Der selbst ernannte Al-Kaida-Kämpfer stirbt im Kugelhagel. Seine Taten könnten Frankreich verändern.

Toulouse - Was er sagt und wie er es sagt, passt nicht zusammen. Mit monotoner Stimme und gelegentlichem Nicken schildert Frankreichs Innenminister Claude Guéant ein Drama. Vom Sturm auf die Wohnung des mutmaßlichen Serienmörders Mohammed Merah erzählt der Politiker. Der 23-jährige Algerier hatte angekündigt, er wolle mit der Waffe in der Hand sterben. So ist es gekommen. Wild um sich feuernd sprang der Mann aus dem Fenster, schlug von Kugeln durchbohrt auf dem Asphalt auf, war sofort tot. Um 10.30 Uhr hatten Elitesoldaten Granaten abgefeuert. Die Scheiben der Wohnung barsten. Merah hielt still. Mit Videokameras erkundeten Angehörige der Antiterroreinheit die Räume der Wohnung. Allein das geschlossene Badezimmer entzog sich den Kameraaugen. Als Soldaten die Wohnungstüre aufbrachen und der 30-stündigen Belagerung ein Ende machten, stürmte Merah aus dem Badezimmer, schoss um sich, verletzte zwei Soldaten, sprang aus dem Fenster. Der mutmaßliche Mörder lebt nicht mehr, das Drama geht weiter.

 

Für Leute wie Hassen Chalghoumi (39) geht es jetzt erst richtig los. Als Mittler zwischen Religionen und Kulturen versucht der Imam der Pariser Vorstadt Drancy seit Jahren Brücken zu schlagen. Einen „Islam à la francaise“ predigt er, ordnet die Religion im weltlichen Frankreich der Privatsphäre zu. Schon in der Vergangenheit war der moderate Geistliche damit angeeckt. Islamisten bezichtigten ihn der Ketzerei, ohne dass er es deshalb in der christlichen und jüdischen Gemeinde zu besonderer Beliebtheit gebracht hätte. Aber jetzt gibt es kein Halten mehr. Die Attentate Merahs – drei Soldaten sowie drei Kinder einer jüdischen Schule und ein Lehrer – sind tot, das macht Angst. Und in der Angst gerät alles durcheinander, werden die islamische Religion, der sie verkündende Imam, ja sämtliche Muslime in eins gesetzt mit dem Terroristen Mohammed Merah, der im Namen Allahs und Al-Kaidas mordete.

Angst vor den Wogen der Empörung

„Jemand, der Kinder quält und umbringt, hat nichts mit dem Islam zu tun“, versichert Chalghoumi gut ein Dutzend Mal am Tag. Ob er mit dieser Botschaft durchdringen werde, wisse er nicht, sagt er, bekundet seine Sorge, dass seine Worte in den Wogen der Empörung untergehen, dass unter Muslimen wie Nichtmuslimen die Fanatiker den Sieg davontragen könnten. Wie werden in seelenlose Vorstädte abgedrängte muslimische Jugendliche reagieren, wenn sie als mutmaßliche Terroristen nun noch mehr ins gesellschaftliche Abseits geraten? Werden sie aufbegehren, sich wehren, und wenn ja, mit welchen Mitteln? Wird es noch mehr Terrorismus geben? Das sind Fragen, die den Imam jetzt umtreiben. „Wir müssen alles tun, um das zu verhindern“, sagt er, „die Jugendlichen sind die Verletzlichsten.“

Und dann ist auch noch Wahlkampf. Die Waffenruhe hat nicht lange gehalten. Am Donnerstag entbrennt er von Neuem. Das Drama von Toulouse steht bei den Präsidentschaftskandidaten ganz oben auf der Agenda. Ängste schüren und Schutz versprechen, verheißt Stimmengewinne. Die in der Wählergunst auf Rang drei liegende Rechtspopulistin Marine Le Pen macht den Anfang. „Seit zehn Jahren warne ich vor dem islamischen Faschismus, der in unserem Land gedeiht“, poltert die Chefin des Front National im Radiosender France und zählt auf, was ihr schon immer ein Dorn im Auge war: Kopftücher oder Schleier tragende Frauen, islamistische Männer. Entschlossen schlägt die Politikerin den Bogen zum Verbrechen, beklagt eine „Durchdringung von radikalem Islam und Drogenkriminalität“. Die Regierung habe Angst, schaue zu, lasse die Kriminellen gewähren.

Der Präsident lässt sich nicht lumpen

Staatschef Nicolas Sarkozy lässt das nicht auf sich sitzen. Mit neuen Strafgesetzen empfiehlt er sich als Antiterrorkämpfer. Wer im Internet zu Hass aufrufe oder entsprechende Websites aufsuche, werde bestraft, kündigt der Präsident an. Der sozialistische Rivale, François Hollande, lässt durch den früheren Premier Laurent Fabius mitteilen, man werde hart gegen das Verbrechen vorgehen.

Aus Sicht des Soziologen und Islamkenners Frahad Khosrokhavar ist mit einer Ächtung islamischer Symbole oder neuen Verboten nichts gewonnen, im Gegenteil. Der Attentäter sei ein Kleinkrimineller gewesen, der sich vermutlich gesellschaftlich ausgegrenzt gefühlt, als Opfer von Rassismus erlebt habe, sagt der Frankoiraner. Irgendwann sei der junge Mann zum Fanatiker geworden. Integration tue Not, wolle man dem Terrorismus den sozialen Nährboden entziehen. Der Imam von Drancy versucht sich daran. Gemeinsam mit Yves Haim Ammar (59), dem Rabbiner der Pariser Vorstadt, hat er zur Kundgebung „Nein zum Fundamentalismus!“ aufgerufen. Rund 1000 Menschen sind dem muslimisch-jüdischen Aufruf zur Toleranz gefolgt. Mit einem Brückenschlag zwischen den Religionen könne man dem Terrorismus den Boden entziehen, hoffen Chalghoumi und Ammar.

Am Abend spricht niemand mehr von der kleinen Kundgebung in Drancy. Staatschef Nicolas Sarkozy ist ins Rampenlicht getreten. In Straßburg empfiehlt sich der um ein zweites Mandat kämpfende Präsident als tatkräftiger Politiker, der das Übel des Terrorismus ausrotten werde.