Als Journalist unterwegs in Westafrika „Nimmst du mich mit?“ Wenn die Asyldebatte persönlich wird

Unser Autor Tobias Peter im Jahr 2013 in Monrovia – bei Recherchen in einem liberianischen Behindertenwohnheim. Foto: privat

Egal wo unser Redakteur in Westafrika unterwegs war, für die Menschen war er das potenzielle Ticket in eine bessere Welt. Tobias Peter erzählt von blanker Verzweiflung in einem der ärmsten Länder der Welt. Ein Essay aus unserer Reihe "Lesenswert aus 2023"

Korrespondenten: Tobias Peter (pet)

Ich bin jetzt Fußballmanager. Zumindest hat das George so entschieden, als er mich am Strand von Monrovia, Hauptstadt des westafrikanischen Liberia, spazieren gehen sieht. Der 16-Jährige, der ein bisschen kleiner ist als ich, kommt auf mich zu, streckt mir höflich, aber entschieden die Hand entgegen und fragt, ob ich mich für Fußball interessiere. Klar, sage ich. Er sei ein sehr guter Spieler, erklärt George. „Ich bin hart in der Defensive, aber ich spiele auch stark nach vorn. Willst du mein Manager sein? Du könntest mir in Deutschland einen Vertrag besorgen, bei Bayern München oder vielleicht bei Borussia Dortmund“, sagt er.

 

„Weißt du, George“, antworte ich. „Das Problem ist, dass da keiner auf mich hören würde. Die wissen, dass ich gar kein Fußballmanager bin.“ George lässt sich nicht davon entmutigen. „Dann bring mich ins Land – und ich kümmere mich um den Rest. Ich kann auch erst mal zweite Liga spielen oder so. Ihr habt doch eine zweite Liga, oder?“, fragt er. „Haben wir. Aber ich kann nicht einfach jemanden ins Land bringen“, antworte ich. „Wieso?“, entgegnet George. „Du bist doch von da, also wirst du mich doch wohl noch mitbringen können.“

Eines der ärmsten Länder der Welt

Genau zehn Jahre ist das her. Ich kann mich aber noch sehr gut daran erinnern, weil ich damals sehr viele solcher Gespräche geführt habe. Und auch, weil ich das alles damals, im Jahr 2013, bereits einmal für ein Buch aufgeschrieben habe. Herausgeben wurde es von der Heinz-Kühn-Stiftung, die Journalisten längere Aufenthalte in Afrika, Südamerika und Asien ermöglicht. Liberia war damals und ist heute eines der ärmsten Länder der Welt.

Wo immer ich damals in Westafrika hinkam, war ich das potenzielle Ticket in eine bessere Welt. Wie heißt du? Kann ich für dich arbeiten? Wann fliegst du nach Hause? Nimmst du mich mit? Das waren die Standardfragen. Und: Wie hätte ich sie den Menschen übel nehmen können? Sie suchten einen Ausweg aus der Armut – und wenn der zufällig auf Turnschuhen und mit einer Brille am Strand entlangging, warum dann zögern?

Bis heute erinnere ich mich an die Zerrissenheit, die ich gespürt habe. Natürlich wusste ich, dass es keine Lösung war, jemanden in den Koffer zu packen. Doch jedes Mal, wenn Menschen mir für fünf Cent einen kleinen Beutel Wasser verkaufen wollten, wenn ich zwischen runtergekommenen Wellblechhütten stand oder Menschen nackt am Tümpel ihre wenigen Kleidungsstücke mit der Hand wuschen, wusste ich: Ich hatte einfach viel Glück im Leben gehabt. Genauer gesagt, schon bei der Geburt.

Das Leben in Deutschland als Lottogewinn

Ich bin in einem niedersächsischen Reihenhaus aufgewachsen, mit einem gepflegten Garten. Ich habe das Gymnasium besucht und – teils in Deutschland, teils in den USA – studiert. Seitdem ich mit der Ausbildung fertig bin, kann ich von meiner Arbeit gut leben. Damals in Liberia, im Alter von 34 Jahren, ist mir erstmals richtig klar geworden: Ich könnte mich – nach Jahrzehnten in der Wohlstandsgesellschaft – über mein Leben nicht beklagen, wenn ich plötzlich erfahren würde, ich muss am nächsten Tag sterben. Mein Leben in Deutschland ist ein Lottogewinn. Es ist keine Leistung. So wenig, wie andere daran schuld sind, in Armut oder Krieg hineingeboren worden zu sein. Heute, als Hauptstadtkorrespondent in Berlin, berichte ich oft über die politische Debatte zu den Themen Asyl, Flüchtlinge und Migration. Ich habe das bereits in den Jahren 2015 und 2016 getan, als geflüchtete Menschen aus Syrien in großer Zahl nach Deutschland kamen.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war damals schwer überfordert, Chaos war zeitweise Normalität. Dennoch gab es in einem großen Teil der Bevölkerung lange eine starke Willkommenskultur. Es herrschte bei vielen die Bereitschaft, an Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ zu glauben – obwohl die damalige Kanzlerin zu wenig dazu sagte, wie die Integration so vieler Menschen tatsächlich gelingen sollte.

