Die Ehrenrettung des Dialekts Was „Hochdeutsch“ eigentlich bedeutet

Von Christof Stählin 

Geologisch zergliederte Landschaften wie die Alpentäler der Schweiz bringen tiefe Einschnitte im Unterschied der Dialekte hervor. So auch in Norwegen mit seinen Fjorden, wo man im Zuge der nationalen Emanzipation – weg von Dänemark – die Varianten der Dialekte in Bergen und Buchten des Nordens zu einer künstlich-einheitlichen Volkssprache zusammengefasst hat, sozusagen einer Hochsprache von unten gegen die dänisch beeinflusste vornehme Sprache der Hauptstadt im Süden. So überlagerte sich das geografische Oben und Unten mit dem der sozialen Schichtung: Dialekt unten, Hochsprache oben.

So war es auch in Deutschland mit dem Wandel der Bedeutung von „Hochdeutsch“ und „Niederdeutsch“. Zuerst bezogen sich „hoch“ und „tief“ noch auf die Höhe über dem Meeresspiegel, mit dem Gegensatz von Hochdeutschland und den hochdeutschen Mundarten im Süden, und Niederdeutschland mit dem Niederrhein, den Niederlanden und der norddeutschen Tiefebene im Norden. Dann aber legte sich das Wort „Hochdeutsch“ sozusagen quer über die Landkarte und verwandelte seine Bedeutung in die vornehme Sprache der gebildeten Oberschicht. „Tiefdeutsch“ oder gar „Unterdeutsch“ für die Dialekte, sagte man denn doch nicht. „Niederdeutsch“ blieb. Es galt dann für den nördlichen Teil Deutschlands mit seinen Tiefebenen, konnte aber auch die Sprache der gewöhnlichen Leute bezeichnen. So auch das Wort „platt“, was das flache Land mit der Sprache seiner Bewohner ebenso meinen konnte wie die Sprache des einfachen Volkes. Das „einfache Volk“, dessen Sprache der Dialekt ist, hat mit ihm Sprachen hervor­gebracht, so bunt schillernd, so variantenreich und witzig, so schwierig in der Erfassung, dass ihm die Hochsprache nicht an die Fußknöchel reicht, mit dem einzigen Nachteil, dass sich seine Gültigkeit immer nur auf ein kleines Gebiet erstreckt, weil die Leute im Nachbardorf schon wieder ganz anders sprechen können.

„Kopfgesteuerter“ – nicht unbedingt ein Kompliment

Gleichwohl handelt es sich beim Dialekt nicht um eine Deformation der Sprache, sondern um ihre lebendigste und reinste Form. Schließlich sagen die Leute auf dem Land nicht „unser Dialekt“, sondern mit vollem Recht „unsere Sprache“, wenn sie ihre Mundart bezeichnen.Das gibt zu denken, aber denken sollte man besser mit dem ganzen Körper als nur mit dem Kopf, will man sich dem Dialekt nähern. „Das ist ein Kopfgesteuerter“, sagten Kfz-Mechaniker, als sie sich über einen intellektuellen Kunden unterhielten, und lieferten damit eine glänzend witzige Metapher für intellektuellen Weltbezug als gedanklichen Vorderradantrieb. Das Denken im Dialekt ist pragmatisch-nüchtern, körperbezogen und bilderreich, den Abstraktionen und theoretischen Begriffen instinktiv abhold. „Ich komme nicht auf das Wort“ heißt es bei Wortfindungsnot auf Hochdeutsch. „Schlag mer uff der Kropf na!“, sagte dafür ein schwäbischer Handwerker. Den Satz: „Bei Annäherung an eine fremde Sprachwelt sollte man falsche Identifikation mit dem Gegenstand vermeiden“ hätte Martin Luther, der Großmeister der Übertragung in die Sprache des Volkes, so ausgedrückt: „Auf einem fremden Arsch durch die Hölle reiten.“

Was soll man also mit dem Dialekt in diesen Zeiten der sprachlichen Umschichtungen machen? Selbstbewusst sprechen, wenn man’s kann, oder es bleiben lassen, lieben, bewundern, respektieren, die Dokumentation in Ehren. Man mag über den Dialekt sagen, was man will, es wird immer auch andere Meinungen dazu geben. Aber eins bleibt und steht fest: Dialekt ist Ausdruck von Identität. Was aber ist Identität? Kein Mensch wird das je herausfinden, denn die Identität selber hat keine. Der Dialekt, schon weil er kein Wort dafür hat, weiß von Identität nicht das Geringste. Er ist es gleich selber, er braucht bloß den Mund aufzumachen.