Die Central Station in New York Wenn der Pendlerstrom abebbt, kommen die Shopper

Von Sebastian Moll 

Erst als gegen zehn Uhr am Vormittag der Menschenstrom abebbt, ist es möglich, innezuhalten und die ganze Pracht des Beaux-Arts-Baus auf sich wirken zu lassen, der am 2. Februar hundert Jahre alt wird. Aus 20 Meter hohen, schlanken Bogenfenstern an der Ost- und Westseite der Halle fällt schräg das Licht auf den polierten Sandsteinboden, der sich Tausende von Quadratmetern weit ausbreitet. Die Fahrscheinschalter an der Nordseite sind mit verschnörkelten Messinggittern verziert, und über dem Pavillon in der Hallenmitte thront die berühmte vierblättrige Uhr aus Opalglas, deren Wert auf 20 Millionen Dollar geschätzt wird. Die Gleise, zu denen niedrige Rundbögen führen, sind tief unter der Erde versteckt. 67 sind es, so viele wie in keinem anderen Bahnhof der Welt, doch von hier oben aus ist von lautem Bahnverkehr und hässlichen modernen Zügen weit und breit nichts zu sehen.

Es ist kaum zu fassen, dass noch vor 20 Jahren Grand Central ein schmuddeliges Asyl für Obdachlose und Drogenabhängige war. Das Schrumpfen des Bahnverkehrs zu Gunsten von Flugzeug und Automobil hatte die Instandhaltung des einstigen Palastes des modernen Fernverkehrs mit seinen nach dem zweiten Weltkrieg immer schwieriger gemacht. Die damalige Finanzkrise der Stadt tat ihr Übriges. Ende der Sechziger drohte dem Prachtbahnhof der Abriss. Doch eine Bürgervereinigung unter Führung von Jackie Onassis stemmte sich gegen die Abrissbirne und klagte vor dem Obersten Gerichtshof erfolgreich den Denkmalschutz für das Gebäude ein, dessen Fassade mit der Hermes-Statue seit eh und je die Park Avenue überstrahlt. Mitte der Neunziger, als die Stadt in Geld schwamm, restaurierte die Bahngesellschaft MTA das Gebäude für 250 Millionen. Es war nicht schwer, die Mittel aufzubringen, schließlich bedient der Bahnhof die Pendler aus den wohlhabenden Vororten von Westchester County.

Es gibt Lachs aus Alaska und Olivenöl aus der Toskana

So ist Grand Central heute ein Palast, dessen Prunk die ganze Macht der Wirtschaftskapitale New York ausstrahlt. Jetzt, zwischen Morgen-Rushhour und Lunch, wird Grand Central immer weniger Verkehrsknotenpunkt und immer mehr eines der vornehmsten Einkaufs- und Dienstleistungszentren von Manhattan. In der Ostlobby, einer kleinen Halle nahe dem Ausgang zur Lexington Avenue, gönnt sich ein Geschäftsmann eine kleine Arbeitspause am Vormittag. Er hat sich in einem der ausladenen Ledersessel der Schuhputzer dort niedergelassen, die Boulevardzeitung „Daily News“ auf seinem Schoss ausgebreitet, und lässt sich seine hellbraunen Lederslipper für drei Dollar polieren. „Spit and Cream“ heißt die Behandlung, aus der Zeit, als die Schuhputzer tatsächlich noch mit Spucke arbeiteten.

Zwischen der Haupthalle und der Lexington Avenue werden die Auslagen des Grand Central Market, einer der feinsten Lebensmittelmärkte der Stadt, auf den Shopping-Ansturm zur Mittagspause hergerichtet. Unmengen von Forellen aus Idaho und Lachsen aus Alaska, Schinken aus Tirol, Pecorino und Olivenöl aus der Toskana und Champagner aus der Champagne warten appetitlich drapiert auf die verwöhnten Shopper. Gleichzeitig bereiten sich im Tiefgeschoss die Lebensmittelstände und Schnellrestaurants auf die Lunch-Zeit vor. Bei Hale and Hearty Soups dampfen aus mindestens drei Dutzend Töpfen ebenso viele Suppensorten, daneben bietet die Brooklyner Traditionsgaststätte Junior’s ihren berühmten Käsekuchen an. Dazwischen kann man zwischen Sushi, Curry oder koscheren Knishes wählen, Sandwiches mit allen nur denkbaren Belägen von Roast Beef bis zu gegrilltem Gemüse, Jumbo Bretzeln mit Senf oder Eissorten mit Geschmacksrichtungen von Grünem Tee bis zu weißer Schokolade.




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