Die Auswanderwelle vor 200 Jahren Der Traum von Brasilien
Warum vor 200 Jahren viele Menschen aus der Ortenau mit dem Baron Heinrich von Langsdorff nach Südamerika auswanderten.
Warum vor 200 Jahren viele Menschen aus der Ortenau mit dem Baron Heinrich von Langsdorff nach Südamerika auswanderten.
Ortenau - Was mag den 28 Jahre alten Tischler und Instrumentenbauer Josef Santo 1821 dazu gebracht haben, sein Heimatdorf Münchweier in der mittelbadischen Ortenau zu verlassen, um sich nach Brasilien einzuschiffen? Noch im Vorjahr hatte Santo hoffnungsfroh im „Lahrer Wochenblatt“ mitgeteilt, dass er „Forte-Pianos in billigstem Preis sowohl neu verfertigt, als auch alte repariert“ – und er sich „eines starken Zuspruchs“ schmeichele.
Im Oktober 1821 wird bekannt, dass er mit dem Baron Heinrich Georg von Langsdorff nach Brasilien gehen wird. Santo wird amtlicherseits bestätigt, dass seiner Auswanderung nichts entgegenstehe, der Bauer Oschwald im Dorf bürge für Santos Schulden. Josef Santo nimmt Ehefrau Maria und den gemeinsamen Sohn mit. Santos Bruder Anton, 25 Jahre, von Beruf Bäcker, schließt sich ebenfalls an. Die Santos reisen auf eigene Kosten, das Fahrgeld der meisten anderen Auswanderer bezahlt der Baron von Langsdorff. Den ganzen Sommer über gehen bei den Gemeinde- und Bezirksämtern Anträge auf Ausstellung eines Passes ein. Das großherzoglich-badische Innenministerium argwöhnt, dass es eine „Aufmunterung“ zur Auswanderung gebe.
Doch die Reisewilligen beteuern, sie seien aus freien Stücken zu Baron Langsdorff in Lahr gegangen, dessen Vater Johann Gottlieb Emilius Langsdorff von 1783 bis 1803 Oberamtmann der hessisch-nassauischen Herrscher der Stadt war. Im Sommer 1821 wohnt der in russischen Diensten stehende Georg Heinrich von Langsdorff zeitweilig in Lahr. Der 47-jährige weltreisende Arzt, Forscher und Diplomat ist zu der Zeit Generalkonsul des russischen Zarenreiches in der portugiesischen Kolonie Brasilien – und nach Europa zurückgekehrt, um bei der russischen Regierung in St. Petersburg Fördergeld für die Anwerbung von „Colonisten“ für sein Landgut Mandioca in der Nähe von Rio de Janeiro sowie Mittel für eine Amazonas-Expedition zu beschaffen.
Wie genau die Anwerbung lief, ist nicht überliefert. Große Mühe, Mitfahrende zu finden, hat Baron Langsdorff aber offenbar nicht, denn die wirtschaftliche Lage ist alles andere als rosig. Die Landwirtschaft leidet unter Missernten nach verregneten Sommern, viele Handwerker gehen pleite. Das „Lahrer Wochenblatt“ meldet in den Jahren 1820 und 1821 in jeder Ausgabe meist mehrere „Gant-Prozesse“ – Insolvenzverfahren – und viele „Schulden-Liquidationen“. Am 10. Januar 1821 wird beispielsweise vermeldet, dass der Schneidermeister Jacob Frick aus Dinglingen einen „Stundungs- und Nachlass-Vergleich“ beantragt habe.
Ein Dreivierteljahr später gehört auch Frick zu den 29 Ortenauern, die mitsamt Familien den Baron von Langsdorff auf das Schiff mit Ziel Brasilien begleiten wollen. Es sind Bauern, Zimmerleute, Tischler, Maurer, ein Seifensieder, ein Mühlenbaumeister, ein Bäcker und ein Köhler aus Lahr und Umgebung. Auch ein Chirurg und ein katholischer Pfarrer sind dabei.
Die Hoffnung ist groß, in der Neuen Welt ein besseres Leben zu finden. Dazu beigetragen haben vor allem zwei Briefe, die der Münchweierer Müller Anton Franz an seine Frau und an den Pfarrer geschrieben hatte. Die Briefe waren im Oktober 1820 im „Lahrer Wochenblatt“ veröffentlicht worden und machten die Runde an den Stamm- und Stubentischen. Seine Frau solle schnell nachkommen, denn er habe es sehr gut, schrieb Anton Franz, „so dass ich es mein Lebtag nicht so gut gehabt habe“.
