Bestseller-Autorin Sina Beerwald Wie der Sprung von Stuttgart nach Sylt gelungen ist
Die in Stuttgart geborene Schriftstellerin Sina Beerwald lebt und arbeitet seit 15 Jahren auf der Nordseeinsel.
Die in Stuttgart geborene Schriftstellerin Sina Beerwald lebt und arbeitet seit 15 Jahren auf der Nordseeinsel.
Weite. Schier unendliche Weite. Wohin das Auge blickt: Watt, Wasser, Himmel. An diesem warmen Spätnachmittag sind am Horizont ein Schiff auf der Nordsee sowie die Nachbarinsel Föhr zu erahnen. Sylt im Sommer 2022 – nach zwei Jahren mit vielen Corona-Einschränkungen.
Sina Beerwald ist gut durch die Monate der Ungewissheit und des Bangens gekommen, obgleich für die Autorin von Romanen, Krimis und Reiseführern zunächst überhaupt nicht klar war, ob sie auch fortan von ihrer Arbeit wird leben können. Sie kann. Erst kürzlich hat sie Verträge für die nächsten vier Bücher unterschrieben. Bis 2024 sei sie quasi ausgebucht, sagt die in Stuttgart geborene Freiberuflerin und schaut dabei – mitten im Watt stehend – sehr zufrieden in Richtung Unendlichkeit. Die Pandemie habe ihr auch neue Möglichkeiten aufgezeigt. Seit rund zwei Jahren veranstaltet Sina Beerwald Online-Lesungen, die von Gästen aus der ganzen Republik besucht werden.
An diesem Tag im Watt kreisen über ihr ein paar Möwen. Leise ist das Meeresrauschen zu hören. Hierher flüchtet die Autorin gerne. Immer dann, wenn ihr der Trubel im kleinen Hörnum mal wieder zu groß wird, wenn sie abschalten will von der Arbeit, wenn sie nur mit sich und mit ihren Gedanken allein sein möchte.
1977. Sina Beerwald erblickt in Stuttgart das Licht der Welt. Von klein auf ist sie Jahr für Jahr mit ihren Eltern im Sylt-Urlaub. Seit sie denken kann, ist dieser eine Wunsch im Kopf: eines Tages auf dieser Nordseeinsel leben. Wenn sie mal in Rente ist, zieht sie ganz bestimmt nach Nordfriesland, beschließt sie schon als Mädchen. Es kommt anders. Sina Beerwald wandert nicht erst als Ruheständlerin nach Sylt aus, sondern Jahrzehnte früher. 2008 wagt sie den Sprung ins kalte (Nordsee-)Wasser. Mit kaum mehr als zwei Koffern und einem Laptop kommt sie nach Sylt, wohnt zunächst in einem winzigen Zimmer, in dem es nicht mal einen Schreibtisch gibt, arbeitet zunächst mit dem Computer auf den Knien im Bett. Aber dafür ist sie endlich angekommen in ihrem Sehnsuchtsort.
Aller Anfang ist schwer. Besonders auf Sylt, dem Eiland, von dem es heißt, es sei die Insel der Schönen und der Reichen. Viele Insulaner sind skeptisch, wenn Menschen vom Festland übersiedeln. Es heißt, Neubürger würden von ihren Nachbarn mindestes ein Jahr lang äußerst kritisch beäugt. Mindestens ein Jahr lang. Ihr erster Winter in Hörnum „war interessant“, erzählt Sina Beerwald und grinst. Der Ort ist mitunter verwaist, längst nicht alle Häuser sind ständig bewohnt, der Bäcker macht für Wochen zu. „Der Ort lebt eben sehr von Tourismus. Im Sommer ist viel Trubel, im Winter gibt es ganz ruhige Phasen. Das war für mich sehr gewöhnungsbedürftig.“ Neulinge, die den ersten Winter überstehen und bleiben, so Beerwalds Erfahrung, werden von den Insulanern ins Herz geschlossen – früher oder später. Speziell, wenn sie sich auch ehrenamtlich engagieren. Sina Beerwald – sie hat einen mittlerweile zwölfjährigen Sohn – arbeitet mit beim Verein Kinder- und Jugendhaus Hörnum. Die Friesen seien ganz ähnlich wie die Schwaben, sagt sie. Zunächst wortkarg und reserviert, später offen und herzlich.
