Interview„Die DHBW wird weiter wachsen“ „Die DHBW wird überproportional wachsen“

Der DHBW-Präsident Professor Reinhold  Geilsdörfer (links)  und der Südwestmetallchef Stefan Wolf wollen die Hochschulart weiter voranbringen – unter anderem  mit neuen Profilen und einer stärkeren Internationalisierung der Studiengänge. Foto: Achim Zweygarth
Der DHBW-Präsident Professor Reinhold Geilsdörfer (links) und der Südwestmetallchef Stefan Wolf wollen die Hochschulart weiter voranbringen – unter anderem mit neuen Profilen und einer stärkeren Internationalisierung der Studiengänge. Foto: Achim Zweygarth

Das duale Studium ist stärker gefragt, als die Ausbildung an anderen Hochschularten. Das glauben DHBW-Präsident Reinhold Geilsdörfer und Stefan Wolf, der Vorsitzende von Südwestmetall. Im StZ-Interview erwarten sie, dass der Staat das honoriert.

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Stuttgart. - Die frühere Berufsakademie wird 40. Als Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) feiert das Erfolgsmodell fünften Geburtstag. Ihr Präsident Reinhold Geilsdörfer und der Südwestmetallchef Stefan Wolf erwarten, dass die Hochschulart stärker gefragt sein wird als Universitäten oder Fachhochschulen.
Herr Geilsdörfer, Herr Wolf, geht die rasante Entwicklung der DHBW weiter wie bisher?
Geilsdörfer: Wir sind in den vergangenen Jahren jeweils um sieben Prozent gewachsen. Wir gehen jetzt von dreieinhalb Prozent in den nächsten Jahren aus. Wir werden uns wohl in Richtung 45 000 Studierende entwickeln. In den Gesundheitswissenschaften, vor allem in der Pflege, sehen wir eine Größenordnung von 4000 bis 5000 neuen Studienplätzen. Im Bereich Business gibt es zwar Sättigungstendenzen, im Maschinenbau, in den Ingenieurwissenschaften und der Informatik steigt die Nachfrage aber weiter deutlich.
Stefan Wolf. Foto: Achim Zweygarth
Wolf: Allein aufgrund der demografischen Entwicklung wird das Wachstum gebremster sein. Das Modell DHBW wird dennoch gegenüber anderen Hochschularten überproportional weiter wachsen. Es vereint in hervorragender Weise Praxis und Theorie. Für uns Unternehmer ist das Wesentliche, dass wir sehr gut ausgebildete Absolventen bekommen, die dennoch schon den Praxisbezug zum Unternehmen haben und sofort einsetzbar sind.
Sind die zusätzlichen Studiengänge in der Pflege schon gesichert?
Geilsdörfer: Wir können die große Nachfrage nicht befriedigen. Pflegeberufe waren bisher eine dual strukturierte Fachschulausbildung. Jetzt steht die Branche vor einer Akademisierung. Kunden wie etwa die Krankenhäuser betrachten die DHBW als das ideale Modell. Wenn wir in der Pflege ein Studienangebot aufbauen, muss das zu unseren bestehenden Plätzen dazukommen. Herr Wolf wäre sicher nicht begeistert, wenn wir Maschinenbau zugunsten von Pflege abbauen würden. Die Politik muss bereit sein, die entsprechenden Plätze bereit zu stellen.
Wolf: Sicherlich würde ich nicht sagen, mehr Pflege, weniger Maschinenbau. Wir sind ein Technologieland. Noch kommen viele Innovationen aus Baden-Württemberg. Es wäre verfehlt, diese Position zu gefährden, indem wir nicht den entsprechenden Nachwuchs heranbilden. Natürlich brauchen wir auch den Gesundheitsbereich. Man muss jedoch auch im Hochschulsektor Angebot und Nachfrage im Blick haben. Wenn die Nachfrage nach der dualen Hochschule langfristig deutlich höher ist als nach anderen Hochschul­arten, muss über die Verteilung nach­gedacht werden, wenn nicht genügend Geld da ist. Ich plädiere nicht dafür, ­Universitäten kürzer zu halten. Wir brauchen unabhängige Forschung und Lehre, die nicht an Unternehmen gebunden ist. Aber man muss überlegen, wie man die Prioritäten setzt.
Womit begründen Sie die Ansprüche?
Wolf: Viele unserer Studenten wären Bafög-Empfänger, wenn sie an einer anderen Hochschule studieren würden. An der DHBW übernehmen wir die Finanzierung dieser Studenten und entlasten den Staat. Das sollte der Staat schon im Blick haben, wenn er die Mittel verteilt.
Geilsdörfer: Wenn man bei 34 000 Studenten zugrunde legt, dass die Unternehmen in jeden Studienplatz minimum 30 000 Euro Lohnkosten investieren, dann bedeutet das bei unseren Dualen Partnern Investitionen von mehr als einer Milliarde Euro jährlich in die DHBW.
Damit Ihnen im demografischen Wandel nicht die Studenten ausgehen, wollen Sie stärker internationalisieren. Aber wer kennt im Ausland die DHBW?
