Die Central Station in New York Alles fließt - seit 100 Jahren

Von Sebastian Moll 

Hier schlägt der hektische Beat der Stadt: New Yorks Grand Central Terminal ist vor hundert Jahren eröffnet worden. Er ist nicht nur einer der größten, sondern auch einer der prächtigsten Bahnhöfe der Welt.

Die Bahnhofsuhr aus Opalglas ist weltberühmt – und 20 Millionen Dollar wert. Foto: dpa
Die Bahnhofsuhr aus Opalglas ist weltberühmt – und 20 Millionen Dollar wert. Foto: dpa

New York City - Das Ächzen der sich öffnenden Zugtüren ist wie der Startschuss zu einem Marathonlauf. Innerhalb von einer Sekunde ist der Bahnsteig Nummer 119 schwarz vor Menschen, die die Rampe zur großen Halle des New Yorker Grand Central Terminal hinaufhasten. Von dem Augenblick an, in dem ihre Schuhspitzen erstmals den Boden von Manhattan berühren, nehmen die Vorstadtpendler den hektischen Beat der Stadt auf, werden Teil eines schwindelerregenden Strudels, der wie eine Zentrifuge täglich eine Dreiviertel Million Menschen von hier aus in die Straßen New Yorks schleudert. Nirgends sind der Takt und die Energie von Manhattan so unmittelbar zu spüren wie morgens um acht an Grand Central – jene Energie, die Manhattan so berauschend und so überwältigend macht.

Nur nicht stehen bleiben. Immer weiter, zum anderen Ende der Halle, die Rolltreppe hinab in die U-Bahn. Oder hinaus auf die Straße in die lange Schlange am Taxistand auf der 42. Straße, wo im Sekundentakt gut gekleidete Damen und Herren in die umliegenden Bürowolkenkratzer von Midtown abgeholt werden. Dazwischen schnell bei Hudson News in der Passage von der Halle zur Lexington Avenue eine „New York Times“ vom hüfthohen Stapel am Kioskeingang gegriffen und der indischen Verkäuferin zwei vorher in die Hosentasche gesteckte Dollarnoten zugeschoben. Oder einen Pappbecher Cappuccino mit auf den Weg genommen, der bei Joe’s in der Greybar Passage im Fließbandtempo abgefüllt wird. Wenn Grand Central das Herz von New York ist, dann rast um acht Uhr morgens der Puls und reißt die Stadt aus ihrer frühmorgendlichen Trägheit wie ein vierfacher Espresso.

Der New Yorker bewegt sich so präzise, dass kein Stau entsteht

Nichts hemmt an Grand Central den steten Fluss der Massen in die Büros, in die Organe der mächtigen Wirtschaft dieser Metropole. Jeder Schritt, jeder Handgriff sitzt hier in der Rushhour. Die Rädchen in der Maschinerie von Grand Central greifen perfekt ineinander und ebenso perfekt in das größere Räderwerk der Metropole.

So entsteht wie durch ein Wunder an den unaufhörlich surrenden Drehkreuzen zu den U-Bahn-Gleisen kein Stau, obwohl pro Minute Tausende hier durchkommen. Der New Yorker navigiert so vorausschauend und präzise durch dieses Nadelöhr, dass er niemandem in die Quere kommt. Wie Fische in einem übervollen Aquarium schwimmen die Menschen aneinander vorbei. Nur nicht den Flow unterbrechen, nicht den eigenen und nicht den der anderen. Immer in Bewegung bleiben – das ist das oberste Gebot an diesem Bahnhof, in dieser Stadt.

Im Informationspavillon in der Mitte der Haupthalle gibt der uniformierte Bedienstete so rasch und exakt Auskunft, dass die Kunden vor seinem Gitter sowie die Schlange hinter ihnen praktisch niemals zum Stehen kommen. „Der Zug nach Chappaqua um 9.45 Uhr, Gleis 15. Der Nächste!“ – „Stadtpläne im Kiosk am Durchgang zur Lexington Avenue. Der Nächste!“ – „Nach New Jersey wollen Sie? Da sind Sie am falschen Bahnhof, Sie müssen mit der U-Bahn-Linie 7 zur Pennsylvania Station fahren.“ Nicht ein einziges Mal muss er etwas nachschauen, während er in gleichbleibend ruhigem Tonfall alle nur erdenklichen Fragen beantwortet und dazwischen kaum einmal Luft holt.




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