Die Ammertalbahn Die Volksbahn auf der Überholspur

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Die Strecke zwischen Tübingen und Herrenberg wird vom Erfolg überrollt, so wie auch andere Bahnstrecken im Lande. Sonderfahrten lockten nicht nur Eisenbahnfans an – sondern machten Lust auf mehr.

Um 1850 werden Schienen fleißig Schienen verlegt. Foto: factum - Honzera
Um 1850 werden Schienen fleißig Schienen verlegt. Foto: factum - Honzera

Tübingen - Mitten in den Ferien – und 49 Menschen jeden Alters, beiderlei Geschlechts und Hautfarben von dunkel bis hell steigen um 13.44 Uhr am Gleis 13 im Tübinger Hauptbahnhof aus der Ammertalbahn. Und das an einem Werktag im Urlaubsmonat August. Keine Schüler, keine Pendler und dennoch ist der Dieseltriebwagen auf den 21 Kilometern zwischen Herrenberg und Tübingen gut gefüllt. Ein kleiner Beweis für den großen Erfolg einer Bahnlinie, die längst zur Volksbahn für alle geworden ist.

„Dann nemmet doch des alte Glump für eine Mark.“ Der Spruch des ­damaligen Bahn-Chefs Heinz Dürr zu den von Zügen verlassenen Schienen war Anfang der neunziger Jahre eher flapsig gemeint. Doch Landkreise und Initiativen nahmen den Satz ernst und die Bahn beim Wort. Für eine Mark gingen Ammertal-, Schönbuch- oder Ermstalbahn an Zweckverbände oder GmbHs über. Wenig später kam die Bahnreform, seither kann das Land in die Schiene investieren. Die Renaissance des Schienenpersonennahverkehrs begann.

In den fünfziger Jahren bildete die Bahn schon einmal das Rückgrat des Nahverkehrs. In einer Zeit, als der Traum aller Familien ein VW Käfer war, es in der Realität aber oft nur für ein Motorrad reichte, brachten Züge die Arbeiter zu den Fabriken. Gastarbeiter hatten erst recht kein Auto, so wie 200 Griechen in Pfäffingen. Der Schaffner der Ammertalbahn hat dort gerufen: „Nächste Station Saloniki Hauptbahnhof!“ Der steigende Wohlstand machte die Pendler individuell mobil.

Die wenig flexible Preis- und Fahrplanpolitik der Bahn trug das Ihre dazu bei, dass  sich die Waggons leerten. Am Ende der Abwärtsspirale standen Streckenstilllegungen. Die Ermstalbahn zwischen Metzingen und Bad Urach gehörte dazu, auch Reutlingen–Honau, Münsingen– Schelklingen, Balingen– Rottweil und die Schönbuchbahn Böblingen– Dettenhausen.

Die Ammertalbahn hielt sich nur auf dem Abschnitt Ammerbuch–Tübingen. Sogenannte Bildungspendler fuhren mit Schienenbussen zu den weiterführenden Schulen in die Unistadt.

Sonderfahrten wecken Lust

Es waren die Vertreter der Umweltbewegung und sicher auch Eisenbahnenthusiasten, die eine Wende brachten. Immer wieder weckten Sonderfahrten die Lust auf den Zug. Der neue Glanz ließ das „Arme-Leute-Image“ verblassen. So fuhren auf Initiative der Gemeinde Ammerbuch am 1. Mai 1985 zum 75-Jahr-Jubiläum der Ammertalbahn Züge im Stundentakt. Am 9. September 1990 organisierte der Tübinger Lehrer Gerhard Schnaitmann einen Sonderzug von Bad Urach zu den Heimattagen Baden-Württemberg in Bretten und zurück zum Schäferlauf in Bad Urach. Gefahren wurde mit einem grünen Triebwagen unter dem Motto „Im grünen Zug durchs schwarze Land“. Grünen-Chef Cem Özdemir war damals 24 und verkaufte Fahrkarten für den Zug auf dem Bahnsteig in Bad Urach.

Schnaitmann erkundete das Land mit der Bezirkswochenkarte, die von der Bahn bis 1991 zu 89 Mark angeboten wurde. Von 1986 bis 1993 verfasste er mit dem Redakteur Bernd Ulrich Steinhilber 67 Folgen der Serie „Mobil ohne Automobil“ im „Schwäbischen Tagblatt“. Den Inhalt bildeten Reise- und Tariftipps für den öffentlichen Nahverkehr. „Kein Mensch hat damals solche Themen aufgegriffen“, sagt Steinhilber, „die Serie hat gezeigt, was für Reisen mit der Bahn möglich waren. Das wussten die meisten gar nicht.“ Zur Ammertalbahn war zu erfahren, dass es „die einzige DB-Strecke mit kostenloser Fahrradmitnahme ist“.

