Die Ehrenrettung des Dialekts „Woischwiaimoin?“

Von Christof Stählin 

„Schlag mer uff der Kropf na!“ statt „Ich komme nicht auf das Wort“: Dialekt ist Stigma und Privileg zugleich. Man wächst hinein, ihn nachträglich zu erlernen ist nicht möglich. Aber rühmen und preisen kann man ihn. StZ-Autor Christof Stählin tut dies mit Begeisterung.

Wenn zwei das Gleiche sagen, meinen sie nicht unbedingt dasselbe – und umgekehrt. „Die Auseinandersetzung“ heißt diese Skulptur von Karl-Henning Seemann. Foto: Martin Stollberg
Wenn zwei das Gleiche sagen, meinen sie nicht unbedingt dasselbe – und umgekehrt. „Die Auseinandersetzung“ heißt diese Skulptur von Karl-Henning Seemann. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Ein Kabarettist gab auf einer Kleinkunstbühne auf der Alb ein Gastspiel. In einer seiner Nummern stellte er einen Schwaben dar, samt allem, was dabei als typisch gilt, natürlich im bühnenwirksam angenommenen schwäbischen Dialekt. Nach der Vorstellung kam eine dörfliche Nachbarin des Theaters hinter die Bühne, um ihm zu sagen, wie gut es ihr gefallen habe, um dann aber anzufügen: „Aber gell, Sie sind net von da?“

Dialekt ist akustischer Fingerabdruck, Geheimsprache, Stigma, Privileg und Herkunftsverräter seit biblischen Zeiten. Petrus behauptete, Jesus nicht zu kennen, als ihn am Vorabend der Kreuzigung die Kriegsknechte darauf ansprachen. „Wahrlich, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich!“, sagten sie – er sprach im galiläischen Dialekt (Markus 14,70). „Sag einmal ,Schiboleth‘!“, sagten die siegreichen Krieger von Gilead zu Flüchtlingen, die leugneten, aus Ephraim zu sein. Wenn sie „Siboleth“ sagten, weil sie das „sch“ nicht aussprechen konnten, eine Eigenart ihres lokalen Dialekts, war es um sie geschehen (Richter 12,6).

Der Laut „sch“ als Kennlaut hat die Jahrtausende überdauert, auch wenn niemand mehr sein Leben damit aufs Spiel setzt. Der Moselfranke, wenn er „Unterschied“ möglichst hochdeutsch sagen will, sagt „Unterchied“ und gibt damit Auskunft über seine Heimatregion. Der Jugendliche, der den Slang seiner vitalen türkischstämmigen Altersgenossen angenommen hat, sagt „isch“, statt „ich“, um dazuzugehören. Ein Sohn aus gutem Hause, der in dieser Kunst noch Anfänger war, hatte sich der Punkerbewegung angeschlossen, entsprechend gekleidet und frisiert und wurde in der Hamburger U-Bahn von einem jungen Türken angerempelt, „Hey, Nazi oder was?“ Seine Reaktion lautete: „Du, ich hab dich rein akustisch nicht verstanden!“, sprach also im Dialekt der besseren Kreise. Der andere fühlte sich provoziert, rückte ihm mit der Schulter auf den Leib und sagte: „Ey, du nennst misch akustisch?“

Man muss hineingeboren sein, um dazu zu gehören

So sensibel, so delikat ist das Phänomen des Dialekts in seinen tausend Varianten, dass die feinsten Nuancen ausschlaggebend sein können. Was sie signalisieren, wird durch zwei Wortpaare eingefangen: außen und innen und oben und unten. Das Erste bedeutet die Zugehörigkeit zu denen, die auch so reden, das zweite die Einordnung in die gesellschaftliche Schichtung, auch Hintergrund genannt. Es ergibt sich das Bild einer alten Lochkamera mit der lichtempfindlichen Schicht hinten darin, die oben und unten auf den Kopf stellt und noch die zartesten Lichtspuren einfängt.

„Dialekt ist mehr als ein philologisches ein psychologisches Problem“, sagt Ödön von Horváth in einer „Randbemerkung“ zu seinem Theaterstück „Die Bergbahn“. Das verbindet den Dialekt und seine Sprecher wider Erwarten mit dem Adel, was unsere Vorstellungen vom gesellschaftlichen Oben und Unten irritiert. Auch der Adel stellt nach der Abschaffung seiner Vorrechte eher ein psychologisches Problem und kein – in diesem Fall – sozialpolitisches Problem dar, weil das demokratische Bewusstsein nicht einsieht, weshalb jemand von Geburt an etwas Besseres sein soll, obwohl alle Standes­privilegien abgeschafft sind. Andrerseits ist die Frage, warum jemand durch seinen Dialekt, also seinen Hintergrund, am gesellschaftlichen Aufstieg gehindert sein soll, wo doch alles, was dem im Wege steht, gesetzlich abgeschafft ist. Unmittelbar verbunden ist der Dialekt (zur kurzen Bezeichnung seiner Sprecher) mit den Resten der Aristokratie durch die ursprüngliche Bindung an Land und Region, die Bodenständigkeit, den Familienzusammenhalt, vor allem aber dadurch, dass man hineingeboren sein muss, um dazuzugehören.