Die Ehrenrettung des Dialekts Aufstiegshindernis und schützenswertes Kulturgut

Von Christof Stählin 

Der Adel hat im 18. Jahrhundert seine Legitimation und Macht in den Augen des Volkes in gleichem Maß eingebüßt, wie er seine Ortsgebundenheit (von . . .) aufgab, seine Güter vernachlässigte und sich in die Machtzentren der Höfe begab. Die Chancengleichheit aller Bevölkerungsschichten, die zu unseren demokratischen Unverzichtbarkeiten zählt, entmachtet den Dialekt in ähnlichem Sinn. Er wird zum Aufstiegshindernis, das zusammen mit seiner ländlichen Herkunft abgestreift werden soll, zu Gunsten von einflussreichen und hochbezahlten Positionen. So unterliegt er einer Erosion durch die Hochsprache und wird gleichzeitig zum schützenswertem Kulturgut, wird archiviert, versuchsweise lehr- und lernbar gemacht und in seinem Bestand festgehalten.

Die lebendige Wandlung und Entwicklung, die immer seine Eigenart war, ist auf die Jugendsprachen übergegangen und speist sich in den klassischen Dialekten nunmehr durch Neuzugänge aus der Schriftsprache. Durch Adoption und Eheschließung rekrutiert sich der Adel, seit Verdienst und Nobilitierung für seine Erneuerung ausgedient haben.

Das Selbstbewusstsein der Ausgeschlossenen

Ein Mann, der den Dialekt nicht mit der Muttermilch eingesogen hat, spricht einen alteingesessenen Dorfbewohner in Mundart an, die er sich wie eine Art sprachlichen Zweitwagen hält. Er bekommt seine Antwort, mit einem spiegelbildlichen Akzent, auf Hochdeutsch. Das ist, schmerzlich für den leutseligen Fremdling, eine Art Immunreaktion gegen Anbiederung. Als die Kaste des Adels noch eine lebendige Funktion hatte und entsprechend von einer Grauzone ungewisser Zugehörigkeit umgeben war, man also bei Annäherung nicht wissen konnte, ob man noch draußen oder schon drinnen war, duzte manch ein Mann, der sich dazuzählte, einen Edelmann, wie es unter Standesgenossen der Brauch war, und wurde, schmerzlich, nicht zurück­geduzt, also gleichsam auf Schriftdeutsch angesprochen, als er sich im Dialekt versucht hatte.

„Ich kann deine Sprache, aber du kannst nicht meine“, das ist der Anspruch des angenommenen Dialekts. „Du willst zu uns gehören, aber wir gehören ja doch nicht zu euch – und ihr nicht zu uns!“, mit diesem erfahrungsgestützten Verdacht kippt der Nachteil der Unterprivilegierung in das Selbstbewusstsein der Ausgeschlossenen. Was soll ein Mensch mit ländlichem Hintergrund, der mühsam versucht, seinen Dialekt abzustreifen und hochdeutsch zu sprechen, um in seiner Karriere voranzukommen, von jemand denken, der in eben dieser Sprache redet, obwohl er es gar nicht müsste? Am Dialekt erweisen sich die verbliebenen Höhenunterschiede im demokratischen Zusammenleben. Das schafft Energien der Einebnung, die wiederum den Dialekt in Gefahr bringen, weil er nach und nach dem unteren Mittelniveau der Hochsprache angeglichen wird, welcher im Zuge dieser Entwicklung dasselbe widerfährt wie dem Dialekt selber.