Schnaitmann machte sich dazu als grüner Tübinger Gemeinderat einen Namen als Verkehrsexperte, so dass ihn Verkehrsminister Hermann Schaufler (CDU) 1995 als Fahrplanfachmann zur neuen, landeseigenen Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg holte (NVBW). Dort gestaltet er bis heute Fahrpläne – und setzt sich für die Reaktivierung von Strecken ein.

Ab den neunziger Jahren gibt es Zweckverbände

Dazu gehörte die Schwäbische Albbahn zwischen Kleinengstingen und Münsingen, wo an Sonntagen des Sommers 1999 nach 30 Jahren wieder Personen befördert wurden – allesamt Ausflügler. „Wir ersetzen aufwendige Sicherheitstechnik durch langsames Fahren an Bahnübergängen“, meinte Schnaitmann damals, als der Zug unbeschrankte Bahnübergange mit zehn Stundenkilometern passierte. Nach dem Abzug der Bundeswehr wollte die Bahn die Strecke 2004 ganz stilllegen. Gerade noch rechtzeitig pachtete die Erms-Neckar-Bahn AG die 43 Kilometer Schiene zwischen Oberheutal und Schelklingen. Seit 2004 sind auf der leicht modernisierten Strecke sogar Schülerzüge unterwegs.

Mitte der neunziger Jahre gründeten Landkreise wie Tübingen und Böblingen Zweckverbände für die Schönbuch- und die Ammertalbahn. Der Kreis Reutlingen hielt sich zurück, hier drückte die Erms-Neckar-Bahn AG aufs Tempo. Als Dividende winken kostenlose Zugfahrten. Am 1. Januar 1996 übernahm das Land die Trägerschaft für den Schienenpersonennahverkehr und konnte sowohl Fahrzeuge wie auch Investitionen in die Strecken fördern. Dann ging es ganz schnell. Von Dezember 1996 an wurde auf der Schönbuchbahn fahrplanmäßig gefahren. Gut 2500 Fahrgäste waren prognostiziert worden. Vom ersten Tag an waren es mehr als 4000, heute sind es 5500.

Neue Gleise konnten verlegt werden

Zum Glück für die Ammertalbahn waren die Schienen zwischen Gültstein und Herrenberg zwar entfernt, die Strecke aber nie im Sinne des Rechts aufgegeben worden. So konnten neue Gleise ohne Prozesse verlegt werden. Geärgert haben sich allenfalls Anwohner, die ihre Gärten großzügig ausgeweitet hatten. Die moderne Ausgabe der Ammertalbahn nahm 1999 – gleichzeitig mit der Ermstalbahn – den Betrieb auf. Statt den vorausgesagten 4000 nutzen täglich 8000 Menschen die Züge durchs Ammertal und viele von ihnen in Herrenberg den S-Bahn-Anschluss Richtung Böblingen/Stuttgart. Längst geht es nicht mehr um den Erhalt der Strecken, sondern um eine Modernisierung, um die Elektrifizierung, moderne Züge oder zusätzliche Ausweichgleise.

Schnaitmanns Fazit: „Es lohnt sich, Bahnstrecken vorzuhalten.“ Wenn die nicht nur stillgelegt, sondern entwidmet sind – so lautet der Begriff für die endgültige Aufgabe –, dann „sind sie in einem dicht besiedelten Land wie der Bundesrepublik unwiederbringlich verloren“. Für die Zukunft fallen ihm Beispiele für neue Projekte ein: Die Schwarzwaldbahn Weil der Stadt–Calw, die Verbindung Ludwigsburg–Markgröningen, die Zabergäubahn Lauffen–Leonbronn über Bruchsal oder auch die Talgangbahn in Albstadt.

Zurück ans Gleis 13: um 14.17 Uhr am Augustwerktag verlässt die Ammertalbahn Tübingen. 34 Fahrgäste sind dabei, mit Sporttaschen, Inlinern, Rucksäcken, Einkaufstaschen. Nur Schulranzen fehlen – bis zum Schulanfang am 10. September.