Die britische Serie „Mr. Selfridge“ Der Erfinder des Ausverkaufs

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Harry Gordon Selfridge hat 1909 das Einkaufen zum Erlebnis gemacht. Eine britische Serie huldigt ihm und dem nach ihm benannten Warenhaus in London.

Der Unternehmer Harry Selfridge (Jeremy Piven) macht Einkaufen zu einem Erlebnis. Foto: ZDF
Der Unternehmer Harry Selfridge (Jeremy Piven) macht Einkaufen zu einem Erlebnis. Foto: ZDF

Stuttgart - Die Einrichtung ist elegant und gemütlich, die Verkäuferinnen sind schön und schick und die feilgebotenen Waren elegant und erschwinglich. Natürlich spielt auch der titelgebende Harry Gordon Selfridge mitsamt seiner Familie, seinen Affären, seinem Größenwahn und seinem verkäuferischen Talent einen wichtigen Part in der Serie „Mr. Selfridge“, die ZDF Neo vom kommenden Sonntag an immer um 18.25 Uhr ausstrahlt. Die heimliche Hauptrolle in der Dramedy aber nimmt vor allem seine Schöpfung, das Londoner Kaufhaus „Selfridges“ selbst ein. Seit dessen Eröffnung 1909 wurde in dem prächtigen Konsumtempel in der Oxford Street die Art und Weise revolutioniert, wie Menschen einkaufen. Mit der Idee, Shopping nicht als Notwendigkeit, sondern als Event zu inszenieren, war der gebürtige Amerikaner Selfridge aus Chicago an die Themse gekommen und hatte sie dort in Richtung Perfektion getrieben. Er erfand den mehrfachen jährlichen Ausverkauf und die Grabbeltische, sein Großgeschäft betrachtete er als „Theater, bei dem der Vorhang jeden Morgen um 9 Uhr aufgeht“.

Den Flugzeugpionier, der als Erster den Ärmelkanal überquerte, samt Fluggerät in der Eingangshalle ausstellen? Kein Problem! Sir Arthur Conan Doyle zur Signierstunde bitten? Easy! Bei „Selfridges“ gab es mehrere Restaurants, eine Bibliothek und Gesellschaftsräume. Mehr als hundert Jahre nach deren Aufblühen verströmen Rekonstruktionen von künstlichen Paradiesen dieser Bauart nostalgischen Charme, während in der Wirklichkeit viele Kaufhausketten aufgeben müssen und ihre Nachfolger in kalten Malls finden.

Kultiviertes Geldausgeben

Es war also sicher kein Zufall, dass um 2010 herum gleich zwei britische Fernsehsender auf die Idee kamen, historische Serien über Kaufhäuser zu drehen – es gibt ja inzwischen, auch als Gegenbewegung zur Verlegung des Handels in hässliche Hallen, in denen unterbezahlte Arbeiter sich kaputtschuften, um übers Internet bestellte, beliebig gewordene „Güter“ zu verschicken – eine verbreitete Sehnsucht nach einigermaßen kultiviertem Geldausgeben.

BBC One startete 2012 „The Paradise“, ein Kostümdrama, das sich an Emile Zolas Kaufhausroman „Das Paradies der Damen“ orientierte, die Handlung aber ins viktorianische Nordengland verlegte. Nach der zweiten Staffel wurde die Serie eingestellt. Im Januar 2013 zeigte dann das aus mehreren privaten Produktionsfirmen bestehende Netzwerk ITV das erfolgreichere „Selfridges“, die dritte Staffel läuft ab Januar 2015. Dass bei dieser Produktion keine Kosten und Mühen gescheut wurden, um die Illusion einer guten, alten Warenwelt zu erzeugen, die ja ihrerseits die kleinen Händler aus den Straßen der Großstädte verdrängt hatte, sieht man ihren prächtigen Bildern sofort an. Britische Kritiker bescheinigten der Serie, sie sei in Sachen Dekor noch sorgfältiger gearbeitet als das viel gerühmte Adelsepos „Downton Abbey“.

Und lehrreich ist es auch noch

Inhaltlich aber monierte ein Autor des „Guardian“ zu Recht: „so viel Krise, so wenig Drama“. Denn das Team um Andrew Davies, den Schöpfer und Autor von „Selfridges“, der vorher unter anderem für die „Bridget Jones“-Verfilmungen und einige Folgen der Netflix-Serie „House of Cards“ verantwortlich zeichnete, hat viele dünne Erzählstränge zu einem bunten und dennoch nicht gerade überraschenden Zopf zusammengeflochten. Sie handeln in ständiger Überlagerung unter anderem vom charismatischen Muttersohn Harry Gordon selbst, von der begabten und ehrgeizigen Alkoholikertochter Agnes und ihrem Aufstieg als Verkäuferin sowie von exzentrischen Personen der Society. Wie untere und obere Gesellschaftsschichten zu ihrem jeweiligen Besten oder gegenseitigem Schaden zusammenwirken, ist inzwischen vielleicht zu oft in Filmen romantisiert worden, die Idealisierung der edwardianischen Ordnung vor dem Ersten Weltkrieg bekommt angesichts der aktuellen Haltung Englands zu den globalen Veränderungen etwas selbstgefällig Eskapistisches.

Aber es geht in den zwanzig Folgen der ersten beiden Staffeln ja auch um die Emanzipation der Frauen, um gesellschaftlichen Aufstieg durch Sex, um durch Konsum unerfüllt bleibende Sehnsüchte einer vergangenen, gespiegelt in den Sehnsüchten unserer eigenen Epoche. Und herausragende Schauspieler wie Jeremy Piven, Frances O’Connor und Aisling Loftus vermitteln den nervösen Aufbruchsgeist einer Zeit, der in der Katastrophe der Schützengräben enden sollte. Eine interessante TV-Abwechslung zu den ewigen Krimis auf allen Kanälen ist „Selfridges“ deshalb allemal. Und geschichtlich betrachtet durchaus lehrreich. Der Satz „Der Kunde hat immer recht“ stammt von Selfridge.