Die E-Mail-Seelsorge „Youth-Life-Line“ Lebensmut online
Im Büro der Reutlinger „Youth-Life-Line“ gehen Hilferufe von Jugendlichen in seelischen Krisen per E-Mail ein – und werden von Gleichaltrigen beantwortet.
Im Büro der Reutlinger „Youth-Life-Line“ gehen Hilferufe von Jugendlichen in seelischen Krisen per E-Mail ein – und werden von Gleichaltrigen beantwortet.
Reutlingen - Nur das Rauschen der Heizung übertönt die Stille in dem Raum. Manchmal hört man das Tippen auf einer Computertastatur. Eine fast meditative Gelassenheit liegt hier im Büro der Tübinger Youth-Life-Line, könnte man meinen. Aber auf den Bildschirmen, vor denen an diesem Nachmittag sechs Studenten sitzen, spielen sich oft Dramen ab. Hier melden sich Jugendliche per E-Mail, die meist mit erdrückenden Problemen zu kämpfen haben. Diese Jugendlichen wollen sich mit ihren Sorgen nicht an Erwachsene wenden, sondern an Gleichaltrige. Die verstehen sie vielleicht am besten.
Hallo! Am liebsten wäre ich jetzt schon tot oder würde noch heute Nacht zu dem Hochhaus bei uns in der Nähe gehen, aus dieser Hölle von Welt entfliehen. Was mich dann davon abhält, ist höchstens das Hungern oder Ritzen. Doch ich kann nicht mehr, der Wunsch zu sterben wird immer größer. Ich weiß nicht, wie lange ich ihn noch einigermaßen unter Kontrolle habe. Einen Tag? Eine Woche? Einen Monat?“
Felizitas (Name geändert) weiß in diesem Moment noch nicht, wer ihre Zeilen lesen und ihr dann zurückschreiben wird. Sie hat sich auf der Internetseite der Online-Seelsorge Youth-Life-Line registriert und ihre ganze Seelennot in die Eingabemaske getippt.
Marie* antwortet die Mail von Felizitas. „Hallo Felizitas! Ich freu mich sehr, dass du mir diese Mail geschrieben hast. Ich bin Marie und 17 Jahre alt. Du sagst, dass du dich imMoment noch einigermaßen unter Kontrolle hast, dir nicht das Leben zu nehmen. Und dass dich das Ritzen und Hungern davon abhält. Kannst du beschreiben, was du dabei fühlst oder wieso du das machst? Gibt es auch noch etwas anderes, was dich davon abhält, dir das Leben zu nehmen? Hast du irgendwelchePersonen, die dir nahestehen und denen du vertraust? Ich würde mich freuen, wenn du mir wieder schreibst. Liebe Grüße, Marie.“
Marie, 17, ist noch Schülerin. Sie weiß nicht, ob und wie Felizitas reagieren wird. Ob das Mädchen ihre Ankündigungen vielleicht wahr macht und Marie nie wieder etwas von ihr hören wird.
Marie ist Beraterin bei der Youth-Life-Line, die zum Arbeitskreis Leben Reutlingen und Tübingen gehört. Das Projekt finanziert sich je zur Hälfte aus öffentlichen Mitteln und Spenden. Marie und ihre Kollegen unterstützten Jugendliche bis 25 Jahre in akuten seelischen Krisen. Die Antworten Gleichaltriger, so die Idee hinter dem Projekt, klingen authentischer und können hilfreicher sein als die von ausgebildeten Fachkräften.
Die Online-Hilfe ermöglicht einen Austausch auf Augenhöhe, da die Berater in einer ähnlichen Lebensphase sind. Eine Phase, die mitunter existenzielle Krisen kennzeichnen. Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Menschen zwischen 15 und 29. Etwa 600 Jugendliche sterben jährlich in Deutschland durch Suizid, die Zahl der Versuche ist zehnmal so groß.