Seinen Tag auf einem brasilianischen Gut schildert Franz so: „Morgens acht Uhr trinke ich mit Herrn Baron den Kaffee, um 12 Uhr zweierley Fleisch, um vier Uhr eine Suppe, Rindfleisch, Gemüse, Fleisch und ein Braten. Acht Uhr Tee mit Käse Butter, kalten Braten, allzeit Weißbrot und so ist es alle Tage, hier ist kein Fasttag.“ Landwirtschaft sei in Brasilien geradezu ein Kinderspiel: „Alles wächst hier sehr schnell und hier wächst alles von der Welt, wenn es gesäet wird.“
Kurz vor seiner Ankunft in Lahr im April des Jahres 1821 veröffentlicht Georg Heinrich von Langsdorff außerdem sein Büchlein „Bemerkungen über Brasilien: Mit Gewissenhafter Belehrung für auswandernde Deutsche“. Für einfache Leute ist der Kaufpreis von einem Gulden und 45 Kreuzer zwar kaum erschwinglich, doch die geradezu paradiesischen Verheißungen machen dennoch rasch die Runde.
Heinrich von Langsdorff schwärmt von Gemüse, Welschkorn, Bananen und Kaffee, die es in Brasilien in Hülle und Fülle gebe. Und er preist die Willkommenskultur: „Es regiert ein rechtmäßiger König, von allen seinen Unterthanen geschätzt und verehrt, der beste Vater seines Volkes, der den Colonisten gute Aufnahme, sichern Wohnort und beträchtliche Vortheile in dem fruchtbarsten und reichsten Land der Erde zugestehen kann und will.“
Dass die Mühen der Arbeit zum großen Teil von schwarzen Sklaven getragen werden, unterschlägt Langsdorff nicht. Aber was ihn bei seinem ersten Brasilien-Aufenthalt noch entsetzt hat, rechtfertigt er jetzt als erzieherische Maßnahme. „Ich halte es für eine weit verdienstlichere und Gott wohlgefälligere Handlung, aus einem rohen Neger einen civilisierten Bürger zu machen, als diese Menschen in ihrem Irthum, Unglauben und ihrer Rohheit in Afrika zu lassen.“ Und in Brasilien sei die Behandlung der Sklaven außerdem viel milder und menschlicher als in Nordamerika.
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Der Baron verspricht ein gutes Geschäft für alle: „Der Capitalist kann hunderte von Familien, die dürftig und elend in Europa schmachten glücklich machen, er kann in wenigen Jahren sein Vermögen verdoppeln.“ Und ein armer Bauer könne „bald ein großer Gutsbesitzer werden“. Doch Langsdorff mahnt auch zur Vorsicht: „Jeder prüfe sich selbst, überlege zuvor genau, wozu er sich entschließen will.“ Und „wenn er sich stark genug fühlt“, dann solle er „in das beste und schönste aller bekannten Länder“ mitgehen. „Wer aber Arbeit scheuend, in Müßiggang hier ein prassendes Wohlleben sucht, der mag still daheim in seinem Vaterlande bleiben.“
Im Spätherbst 1821 haben 18 Kolonisten Reise- und Arbeitsverträge mit Langsdorff abgeschlossen und einen Pass der badischen Regierung bekommen. Am 8. Dezember 1821 verlassen sie, die meisten mit Frau und Kindern, die Ortenau. Auch Carl von Drais aus Karlsruhe, Kammerherr des badischen Großherzogs und Erfinder, ist dabei – mitsamt zwei seiner neuartigen Laufräder. Sie reisen ab Freistett bei Kehl mit dem Schiff rheinabwärts und später mit Pferdewagen weiter in Richtung Bremen. Dort wartet das Segelschiff Doris, um sie und weitere Kolonisten aus Hessen und Bayern über den Ozean nach Brasilien zu bringen.
Am 5. März, nach zwei Monaten auf See, landet die 90-köpfige Reisegruppe vollzählig in Rio de Janeiro. Das ist nicht selbstverständlich, etliche andere Schiffe sind versunken, Krankheiten grassierten. Dass alle überlebt haben, zeige, dass „der allgütige Gott meine edlen Absichten begünstigt“, sagt Georg h von Langsdorff seinen Mitreisenden in einer harschen Gardinenpredigt zwei Tage bevor das Schiff im Hafen anlegt. „Mehrere von euch“, schimpft der Generalkonsul, „haben sich durch ungesittetes Betragen, durch Unbescheidenheit, Ungehorsam, ja ich möchte sagen, durch höchst unverschämte Äußerungen und unerlaubte Dreistigkeit“ hervorgetan. Aber der strenge Baron gibt auch den gütigen Patron: „Ich will von heute an alles vergessen, ihr seyd alle meine Kinder und ich liebe und schätze einen jeden von euch.“
Schon bei der Zollkontrolle geht der Ärger weiter. Mehrere Auswanderer haben verbotenerweise Gewehre im Gepäck, anderen werden Werkzeuge abgenommen, ein Bauer weigert sich, auf das Landgut mitzugehen und bleibt in Rio. Außerdem stellt Langsdorff fest, dass die Kosten der Überfahrt und die zu erwartenden Ausgaben für die Weiterreise nach Mandioca seine finanziellen Mittel übersteigen. Er schreibt an den portugiesischen Premierminister und erbettelt einen beträchtlichen Vorschuss für zwei Jahre.
