Die Buch-Apotheke von Florenz Bücher mit Beipackzettel und Nebenwirkung

Von Almut Siefert 

Seit einem Jahr gibt es in Florenz eine „farmacia letteraria“, also eine literarische Apotheke. Die Bücher haben hier einen Beipackzettel mit der therapeutischen Wirkung und den Risiken und Nebenwirkungen. Wie in einer richtigen Apotheke wird einem zu jedem Wehwehchen oder Leiden hier das richtige Buch empfohlen.

Elena Molini steht ihren Kunden in ihrer literarischen Apotheke mit Rat und Lebenshilfe zur Seite. Foto:  
Elena Molini steht ihren Kunden in ihrer literarischen Apotheke mit Rat und Lebenshilfe zur Seite. Foto:  

Florenz - Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie den Verlag oder Ihren Buchhändler. Welche Leseratte hätte sich diesen Hinweis nicht schon manches Mal gewünscht, wenn sie wieder vor dem Wust der Neuerscheinungen steht. Eine Anleitung zum Bücherkauf bräuchte man, jemanden, der einen an die Hand nimmt, einem zuhört, einen versteht.

Elena Molini tut genau das. Vor einem Jahr hat die 36-Jährige die literarische Apotheke, die „farmacia letteraria“ in einem Wohnviertel im Südosten von Florenz eröffnet. In Zeiten des Internethandels, der auch in Italien massenhaft kleine Buchläden zur Schließung zwingt, ein gewagtes Unternehmen.

Die Bücher, die man in der literarischen Apotheke kaufen kann, haben einen Beipackzettel, den Molini zusammen mit zwei befreundeten Psychologinnen entwickelt. Auf dem laminierten Zettel steht, für wen das Buch geeignet ist, welche Risiken und Nebenwirkungen beim Lesen zu erwarten sind und wie das Buch dargereicht werden sollte. „Man erkennt, dass die Wut und die Frustration über eine Welt, die wir nicht ändern können, nur schwer zu trennen sind von unserer Existenz“ – diesem Risiko setzt sich zum Beispiel aus, wer „Unterleuten“ von Juli Zeh lesen möchte. Was in der italienischen Übersetzung auf dem Tisch der Favoriten des Ladens liegt.

Der Onlinehandel hat eben nicht nur Vorteile

Molini stammt ursprünglich aus La Spezia und ist für das Studium des Verlagswesens nach Florenz gekommen. Nach ihrem Abschluss hat sie in der Filiale einer großen Buchladenkette gearbeitet. „Ich war aber nicht glücklich“, erzählt sie. „Ich habe immer erlebt, dass die Leute einen fragen, was sie lesen sollen. Aber für so einen Rat muss man sich Zeit nehmen können.“ Selbstverständlich habe sie große Angst gehabt, ihren festen Job aufzugeben und sich in einer vom Aussterben bedrohten Branche selbstständig zu machen. Aber sie hat einfach darauf vertraut, ihren Platz zu finden. „Es gibt so viele Nuancen in der Welt der Bücher“, sagt Molini.

Andrea Mando hält schon zwei Bücher in der Hand. Da er sich nicht entscheiden kann, wird der 34-Jährige wohl beide nehmen. Er und seine Freundin Letizia Ciappi sind schon zum dritten Mal hier in der Bücherapotheke. Das junge Paar kommt aus Florenz, lebt aber am anderen Ende der Stadt. Auch wenn es praktischer wäre, beim Online-Riesen Amazon seine Bücher zu bestellen, kommen die beiden lieber hierher. „Es ist einfach eine andere Erfahrung, fast ein kleines Abenteuer“, sagt die 32-jährige Letizia. „Man ist hier einfach frei, sich komplett zu verlieren.“

Die Buch-Pillen helfen gegen so manches Wehwehchen im Leben

Obwohl der kleine Laden gerade einmal etwas mehr als 30 Quadratmeter umfängt, ist das keine Kunst. Man drängt sich durch die lesende Kundschaft an den Regalen entlang, driftet mental schnell ab, vergräbt sich im Studieren der Bücherrücken. Die stehen hier nicht nach Autoren geordnet. „Hier hast du eine Karte, mit der findest du dich zurecht“, sagt Elena Molini und drückt ihren Neu-Kunden ein DIN-A5-Blatt in die Hand. Darauf sind die Kategorien, nach denen hier sortiert ist, in einem Grundriss des Ladens eingezeichnet: Angst, Arbeitslosigkeit, unmöglich erscheinende Vorhaben – zu diesen Leiden findet sich rechts vom Eingang ein Regal voll literarischer Medizin. Links wird stattdessen die Reisesucht bekämpft, und weiter hinten finden sich die Kategorien „Identitätskrise“, „Midlife-Crisis“ oder auch „Nihilismus für Rücksichtlose“.

Sollte Molini – wie so oft – gerade mit einem anderen Patienten im Gespräch vertieft sein, bleibt noch der Selbsttest. Links neben dem Eingang stehen Gläser mit bunten Pillen. Je nach Leiden kann man sich bedienen. Im Innern der Pillengehäuse findet sich dann ein kleiner Zettel mit einer Buchempfehlung. In den Kapseln des Glases mit der Aufschrift „Für Neues und Veränderungen“ wird einem „Am Wendepunkt“ der Britin Elizabeth Jane Howard empfohlen.

Bücher sind oft die wahren Freunde im Leben

„Bücher zu verkaufen ist einfach etwas anderes, als Schuhe zu verkaufen“, sagt Molini, während sie hinter der Kasse steht und einen Kunden nach dem anderen berät. Sicher, es gehe auch hier am Ende darum, Geld zu verdienen und davon leben zu können. „Bei Schuhen wissen wir aber selbst schnell, ob uns etwas gefällt oder nicht. In einer Buchhandlung ist es anders: Wir sehen diese vielen Buchdeckel, aber woher sollen wir wissen, ob sich dahinter nun leichte Kost oder etwas zum Nachdenken versteckt, ob die Erzählung langsam vorangeht oder schnell. Und das Wichtigste: Ob das Buch mir in meinem Leben gerade einen Beitrag leisten kann.“

Bücher seien so oft in ihrem Leben wie wahre Freunde gewesen, sagt Molini noch über ihre eigene Leseerfahrung. Wird ein Buch verkauft, bekommt es daher noch einen weiteren Zettel mit einem Warnhinweis angeheftet: „Achtung, enthält Glückseligkeit.“