogen. „So etwas Friedliches habe ich noch nie gespürt“, sagt Grossmann, doch schon wenige Minuten später bekam er es mit der Angst zu tun. „Ich lag auf einem Tisch, konnte mich nicht bewegen. Drei spindeldürre graue Wesen mit Mandelaugen standen um mich herum und untersuchten mich. Einer von ihnen sagte nur ein Wort: Züchtung.“

Die Bevölkerung ist gespalten

Ein Beweis für Aliens, die auf der Erde ihr Unwesen treiben? Oder nur ein Beispiel für blühende Fantasie? In den USA ist die Bevölkerung gespalten, was diese Frage angeht. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos glauben 57 Prozent an intelligentes Leben auf anderen Planeten. 45 Prozent bejahten die Aussage: „Ufos existieren und haben die Erde bereits besucht.“ Ganz so allein wie 1986 ist Grossmann heute also nicht mehr.

Trotzdem fällt auf, dass sich dieser Tage nur noch selten Menschen aus der Deckung wagen, um intergalaktische Begegnungen preiszugeben. Ganz anders in den Neunzigerjahren: Vor allem in den Vereinigten Staaten berichteten die Medien regelmäßig über Personen, die von Außerirdischen entführt und auf verschiedenste Weise gequält wurden – oder ebendies behaupteten. Die Mystery-Serie „Akte X“ brachte das Thema in Millionen von Wohnzimmern; Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey lud Menschen ins Studio ein, die ihre Begegnungen der dritten Art schilderten.

Eine Stadt wirbt mit Aliens

John Mack, ein renommierter Harvard-Professor, beschäftigte sich in damals ein mit dem Phänomen, das scheinbar immer weiter um sich griff. In seinen Untersuchungen kam er zu dem Schluss, dass viele Personen, die von Alien-Entführungen berichteten, unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden – wie Soldaten, die im Krieg etwas Traumatisches erlebt haben. Ob dabei wirklich Außerirdische im Spiel waren, vermochte auch Mack nicht zu sagen. Er war jedoch Zeit seines Lebens davon überzeugt, dass die Betroffenen selbst daran glauben.

Und heute? Funkstille. In den USA sind Außerirdische vor allem dort sichtbar, wo sie Geld bringen. In der Kleinstadt Roswell, wo 1947 ein Ufo abgestürzt sein soll, wirbt fast jedes Geschäft mit kleinen grünen Männchen. Auf den Straßenlaternen kleben Augen, damit sie wie Alien-Köpfe aussehen. Und die Mc-Donald’s-Filiale wurde so gestaltet, dass sie einem Raumschiff ähnelt. Ernsthaft diskutiert wird das Thema in der Öffentlichkeit aber kaum noch. Selbst „Akte X“, einst ein Mekka für „Gläubige“, hatte sich irgendwann totgelaufen.

Viele Menschen sind betroffen

Nach den Terroranschlägen aufs World Trade Center sei „einfach nicht mehr die richtige Stimmung“ gewesen, erzählte Akte-X-Produzent Chris Carter Jahr 2008. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle, die an Alien-Entführungen glauben, ebenfalls vom Erdboden verschwunden sind. „Es betrifft noch immer sehr viele Menschen“, sagt Laurie McDonald, eine US-Psychotherapeutin, die sich auf das Thema spezialisiert hat.

Auch Karl Grossmann gehört zu ihren Patienten. „Die Leute haben es satt, dass sich die Mainstream-Medien über sie lustig machen“, sagt sie. Deshalb redeten die meisten heute nur noch in Selbsthilfegruppen oder sozialen Netzwerken über das Erlebte. Rund 1300 Fälle stapelten sich auf ihrem Schreibtisch.

Karl Grossmann hat es geholfen, mit seiner Therapeutin über den verhängnisvollen Sommertag im Yosemite-Nationalpark zu sprechen. „Heute ist es mir egal, ob mich die Leute für verrückt halten“, sagt der 69-Jährige. Er sei ruhiger geworden, gelassener. „Die Angst ist jetzt viel geringer“, sagt er. „Auch wenn ich jetzt weiß, dass da draußen mehr ist, als die meisten denken. Viel mehr.“

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