Stuttgart - Die Schließung der deutschen Grenzen war bereits beschlossen, der Katastrophenalarm in Bayern stand kurz bevor, als sich Hans-Joachim Watzke um die Fitness seiner Spieler sorgte. Man solle „nicht übertreiben“, sondern möglichst rasch „zur Normalität zurückkehren“, schwadronierte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund vor laufender Kamera – denn: „Wir müssen die Spieler bezahlen, und die Spieler müssen sich in eine vernünftige Form bringen.“
Der Auftritt Watzkes am Sonntag in der ARD-„Sportschau“ war einer von vielen Tiefpunkten im Umgang des deutschen Profifußballs mit dem Coronavirus. Eindrucksvoll entlarvten seine Sätze das Selbstverständnis einer Branche, die bislang der festen Überzeugung war, dass es nichts Wichtigeres geben kann als dieses Unterhaltungsspiel auf grünem Rasen. Nicht einmal eine weltweite Pandemie.
Altrömische Dekadenz
Es überrascht daher wenig, dass die 36 Proficlubs beim Treffen ihres Dachverbands, der Deutschen Fußball-Liga (DFL), am Montag nur das bestätigten, was bereits seit vergangener Woche klar war: die Aussetzung des Spielbetriebs bis mindestens 2. April. Umso erstaunlicher ist die Begründung, warum es lediglich zu diesem Minimalkonsens und nicht zu weitreichenderen Entscheidungen gereicht hat. Es gehe „ums Überleben“, sagte DFL-Chef Christian Seifert, dem nichts anderes übrig blieb, als die weiße Flagge zu hissen.
Dieser Hilferuf ist das erschütternde Eingeständnis des Totalversagens einer Milliardenbranche. Eine Woche der Krise (die zugegebenermaßen niemand vorhersehen konnte) hat ausgereicht, um die 57 Jahre alte Institution Fußball-Bundesliga ins Wanken zu bringen. In altrömischer Dekadenz hatten sich alle Beteiligten jahrelang die Taschen gefüllt – und dabei vergessen, dass die unerschöpflich scheinenden Geldquellen eine Tages nicht mehr sprudeln könnten. Vorsorge für schlechtere Zeiten? Fehlanzeige. Grenzenlose Gier und Maßlosigkeit – das waren die Charakteristika dieser turbokapitalistischen Branche. Erst jetzt, da den Verantwortlichen das Wasser bis zum Hals steht, erinnert DFL-Boss Seifert an das Schicksal Zehntausender, deren Arbeitsplätze an der Bundesliga hängen. Und führt zwei Begriffe ein, die bislang Fremdwörter waren: Moral und Solidarität. Man hätte sie im Zusammenhang mit dem Fußball gerne schon früher gehört, dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen.
Zu hoffen bleibt zweierlei: dass der Bundesliga-Fußball, die Lieblingsunterhaltung vieler Deutscher, bald wieder rollt, und zwar vor Publikum. Und dass sich die Verantwortlichen auch dann noch daran erinnern, dass der Zweck dieses schönen Spiels nicht allein in der steten Geldvermehrung besteht.