Die aktuelle Debatte über die hohe Zahl an Asylbewerbern ist eine komplett andere als 2015 – in der Gesellschaft und in der Politik. Nicht nur die Kommunen beklagen heute eine Überforderung. Es gibt auch einen echten Stimmungswandel in der Bevölkerung. Eine große Mehrheit der Menschen im Land will eine spürbare Begrenzung der Asylmigration nach Deutschland. Dafür wird niemand einen Sonderpreis für Humanität bekommen. Aber im Großen und Ganzen ist die Entwicklung hin zu einer anderen Haltung in der Gesellschaft nachvollziehbar. Erst haben die Menschen die Coronakrise bewältigen müssen, dann begann schon der Krieg in der Ukraine. Die Folgen für die Menschen in Deutschland waren Inflation und Wirtschaftskrise sowie eine hohe Zahl von Geflüchteten aus der Ukraine. Gerade wer wenig Geld hat, fürchtet zum Beispiel die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum. Die Empfehlung, dann müsse eben mehr gebaut werden, ist richtig – aber weder Realität noch leicht realisierbar. Die Bereitschaft, gerade jetzt eine besonders hohe Zahl von Asylbewerbern aufzunehmen, ist begrenzt.

Die Politik verändert ihren Ton

Kanzler Olaf Scholz (SPD) hat darauf reagiert, nachdem alle drei Parteien der Ampelkoalition im Bund bei den Wahlen in Bayern und Hessen stark verloren haben. Umfragen haben gezeigt: Die Wählerinnen und Wähler haben ihrer Unzufriedenheit mit der Asylpolitik Ausdruck verliehen. „Wir müssen endlich im großen Stil diejenigen abschieben, die kein Recht haben, in Deutschland zu bleiben“, sagte er. Das ist – auch wenn der Ton markig, die tatsächliche Umsetzung wegen der fehlenden Rücknahmebereitschaft vieler Länder aber schwierig ist – kein falscher Ansatz.

Wer kein Asylrecht in Deutschland hat, soll in aller Regel das Land schnell wieder verlassen. Wir müssen in Europa zu einer fairen Verteilung von Asylbewerbern kommen. In der Asyldebatte, die derzeit geführt wird, finden sich viele berechtigte Anliegen wieder. Doch zugleich hat sie einen Ton angenommen, der einen Überbietungswettbewerb befürchten lässt, wer Asylbewerber am schlechtesten behandeln will.

„Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger bekommen keine Termine“, hat Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) über abgelehnte Asylbewerber gesagt. Eine Darstellung, die von der Bundeszahnärztekammer als unzutreffend zurückgewiesen worden ist. Und die es an jeglicher Empathie für geflüchtete Menschen vermissen lässt. Finanzminister Christian Lindner und Justizminister Marco Buschmann (beide FDP) dringen darauf, die Sozialleistungen für Asylbewerber zu kürzen. Darüber, wie gering der verfassungsrechtliche Spielraum dafür ist, sprechen sie nicht so laut. Das Grundgesetz verpflichtet den Staat, die Menschenwürde zu schützen. Viele wollen aber, im Kampf um Wählerstimmen, vor allem die Botschaft setzen: Die kommen, um abzukassieren.

Es ist legitim, über die Höhe der Sozialleistungen für Asylbewerber zu diskutieren. Wenn sachlich argumentiert wird und die Ergebnisse nachvollziehbar sind, kann dies die Akzeptanz von Flüchtlingen stärken. Es sollten nur alle Politiker darauf achten, nicht in den Stil von Pausenhofschlägern in der Schule zu verfallen, die auf Kleinere einprügeln – in der Hoffnung, johlenden Applaus von anderen zu erhalten.

Ein Gedankenexperiment für alle

Auch bei sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen ist es falsch, so zu tun, als riskierten sie ihr Leben bei Überfahrten über das Mittelmeer aus Gier. Es ist die blanke Verzweiflung über die eigene Armut. Seien wir – als Gesellschaft, als Individuen – ehrlich zu uns selbst. Frage sich jeder einmal: Was würde ich tun, wenn ich als einer der Ärmsten der Welt in einem Slum Afrikas geboren wäre? Würde ich nicht versuchen, diesem Schicksal zu entfliehen?