Elf Tage nachdem Marie die erste Mail an Felizitas geschickt hat, erhält sie eine Antwort: „Liebe Marie, ich halte es hier nicht mehr aus, trotzdem kann ich nicht egoistisch genug sein, mich umzubringen, deshalb werde ich heute Nachmittag abhauen, ich weiß deshalb nicht, wann ich wieder die Möglichkeit habe, dir zu schreiben, danke für alles. Du warst anders als diese Welt!!! Deine Felizitas“
Marie antwortet einen Tag später: „LiebeFelizitas, ich hab mich total erschreckt, als ichgelesen habe, dass du von zu Hause abgehauen bist, bin aber froh, dass du mir geschrieben hast. Ich mache mir große Sorgen um dich. Wohin bist du gegangen, und wie kam es dazu, dass du es nicht mehr ausgehalten hast? Ich hoffe und würde mich freuen, wenn du eine Möglichkeit findest, mir wieder zu schreiben! Liebe Grüße, Marie“
35 Studenten und Schüler arbeiten ehrenamtlich für Youth-Life-Line. Sie beantworten jährlich 550 Anfragen und schreiben 2500 Mails. Im Schnitt dauert so ein Ferndialog zwischen vier und fünf Monaten. Etwa 20 Prozent der Klienten antworten nicht auf die erste Mail der Berater. Manchmal kommen auch nur ein, zwei Sätze auf eine lange Mail zurück. Manchmal sind die Texte schwierig zu lesen, ohne Groß- und Kleinschreibung, ohne Punkt und Komma.
Marie und ihre Kollegen haben in einer dreimonatigen Ausbildung gelernt, wie sie mit verzweifelten Gleichaltrigen reden und sie für Hilfe öffnen können. Wenn sie E-Mails schreiben, geben sich die Berater immer ein Pseudonym. Das schafft automatisch eine gewisse Distanz – und verhindert, dass ihre Schützlinge sie außerhalb des Büros kontaktieren.
Wer bei einzelnen Formulierung unsicher ist, fragt einen Kollegen. Wer seine Antwort schließlich fertig formuliert hat, bespricht sie zunächst mit Nina Schweigert oder Markus Urban, den Sozialpädagogen im Berater-Team. Sind sie einverstanden, öffnen sie das Mailprogramm, zu dem nur sie das Passwort haben. Dann erst kann die Mail versendet werden.
Felizitas und Marie bleiben weiter in Mailkontakt. Felizitas sechste Nachricht lässt bei Marie alle Alarmglocken schellen: „Liebe Marie, ich weiß, wir haben zusammen gekämpft, du hast um mich gekämpft, und dennoch haben wir/ich verloren. Doch für mich ist es kein Verlust, für mich ist es Befreiung und Frieden. Ich wollte dir Danke sagen für deine Hilfe, doch das Schicksal wollte es nicht anders. Eigentlich will ich es nicht tun müssen, aber es gibt keinen Ausweg für mich und niemanden, der meine verdammte Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit versteht. Ich glaube, es ist so, weil ich schon als kleines Mädchen die Rolle der Erwachsenen übernehmen musste. Es tut mir im Nachhinein leid, dich da mit reingezogen zu haben, aber ich bin keinen Gedanken wert, vergiss mich einfach!!Deine Felizitas
Marie liest die Mail wie einen Abschiedsbrief. Sie weiß, dass sie nun eine Fachkraft einschalten und ihr den Kontakt zu Felizitas übergeben muss. „Liebe Felizitas, ich hoffe, du liest diese Mail noch!!! Mein Name ist Nina Schweigert, ich bin Diplompädagogin und als pädagogisch-therapeutische Fachkraft hier bei Youth-Life-Line tätig. Marie kann – wie du ja weißt – nur einmal in der Woche hierher zum Beraten kommen. Du sagst, das Schicksal wollte es nicht anders. Das Schicksal tötet dich nicht, sondern DU willst es tun. DU hast deshalb auch die Möglichkeit, anders zu handeln! DU kannst dir Hilfe holen, damit du die nächsten Stunden, Tage, Wochen überstehst und dir selbst eine Chance gibst, dass es dir wieder besser geht! Ganz liebe Bitte-bleib-am-Leben-Grüße, Nina.“
