Die Bestattungsbranche boomt Was fasziniert so viele junge Menschen an der Arbeit mit dem Tod?

Hannah Lutz und Julian Stiefel sind als Aushilfskräfte beim Bestattungshaus Brunner und Stiefel angestellt. Foto: Sandra Belschner

Leichen anfassen und ständig mit dem Tod konfrontiert sein – das Berufsbild des Bestatters wirkt auf viele erst mal abschreckend. Hannah Lutz und Julian Stiefel fasziniert die Arbeit mit dem Tod. Ein Besuch.

Filderzeitung: Sandra Belschner (sbr)

Ein schöner Tag sei es für sie gewesen, als Hannah Lutz bei der Abholung eines Verstorbenen aus dem Krankenhaus dabei war. Zu dem Zeitpunkt machte die heute 18-Jährige ein Praktikum bei einem Bestattungsunternehmen. Die Fahrt vom Krankenhaus zurück sei für sie ein Schlüsselerlebnis gewesen, sagt die Schülerin rückblickend. „Für mich war der Tod des Menschen an sich nicht schön, aber ich habe mich gefreut, dass wir der Person ein schönes Ende ermöglichen konnten“, erzählt sie. Ein ganz anderer Bezug zum Tod sei das gewesen – ein Gedanke, der die Frau nicht loslässt.

 

Nach dem Praktikum war ihr klar: Sie möchte Bestatterin werden. Damit steht sie sinnbildlich für einen deutschlandweiten Trend. Laut dem Bundesverband Deutscher Bestatter, lassen sich zum einen immer mehr Frauen in der einstigen Männerdomäne ausbilden – etwa 56 Prozent der Azubis waren im vergangenen Jahr weiblich. Zum anderen boomen die Bewerberzahlen generell in der Branche. Nachwuchsmangel gibt es keinen, eher zu wenige Ausbildungsplätze. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Auszubildenden in der Bestattungsbranche laut dem Statistischen Bundesamt verdoppelt – der Beruf ist im Ranking der beliebtesten Ausbildungsberufe innerhalb von 20 Jahren um 76 Plätze gestiegen.

Der Großteil des Nachwuchses kommt nicht aus Bestatterfamilien

Thorsten Stiefel, der gemeinsam mit seiner Frau Mirjam Stiefel unter anderem in Filderstadt das Bestattungshaus Brunner und Stiefel führt, kann die Entwicklung unterstreichen. „Das ist der absolute Wahnsinn, wie groß das Interesse in den letzten Jahren wurde“, sagt er und erklärt sich den Anstieg vor allem mit der Job-Sicherheit, die sich viele Jugendliche davon versprechen. Auch der gemeinsame Sohn Julian Stiefel fand über die Jahre Gefallen an der Arbeit mit dem Tod. Doch die Annahme, der Großteil des Nachwuchses komme aus Bestatterfamilien, sei falsch, sagt Stiefel, die meisten Bewerber hätten noch keine Berührungspunkte mit dem Beruf.

Der 18-Jährige Julian Stiefel und Hannah Lutz sind als Aushilfen angestellt und unterstützen nach der Schule bei allem, was so anfällt. Der Großteil ihrer Arbeit ist das Herrichten der Leichen. Wie gehen die beiden damit um? „Für mich ist das eigentlich ganz normal, weil ich damit aufgewachsen bin“, sagt Julian. Im Freundeskreis sei der eher ungewöhnlichere Berufswunsch kein großes Thema, Gleichaltrige wollen meist gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Der 18-Jährige meint aber auch, dass das daran liege, dass die Wenigsten sich Genaueres unter dem Bestattungshandwerk vorstellen können: „Klar arbeiten wir mit Toten, aber das ist nur ein Bruchteil der Arbeit.“

Was ist dran am Klischee vom einsamen und traurigen Bestatter?

Zum Arbeitsalltag gehören auch Tätigkeiten wie das Auto zu waschen, sich um den Nachlass der Verstorbenen zu kümmern, das Vorbereiten und Begleiten von Beerdigungen, Verträge abzumelden, generell viel Büroarbeit. Manche Klischees oder Vorurteile, wie etwa, dass Bestatterinnen und Bestatter traurige, zurückgezogene Menschen seien, kursieren aber immer noch. „Ich kenne viele Bestatter, wir sind eigentlich alles lustige Leute. Vielleicht auch, weil wir nicht alles so ernst nehmen“, erzählt Thorsten Stiefel, der mittlerweile auf 25 Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann. Trifft er auf neue Leute, dauere es nie lange, bis seine Arbeit Gesprächsthema wird.

Hannah werde oft gefragt, ob sie denn die Leichen auch wirklich anfasse. Aber das sei ja logisch, sagt sie. Auch die Frage nach dem Umgang mit dem Geruch, den viele Menschen mit dem Job verknüpfen, sei einfach zu beantworten. Mittlerweile gibt es spezielle Cremes, die man sich zum Schutz unter die Nase reibt. Außerdem setze der sehr starke Geruch erst ein, wenn Verstorbene schon lange liegen, beziehungsweise nicht gefunden werden. Im Arbeitsalltag sei das keine große Herausforderung. Die Trauergespräche hingegen könnten eher zu Schwierigkeit werden. „Man weiß ja nie, was einen erwartet. Da braucht man auch viel Erfahrung“, sagt die 18-Jährige. Doch schon jetzt merken die beiden Schüler, dass ihnen die Empathie, die sie gewinnen, auch in anderen Bereichen hilft und sie beispielsweise bei Freunden durch ihre Arbeit verständnisvoller reagieren können.

Herausforderungen sind Unfälle und der Tod von Kindern

Besonders herausfordernd am Bestattungswesen, da sind sich Hannah Lutz, Mirjam, Thorsten und Julian Stiefel einig, sind Unfälle oder der Tod von Kindern. „Da geht man, auch nach vielen Jahren, abends nicht so gut ins Bett“, sagt Thorsten Stiefel. Die vier verstehen sich eher als Seelsorger und Dienstleister anstatt als Handwerker. Bei all der Trauerarbeit gebe es aber deutlich mehr schöne Aspekte an dem Job: „Ich habe schon einige Praktika gemacht. Im Vergleich war die Bestattungsarbeit immer die entspannteste“, sagt Julian. Hannah fand vor Kurzem in ihrem persönlichen Umfeld die Bestätigung darin, dass die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft der richtige Weg für sie ist. Als ein enges Familienmitglied starb, habe es ihr großen Halt gegeben, zu wissen, was mit der verstorbenen Person passiert und dass respektvoll mit ihr umgegangen wird.

Der Weg zur Bestattungsfachkraft

Früher
Der Beruf der Bestatterin oder des Bestatters ist in Deutschland nicht geschützt. Für die Gründung eines Bestattungsunternehmens ist keine fachspezifische Ausbildung, sondern lediglich ein Gewerbeschein notwendig. Um den Kunden Orientierung zu geben und die Qualität zu sichern, führte der Bestatterverband schon in den 1950er Jahren eine freiwillige Prüfung zum „Fachgeprüften Bestatter“ ein. Früher war es weit verbreitet, dass Schreiner die Arbeit übernahmen.

Heute
 Seit August 2003 gibt eine einheitliche Ausbildungsordnung für den Beruf des Bestatters. Die Theo-Remmertz-Akademie mit Lehrfriedhof im unterfränkischen Münnerstadt ist für alle Bestatter in Deutschland der Mittelpunkt der beruflichen Aus- und Fortbildung. Mittlerweile sind auch viele psychologische Inhalte Teil der Ausbildung.

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