Nach dem Abitur am Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden habe sie eigentlich sofort Schriftstellerin werden wollen, erzählt sie. Der Traum eines Teenagers, der bereits im Alter von zehn Jahren angefangen hat, seine erste Fantasy-Geschichte zu schreiben. In dem Stück geht es um einen Buben, der auf einem Dachboden ein Gemälde findet, in dieses Werk reingezogen wird und viele Abenteuer erlebt.
Doch als es dann um die reale Berufswahl geht, sagt ihr Vater klipp und klar: „Kind, du machst was Ordentliches.“ Also studiert Sina, brav wie sie ist, an der Uni Stuttgart Bibliothekswesen. Zumindest was mit Büchern. Direkt im Anschluss findet sie eine feste Stelle bei der Bibliothek der Universität Tübingen. Eine sichere Stelle, ein Job fürs Leben. Der Vater ist sehr zufrieden mit seinem Kind. Sina Beerwald arbeitet Fulltime, schreibt aber nebenher weiter Geschichten. Als ihr Erstlingswerk, der historische Roman „Die Goldschmiedin“, etwa zur Hälfte fertig ist, gibt sie ihrer Mutter das Manuskript zum Lesen. Die Mama ist hellauf begeistert, sagt, diese Geschichte müsse unbedingt fertig geschrieben und veröffentlicht werden. Aber würde das vielleicht jede Mutter sagen? Die Autorin ist skeptisch, schickt das unvollständige Werk einem Literaturagenten in München. Ein paar Tage später meldet sich der Mann telefonisch und fragt die verdutzte Bibliotheksmitarbeiterin, was sie denn von Heyne halte? Der renommierte Heyne-Verlag hat tatsächlich Interesse.
Sina Beerwald schreibt das Buch fertig, es wird veröffentlicht und ist nach wie vor im Verkauf. Dann schreibt sie das zweite Buch, immer noch neben ihrem Ganztagsjob. Aber sie muss sich entscheiden. Ihr Hausarzt sagt mit Blick auf ihr Arbeitspensum, dass es so nicht weitergehen könne. Also steht diese Frage im Raum: Sichere Anstellung mit festem Einkommen oder Freiheit und Unsicherheit als Autorin? Sina Beerwald wählt nach einiger Bedenkzeit Zweites und beschließt zugleich: „Wenn ich jetzt Schriftstellerin werde, muss ich ja nicht bis zum Rentenalter warten mit dem Umzug nach Sylt.“
Sie schreibt und schreibt. All ihre Geschichten werden veröffentlicht: historische Romane und Psychothriller, die in Stuttgart spielen, lustige Sylt-Krimis, in denen die Schmälzles, ein Ehepaar aus Schwaben, auf eigene Faust in Kriminalfällen ermitteln. Viel Beachtung findet ihre Sylt-Trilogie „Die Strandvilla“, „Das Dünencafé“ und „Das Inselmädchen“ – akribisch recherchierte Geschichten mit ungezählten historischen Sylt-Fakten. Sina Beerwald schreibt auch Erlebnisführer, etwa „111 Orte auf Sylt, die man gesehen haben muss“.
Die Frage nach ihrem persönlichen Lieblingsort beantwortet sie zunächst mit einer rhetorischen Gegenfrage: „Welches ist dein liebstes Kind?“ Schwierig. Dann sagt sie, die ruhigen Orte auf Sylt seien ihr die liebsten. Das kleine Braderup im Osten der Insel zum Beispiel. Und natürlich ihr Wohnort Hörnum. In Hörnum, sagt sie, finde sich immer ein fast menschenleeres Plätzchen, selbst während der Hochsaison, wenn sich die Touristen in Geschäften und der Fußgängerzone von Westerland drängen. Ruhig sei es im Watt auf der Ostseite fast immer.
Sina Beerwalds Sehnsuchtsort Sylt ist und bleibt stets im Wandel. Die Insel ist in diesem Sommer mal wieder ganz besonders oft bundesweit in den Schlagzeile. Wegen der Menschen, die mit dem 9-Euro-Ticket erstmals anreisen und wegen der Punks aus vielen Ecken der Republik, die mitten im Hauptort Westerland in einem Protestcamp leben. Viele Sylter haben die Schnauze voll von diesen sonderbaren Typen mit den bunten Haaren, die immer wieder mitten in der Fußgängerzone in einem Brunnen sitzen und gelegentlich die Touristen anschnorren. Sina Beerwald sagt, in Hörnum bekomme sie davon kaum etwas mit. Die Insel habe ohnehin weit größere Probleme als ein paar Punks, die in Brunnen baden. In allen Gemeinden fehle bezahlbarer Wohnraum für die Menschen, die auf Sylt wohnen und arbeiten wollen.