Das Ergebnis dieses Gedankenexperiments kann nicht sein, dass Deutschland alle aufnimmt, die vor Armut fliehen. Aber das Mindeste, was den Menschen, um die es geht, zusteht, ist ein wenig Empathie. Und: Wir sollten Politiker dazu antreiben, die Debatte über die Bekämpfung von Fluchtursachen mit derselben Intensität zu führen wie die über Asylmissbrauch. „Bekämpft endlich die verdammte Armut in der Welt!“ Das müssen wir ihnen zurufen.

Auch ein reiches Land kann nicht allen helfen, aber sehr unzählige Menschen hätten Hilfe verdient. Deshalb ist das Thema der Armut auf anderen Kontinenten – wenn man sich ernsthaft darauf einlässt – eines voll von schwer erträglichen Ambivalenzen. Vielleicht blenden wir das alles deshalb so gern aus. Wenigstens, solange wir in sicherer Entfernung von diesen Ländern sind oder im Urlaub einen Zaun um uns haben. Ich habe in Liberia auch stets versucht, das Einzelschicksal nicht zu nah an mich heranzulassen. Viele Gespräche haben mich dennoch berührt. So wie das mit Thomas. Eine persönliche Migrationsdebatte.

Der 24-Jährige war Kellner auf der Dachterrasse eines Hotels, auf der ich am frühen Abend noch ein Bier getrunken habe. Er erzählte von den Kriegsjahren in seiner Kindheit. Ich habe ein bisschen vom kalten Novemberwetter in Deutschland erzählt, von meinen Freunden, vom Fußballspielen.

Dann rückte Thomas mit der Sprache raus. Er würde gern in Deutschland studieren, sagte er. Ob ich ihm ein Stipendium empfehlen können. Ich googelte auf meinem Smartphone, nannte ihm ein, zwei Adressen, sagte aber auch: „Du solltest nach amerikanischen Universitäten schauen. In den USA haben sie zwar hohe Studiengebühren, aber auch mehr Stipendien, die wirklich alle Kosten decken. Und: Du sprichst Englisch, aber kein Deutsch.“ Doch Thomas wollte jetzt nach Deutschland, mit mir. „Ich lerne Deutsch einfach. Mir hat gefallen, was du über das Land erzählt hast“, sagte er. „Nimm mich mit – dann schaue ich weiter.“ Er könne hart arbeiten. Ich zuckte mit den Schultern, ratlos, wie das Gespräch weitergehen sollte.

Engel und Teufel auf der Schulter

„Der einzige Weg, wie ich dich mitnehmen könnte, wäre, wenn wir heiraten würden. Und du weißt, das geht nicht“, sagte ich schließlich – ich weiß, ehrlich gesagt, gar nicht, wie ich darauf kam. Manchmal sagt man ja etwas, nur damit etwas gesagt ist. „Wenn wir heiraten würden, ginge es?“, fragte Thomas plötzlich. „Thomas, wir sind zwei Männer. Wir können in Liberia nicht heiraten“, sagte ich. Er fragte: „Soll ich dir meine Schwester vorstellen?“ Ich versicherte Thomas, dass ich in Liberia niemanden heiraten würde – und bat ihn eindringlich, mir das zu glauben. „Gibst du mir dann wenigstens deine Telefonnummer?“, fragte er. Der Teufel auf meiner linken Schulter sagte: „Gib sie ihm nicht, er wird dich nur nachts anrufen und nerven.“ Der Engel auf der rechten Schulter sagte: „Gib sie ihm nicht, du machst ihm nur falsche Hoffnungen.“

Schließlich zückte ich einen Kugelschreiber und notierte meine liberianische Handynummer. „Thomas, ich gebe dir gern meine Nummer“, sagte ich. „Aber ich will ehrlich sein: Ich werde dich nicht aus Liberia rausbringen. Das musst du wissen.“ Er sagte, wenn er anrufe, dann nur als Freund. Nicht, weil er Geld wolle oder irgendetwas anderes.

Er hat sich nie gemeldet. Wir wussten beide, wir würden nie wirklich Freunde sein.

Der Autor und seine Reise

Reporter
Tobias Peter, geboren im Jahr 1979 in Hildesheim, ist Leiter des Berliner Büros von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Seit acht Jahren berichtet er aus dem politischen Berlin. Peter hat als Arthur F. Burns Fellow im Jahr 2012 zwei Monate als Gastredakteur beim „Philadelphia Inquirer“ gearbeitet.

Liberia
Mit einem Stipendium der Heinz-Kühn-Stiftung, die junge Journalisten fördert, hat der heute 44-Jährige im Jahr 2013 sechs Wochen zum Wiederaufbau des Rechtsstaats nach dem Bürgerkrieg in Liberia recherchiert. Wenige Monate später hätte er die Reise nicht mehr machen können: In Liberia wütete das Ebolavirus.

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