Die Archive der Popstars Im Labyrinth der Rock-’n’-Roll-Schatzkammern
Die Musikindustrie bombardiert Sammler mit immer neuen Ausgrabungen ihrer Idole, die gerne als sensationell angekündigt werden – es häufig aber nicht sind.
Die Musikindustrie bombardiert Sammler mit immer neuen Ausgrabungen ihrer Idole, die gerne als sensationell angekündigt werden – es häufig aber nicht sind.
Stuttgart - Zwei neue Monumente der Musikgeschichte setzen an zur Landung in den Plattenläden und Sammlerregalen: An diesem Freitag erscheint Bob Dylans „Rolling Thunder Revue“, Aufnahmen der Dylan-Tour des Jahres 1975, eine Box mit 14 Compact Discs, alternativ lieferbar als schmales Drei-LP-Set. Wenige Tage später wird der Streamingdienst Netflix die Dokumentation des Regisseurs Martin Scorsese zur Dylan-Tour veröffentlichen. Ebenfalls am Freitag erscheint mit „Tuscaloosa“ die Aufnahme eines Konzerts, das Neil Young vor 46 Jahren mit den Stray Gators gab, seiner damaligen Band. Das sind nur zwei Beispiele von vielen, wie die Industrie in einer Zeit, in der Musik in ungeahntem Ausmaß virtuell verfügbar wird, noch einmal auf die Herzen der Sammler zielt. Manchmal trifft sie, manchmal geht der Schuss daneben.
„Die Generation der Babyboomer ist heute in Amt und Würden“, sagt Roland Hiss. „An sie richtet sich das, ganz klar.“ Hiss selbst gehört ihr an, jener Generation der Nachkriegsjahrzehnte, die mit der Schallplatte aufwuchs, mit dem Sammeln. 57 wird Hiss in diesem Jahr; er lebt in Waiblingen und kauft sein Vinyl in Stuttgart, bei Ratzer Records in der Hauptstätter Straße, hat sich dort „Bridges to Bremen“ vorbestellt, den Mitschnitt des Konzerts, das die Rolling Stones am 2. September 1998 in der Hansestadt gaben. Erscheinen wird dieses Werk am 21. Juni – DVD, Blue-Ray, zwei CDs oder drei LPs. „Die Stones sammele ich schon seit 1982“, sagt Roland Hiss. „Damals war ich 20 Jahre alt und habe sie bei einem Konzert in München erlebt.“ Rund 800 Tonträger der Band hat er zusammengetragen; insgesamt etwa 2000 LPs und 1000 CDs hat er in seinem Leben angesammelt. Auch „Tuscaloosa“ interessiert ihn: „Bei Neil Young wartet man immer auf eine Offenbarung, darauf, dass ein Track dabei ist, den man so noch nicht gehört hat, der einfach toll ist.“
Roland Hiss sammelt, was er hören will. Nur bei seiner Lieblingsband leistet er sich Ausnahmen, besitzt zum Beispiel seltene Pressungen, Singles, EPs, die in Mexiko oder Venezuela erschienen. Aber auch ein Sammler wie er kommt ins Schleudern, wenn Keith Richards eine 6-LP-Box mit Buch, Stickern, Plektren und Poster auf den Markt wirft für rund 110 Euro. Hiss runzelt die Stirn über manch einen Bonustrack, der sich auf der De-luxe-Version des Stones-Albums „Exile on Mainstreet“ findet, oder über die kostspielige Neuveröffentlichung eines Led-Zeppelin-Albums, die nur den einen oder anderen Song in bislang ungehörter Version bringt.