„Die meisten Menschen, die mir schreiben, dass sie sich umbringen wollen, möchten das eigentlich nicht. Sie haben Hoffnung“, sagt die Youth-Life-Line-Beraterin Lotte, eine 22-jährige Studentin der Kunstgeschichte. „Meine Klienten beschäftigen mich natürlich, wenn ich hier rausgehe. Ich kann nicht einmal meinen Freunden erzählen, was ich gelesen habe.“
Gegenüber von Lotte starrt eine Kollegin mit Tränen in den Augen auf den Monitor. Sie ist mit einer Klientin konfrontiert, die Selbstmordgedanken hat. „Du musst es aushalten, du kannst nicht mehr machen, als diese Mail zu schreiben“, sagt ihr Markus Urban, der Sozialpädagoge. Lotte versucht, ihr Gegenüber zu verstehen, geht vorsichtige Schritte. „Wir schreiben etwa ,Was können wir machen, damit es dir ein bisschen besser geht?‘’ anstatt ,Wie könnte es dir besser gehen?‘.“
Nach dem Abitur war sie selbst in einem Loch, erzählt Lotte. Sie wollte nicht von zu Hause weg, hatte Angst vor der Veränderung. Zurzeit begleitet sie zwei Jugendliche regelmäßig und drei, die sich hin und wieder melden. „Verabschiedet hat sich von mir noch niemand“, sagt sie. Anfangs hat sie sich gefragt, was sie falsch macht. Inzwischen denkt sie, dass die Hilfesuchenden den Kontakt zu einem ganz bestimmten Moment gebraucht und dann eben vergessen haben zu antworten.
„Youth-Life-Line ist eine wichtige Unterstützung. Zwar steigern sich Jugendliche mit Gleichaltrigen oft in Probleme hinein. Hier aber können sie mit Gleichaltrigen reden, die trainiert sind und mit eigenen Problemen umgehen können“, sagt Gottfried Maria Barth, Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Tübingen. Er begleitet das Projekt wissenschaftlich. Trotz der emotionalen Belastung zeigten Studien, so Barth, dass es auch für die Berater mehr positive Effekte als Risiken gibt. „Sie erhalten durch die Arbeit einen besseren Zugang zu ihren Gefühlen, ihr psychisches Befinden stabilisiert sich.“
Neun Tage nach ihrer Suizidankündigung schreibt Felizitas: „Liebe Marie, liebe Nina, ich lebe noch. War wieder für drei Tage im Kinderhospital, nachdem der Suizid gescheitert ist. Die Diagnose von denen war: posttraumatische Belastungsstörung. Vielleicht gehe ich für acht Wochen in eine Klinik. Aber da ich immer noch nicht sehr stabil bin, erzähl ich später genau. Ich dachte nur, dass es vielleicht ganz gut ist, dass du das weißt, Marie.Deine Felizitas.“
Marie ist erleichtert, von Felizitas zu hören, unterstützt sie in ihrem Plan, in die Klinik zu gehen, und wünscht ihr viel Kraft. Es geht bergauf. Ein halbes Jahr nach der ersten Mail schreibt Felizitas zum vorerst letzten Mal.
„Liebe Marie, dieses wird meine letzte Mail,da ich deine Hilfe nicht mehr brauche. Ich kann mir gut vorstellen, dass jetzt andere sie an meiner Stelle gut gebrauchen können. Ich mache erst mal meine Therapie im Kinderhospital zu Ende, dann vielleicht noch eine Traumatherapie, meine Mum möchte mir eineDelfintherapie bezahlen. Ich werde nach dem Kinderhospital wegziehen, in eine Wohngruppe. Ich verdanke dir und ein paar anderen Leuten, dass ich noch lebe, und dafür bin ich dir sehr dankbar!! Danke, dass du immer da warst!Tschüss und mach’s gut, deine Felizitas“
* Marie arbeitet mittlerweile nicht mehr bei Youth-Life-Line, sie studiert in einer anderen Stadt. Um durch die Veröffentlichung eines Dialogs nicht die Gefühle der anonymen Schreiber zu verletzen und sie in Gefahr zu bringen, wurde hier auf einen älteren Fall zurückgegriffen. Der 26-seitige Mailverkehr zwischen Felizitas und Marie erstreckte sich über sieben Monate.