Geilsdörfer: Wir haben eine gigantische Nachfrage nach unserem Modell. Der Modelltransfer ist das eine. Wir wollen auch deutlich mehr ausländische Studierende gewinnen. Dazu brauchen wir mehr englischsprachige Studiengänge. Wir wollen zudem ein einjähriges Studienkolleg zur Vorbereitung von Ausländern auf das DHBW-Studium einrichten.
Wolf: Wir brauchen dringend gut qualifizierte Leute aus dem Ausland. Dazu müssen wir den Standort, unsere Unternehmen und die Rahmenbedingungen attraktiv machen. Wir Unternehmen werden uns bemühen, Leute aus dem Ausland zu gewinnen. Aber auch der Staat ist gefragt. Zum Beispiel könnte er diese Vorbereitungskurse bezahlen. Ich plädiere dafür, sich fundierte und differenzierte Gedanken zu machen, wie wir in Deutschland qualifizierte Zuwanderer gewinnen können.
Das klingt nach ehrgeizigem Lehrangebot. Die DHBW arbeitet viel mit Lehrbeauftragten. Wie sichern Sie die Qualität?
Geilsdörfer: Wir haben ein Verhältnis von 40 Prozent hauptamtlichen zu 60 Prozent nebenamtlichen Dozenten. Darüber bin ich nicht unglücklich. In seinen Empfehlungen zum Dualen Studium legt der Wissenschaftsrat jedoch 50 Prozent hauptamtliche Dozenten zugrunde. Dieser Herausforderung werden wir uns stellen müssen. Im Moment ist unser Problem, dass die nebenamtliche Tätigkeit finanziell nicht attraktiv ist. Wir bezahlen seit 15 Jahren unverändert den gleichen Satz, das geht nicht mehr so weiter. Im neuen Solidarpakt fordern wir vom Land eine Erhöhung um 20 Prozent.
Wolf: Die Studenten empfinden die Kombination von Leuten, die aus der Praxis berichten und von Hauptamtlichen mit wissenschaftlich-theoretischem Anspruch als sehr gewinnbringend. Für die Unternehmen ist der Einsatz von Lehrbeauftragten nicht unattraktiv, weil der nebenberufliche Dozent die Studenten gut kennen lernt. Auch ich habe als Lehrbeauftragter schon Mitarbeiter für unser Unternehmen gewonnen.
Wie grenzt sich die DHBW von den anderen Hochschularten ab?
Geilsdörfer: Bei uns studieren junge Leute, die sehr zielorientiert sind. Deshalb sind sie im Beruf wahrscheinlich auch so erfolgreich. Das ist ja eine der wichtigsten Managementqualitäten.
Dennoch streben viele Absolventen nach einem Masterabschluss.
Wolf: Es ist falsch, zu vermitteln, dass nur der Master ein richtiger Studienabschluss ist. Wir brauchen in der Industrie viele Menschen, die mit dem Bachelor in den Unternehmen bleiben. Bislang hat man es nicht geschafft, ihnen zu vermitteln, dass sie damit nach ganz oben kommen können.
Aber die DHBW bietet doch selbst Masterstudiengänge an. Sind Hochschule und Partnerunternehmen unterschiedlicher Ansicht in der Bedeutung des Masters?
Geilsdörfer: Ich glaube nicht, dass wir da auseinanderliegen. Unser Hauptbetätigungsfeld ist der Bachelor. Aber der Trend ist, dass die jungen Leute weiter studieren wollen. Zum Teil sind die Bachelorabsolventen ja gerade mal 20 Jahre alt. Unser Masterkonzept ist berufsintegrierend. Wir wollen die Leute nicht rausholen aus den Unternehmen, wir wollen sie dort binden. Bei uns sollen sie neben dem Job und in Abstimmung und Kooperation mit ihren Unternehmen in zwei bis drei Jahren den Master machen. So ein Angebot macht sonst keine Hochschulart.
Ist das im Interesse der Unternehmen?
Wolf: Absolut. Ich halte das für ein sehr sinnvolles und stimmiges Konzept.
Ist die DHBW, die ja von Großunternehmen gegründet wurde, inzwischen die akademische Ausbildungsstätte für den Mittelstand?
Wolf: Inzwischen gibt es fast 11 000 Partnerunternehmen. Die Großunternehmen sind nach wie vor vertreten, die DHBW ist aber auch für kleinere und mittlere Betriebe ein ideales Modell. Schon während des Studiums erfolgt die starke Integration ins Unternehmen. Die Leute können nach dem Bachelor sofort voll eingesetzt werden.
Geilsdörfer: Bei Daimler und Porsche bewerben sich Absolventen aller Hochschularten. Bei einem Mittelständler, bei dem sie ein Navi brauchen, um ihn zu finden, bewerben sich eben weniger. Sie sind es aber, die prozentual deutlich stärker auf uns setzen als die Großunternehmen.
Ist die DHBW nur regional sichtbar?
Geilsdörfer: Wir haben Standorte, die sehr überregional aufgestellt sind, und andere, die mehr von der regionalen Wirtschaft leben. Unser Ziel ist, über die Profile eine überregionale Sichtbarkeit zu erreichen. Ravensburg zum Beispiel ist in den Bereichen Gastronomie und Tourismus deutschlandweit von Bedeutung. Alles was Rang und Namen hat, bildet dort aus.

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