Bob Dylan, das weiß Roland Hiss, bietet mit seiner Bootleg-Series (14 Box-Sets bislang) ebenfalls einen qualitativen Gemischtwarenladen. „Wer will sich schon alle Konzerte der Dylan-Tour von 1965 anhören?“, fragt sich der Sammler. „Da wird es dann doch anstrengend.“ Hiss verzichtet, holt sich von der „Rolling Thunder Revue“ nur die Kurzfassung auf zwei LPs. „Manchmal kommen bei solchen Veröffentlichungen tolle Sachen heraus“, sagt er. „Und manchmal fragt man sich, was das soll.“
Der Markt der Rock- und Poparchivalien wächst indes weiter, die Formate, mit denen die Industrie die Sammler bewirft, werden größer und größer. Als 1997 mit „The Pet Sound Sessions“ eine Audio-Dokumentation zum Pop-Wunderwerk der Beach Boys auf vier CDs erschien, fand sie nur wenige Käufer. „The Pet Sounds Sessions“ wurde 2017 wieder aufgelegt und gilt bei Fans nun als ein Must-Have. Robert Fripp, der Kopf der britischen Progressive-Rock-Band King Crimson (am 15. und 16. Juni 2019 spielt sie in der Liederhalle), veröffentlichte bislang 41 Konzertmitschnitte aus 51 Jahren Bandgeschichte. Und er legt nach mit Wiederveröffentlichungen der King-Crimson-Studioalben in aufwendigen Boxen: 26 CDs enthält jede von ihnen und kostet weit mehr als 200 Euro.
Überboten wird Fripp noch durch die Psychedelic-Urgesteine The Grateful Dead, die jedes ihrer Konzerte mitschneiden ließen, von denen bislang offiziell mindestens 83 CD-Box-Sets mit mehrstündigen Shows erschienen, die, sofern sie als Vinyl auf dem Markt kommen, bei Sammlern augenblicklich hohe Preise erzielen – 24 Jahre nach dem Tod des Grateful-Dead-Gitarristen Jerry Garcia und der Auflösung der Band.
Die Zeit der Bootlegs, der illegalen Musikaufnahmen, ist vorbei. Im neuen Jahrtausend öffnen sich die Archive von selbst, sauber, luxuriös, remastered. Dennoch mag es manch einem Sammler auch heute noch so ergehen wie einem anderen, damals jungen Musikfan, der 1982 ein ominöses Drei-LP-Set des Sängers Peter Gabriel erwarb („Shock the Dog“, 40 DM) und in der Tat geschockt war, musste er doch feststellen, dass er sein Geld in verrauschte Aufnahmen eines endlosen Soundchecks investiert hatte. Ob nun Topsound oder Rauschen – mitunter fragt sich selbst der ergebene Fan: Braucht man das wirklich?
Eine überflüssige Frage, freilich. Popmusik ist Luxus, das Sammeln ein Instinkt, der tief im Menschen sitzt und den die Industrie gerade mit Raffinesse wieder anspricht. Reif fürs Museum ist längst nicht mehr, was weit zurück liegt – auch die Independent-Band Wilco öffnete schon ihre Archive. Und wer weiß: Vielleicht beginnt irgendwann auch die jüngere Generation wieder zu sammeln. Vielleicht denkt gerade in diesem Augenblick ein Major-Label darüber nach, eine Dokumentation der jüngsten Tournee von Helene Fischer, Wincent Weiss oder gar Julia Engelmann als Box mit 25 CDs auf den Markt zu bringen.
Ausgewählte Veröffentlichungen der kommenden Wochen:
Neil Young: Tuscaloosa. Reprise/WEA. LP/CD (7. Juni)
Bob Dylan: The Rolling Thunder Revue: The 1975 Live Recording. Columbia/Sony. 14 CDs/3 LPs (7. Juni)
King Crimson: Heaven and Earth (1997 – 2008). DFM. 24 CDs/Blu-Ray (7. Juni)
Grateful Dead: Road Trips Vol. 3 , Nr. 3. Real Gone Music/H’Art. 3 CDs (7. Juni)
The Rolling Stones: Bridges to Bremen. Eagle Rock/Universal. DVD, Blue-Ray, DVD + 2 CDs, Blue-Ray + 2 CDs, 3 LPs (21. Juni)
Prince: Originals. Unveröffentlichte Tracks. Warner. CD/2 LPs (21. Juni)
David Bowie: The Mercury Demos. Parlophone/Warner. LP mit Extras (28. Juni)
Soundgarden: Live at the Artist‘s Den 2013. Universal. 6 LPs (26. Juli)