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Die Arbeiten auf dem Gut Mandioca laufen an, doch schon drei Monate nach der Ankunft meutern die meisten Auswanderer. Vermutlich spielen die klimatischen Bedingungen, die Plagen der Natur – Schlangen, Zecken, Skorpione, Ungeziefer – eine wichtige Rolle. Ein preußischer Offizier berichtete schon im Jahr 1819 von einem sommerlichen Ballabend auf Mandioca: „Um acht Uhr waren die Arme, Schultern und Rücken der Damen, die der Mode entsprechend alle dekolletierte Kleider trugen, dermaßen von Moskitos zerbissen, dass sie nicht weniger rot erschienen wie Soldaten, die mit der Gerte geschlagen worden waren.“
Selbst schnakenerprobten Ortenauern wird das zu viel gewesen sein. Viele haben wohl die Verheißungen über- und die harte Arbeit unterschätzt. Jedenfalls werden die Meuterer vertragsbrüchig, machen sich davon und suchen auf anderen Gütern oder in Städten eine neue Existenz.
Es sind keine Unterlagen bekannt, die dokumentieren, was aus ihnen geworden ist. „Alle Münchweierer habe ich als untauglich fortschicken müssen“, schreibt Langsdorff im Dezember 1822 in die Heimat. Andere lobt er – vor allem die Lahrer, die Tischler Koch und Lidi, den Bauern Herrenknecht und seinen Diener Mack. In die anderen sei halt oft „der alte Satan“ gefahren und dann hätten sie „blauen Montag, grünen Dienstag, gelben Mittwoch usw.“ gemacht.
Langsdorff verkauft sein Gut 1826 an den brasilianischen Staat. Zu dieser Zeit ist er bereits als Forschungsreisender mit einer neuen Expedition und seiner Frau Wilhelmine unterwegs ins Amazonasgebiet. Nach dreieinhalb Jahren kehrt er schwer krank zurück. Er hat durch das Fleckfieber sein Gedächtnis verloren und kann seine Expedition nicht mehr auswerten, die Aufzeichnungen und Präparate von Tieren und Pflanzen landen unbesehen im Archiv in St. Petersburg. Georg Heinrich von Langsdorff kehrt 1830 mit Familie nach Europa zurück. Er lebte zunächst in Baden-Baden und dann, bis zu seinem Tod am 29. Juni 1852, in Freiburg.
„Er hätte dauerhaft weltberühmt werden können, hätte ihn das Fieber nicht erwischt“, bedauert der ehemalige Lahrer Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller das Schicksal des in Vergessenheit geratenen Forschers. „Langsdorff stünde sonst, was die Bekanntheit betrifft, wohl auf gleicher Stufe mit Alexander von Humboldt.“ Müller, in den 1980er Jahren als Berater bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und als Wirtschaftsattaché an der deutschen Botschaft in Brasília tätig, findet auch Langsdorffs Projekt Mandioca bemerkenswert: „Er hatte Wirtschaftsentwicklung im Sinn, er wollte mit einem beispielhaften Landgut eine integrierte Regionalentwicklung in Gang setzen, so wie es auch aktuelle Konzepte der Entwicklungspolitik anstreben. Immerhin hat er wichtige Ansätze geschafft, etwa beim Kaffeeanbau.“
Auch Müller lockt der Amazonas. Anfang November ist der 70-Jährige zur ersten Reise nach Rio aufgebrochen. Er hat sich vorgenommen, in Brasilien auf den Spuren Langsdorffs zu reisen. Er wolle „nachschauen, was vom Landgut Mandioca heute noch zu sehen ist. Es sollen noch Gebäude existieren.“
Genutzte Quellen:
Lahrer Wochenblatt, Jahrgänge 1820-21, Stadtarchiv Lahr
Akten des Bezirksamts Ettenheim; Staatsarchiv Freiburg
Hans Becher: Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff in Brasilien; Dietrich Reimer Verlag Berlin 1987
Dieter Strauss: Der Grüne Baron; Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, 2012
Lothar Wieser: „Das hiesige Land gleicht einem Paradies“. Die Auswanderung von Baden nach Brasilien im 19. Jahrhundert; Verlag Regionalkultur, 2014