Tiny House in Baden-Württemberg Maxiglück im Karlsruher Minihaus
Wie lebt man auf 18 Quadratmeter? In Baden-Württembergs einziger Tiny-House-Siedlung bei Karlsruhe ist Minimalismus eine Grundhaltung. Vier Bewohner erzählen von ihrem Alltag.
Wie lebt man auf 18 Quadratmeter? In Baden-Württembergs einziger Tiny-House-Siedlung bei Karlsruhe ist Minimalismus eine Grundhaltung. Vier Bewohner erzählen von ihrem Alltag.
Karlsruhe - Wenn sie schlafen geht, sollte sie hellwach sein. Kathi Brzukalla kann sich schließlich nicht einfach aufs Bett fallen lassen. Sie muss zu ihm hinaufklettern. Eine unter dem Dach eingezogene Empore – das ist ihr Nachtlager. Wo die Leiter steht? Die Minihausbesitzerin schüttelt den Kopf. „Dafür ist kein Platz“, sagt sie, deutet auf den schmalen Gang zwischen Küchenzeile und Regalwand. Wer auf 18 Quadratmetern lebe, habe sich aufs Allerwichtigste zu beschränken. Und dann führt die alleinstehende ältere Dame vor, was ihren Kindern und Enkeln den Angstschweiß auf die Stirn treiben dürfte: Die 69-Jährige setzt den linken Fuß auf eine Holzkiste, den rechten auf den Fenstersims, umgreift mit den Händen einen Dachbalken. Mit einer Körperdrehung schwingt sie den eben noch auf der Kiste Halt suchenden Fuß zur Empore hinauf, zieht sich mit einem kräftigen Ruck nach oben, kommt auf die Bettkante zu sitzen. „Ich mache Yoga“, sagt sie und lacht.
Und wenn sie eines Tages stürzen sollte? Dann ist sie zumindest nicht allein. Die lebensfrohe Frau mit dem rotbraunen Haar und der blauen Brille hat ihr Minihaus nicht als Solitär in einem Karlsruher Garten aufgestellt, sondern in Baden-Württembergs einziger Tiny-House-Siedlung. In der Nachbarschaft leben sieben weitere Eigentümer ähnlich kleiner Häuser. Und wie bei Pionieren nicht anders zu erwarten, verstehen sie sich als Schicksalsgemeinschaft, sind füreinander da.
Wenn Kathi Brzukalla Hilfe braucht, eilt Stefan Fritz (40) herbei, der IT-Spezialist. Oder es kommt Michele Paldino (54), der Autofenster-Reparateur und Studiomusiker, oder die Logopädin Katharina Bachmann (34).
„Wir halten zusammen“, sagt Stefan Fritz. In Jeans hockt er auf einer Gartenbank, blinzelt in die Frühlingssonne, schaut den Bienen zu, die sich vor seinem kleinen Haus in einem Insektenhotel tummeln. Er war der Erste hier. Im März 2019 hatte er sich auf dem kurz zuvor für Tiny Houses freigegebenen Teil des Campingplatzes niedergelassen, der südöstlich von Karlsruhe liegt. Sein mit Fichtenholz verkleidetes Domizil stammt von einem Brandenburger Hersteller. 37 000 Euro hat es gekostet. Für den Stellplatz zahlt Fritz monatlich 210 Euro Pacht. „Bald sind wir zu zwölft, vier weitere Stellplätze sind bereits ausgewiesen“, erzählt er. Sein verschmitztes Lächeln verrät: Er freut sich auf die Neuen.
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Alle zwölf sind Mitglieder des Vereins Tiny Houses für Karlsruhe. Mehr noch verbindet sie freilich, was Fritz „ein bestimmtes Mindset“ nennt. Gemeint ist eine Minimalismus und Ökologie verpflichtete Grundhaltung, die sich durch kritische Distanz zur Konsumgesellschaft auszeichnet, durch die Bereitschaft, sich auf wirklich Wichtiges zu beschränken, und das Bestreben, im Einklang mit der Natur zu leben. „Die Einzelheiten sind jedem überlassen“, sagt Fritz. Was immer der Umwelt diene, sei willkommen, vom Solarpanel auf dem Dach bis zum Kompostklo im Bad.
Sich auf nicht einmal 20 Quadratmetern neu zu erfinden heißt freilich, Altes, womöglich Liebgewonnenes über Bord zu werfen. Vermisst Fritz nicht, was er aufgegeben hat? Sehnt er sich nicht manchmal nach mehr Platz, zumal wenn es draußen nass und kalt ist, die Homeoffice-Arbeit den Lebensradius des in Karlsruhe beschäftigten IT-Systemtüftlers auf ein paar Meter reduziert? Fritz schüttelt den Kopf. Gewiss, auch er hat aussortiert, verschenkt, verkauft, weggeschmissen. „Aber nichts davon fehlt mir wirklich“, sagt er. „Was ich gewonnen habe, wiegt zehnmal auf, was ich zurückgelassen habe. Ganze Berge von Ballast habe ich abgeworfen. Mein Alltag ist überschaubarer, klarer geworden, ich fühl mich freier denn je.“
Dass es im ganzen Land nur eine einzige Tiny-House-Siedlung gibt, fällt schwer zu glauben. Auf dem letzten Karlsruher Tiny-House-Festival vor Ausbruch der Pandemie drängten sich 5000 Besucherinnen und Besucher. „Das Interesse ist riesig“, sagt Fritz. „Aber es fehlt an Stellplätzen.“ Das Baugenehmigungsverfahren sei auf Tiny-Häuser nicht zugeschnitten. Ein transportables Minihaus passe nicht ins Raster, werde oft nicht zugelassen. Nachteilig wirke sich auch die Sorge vieler Gemeinden aus, kleine Wohneinheiten könnten wie Pilze aus dem Boden schießen, Baulücken überwuchern und zu einer nicht mehr kontrollierbaren Zersiedelung führen.
Fritz lobt die Großzügigkeit der kommunalen Verwaltung, die den Campingplatzbesitzern gestattet, Minihaus-Stellflächen auszuweisen. Was nicht heißt, dass Tiny-House-Fans auf dem Terrain freie Hand hätten. So darf ihr Domizil nicht größer sein als ein im Straßenverkehr zugelassener Anhänger. Zudem muss es auf Rädern ruhen.
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Bei allem Gemeinsinn: Braucht es auch Eigensinn, damit Tiny-House-Leben gelingt? Michele Paldino setzt sich auf die Stufe vor seiner Haustür, denkt nach und nickt schließlich: „Eigenbrötler sind wir schon auch.“ Jeder interpretiere die Tiny-House-Philosophie auf seine ganz persönliche Art und Weise.
Für den Autoglaser und Studiomusiker macht den Reiz des Tiny-House-Lebens vor allem aus, dass er das Haus theoretisch auch ganz woanders aufstellen könnte. Ein neben der Türglocke angebrachtes Schild stellt klar, was für den Hausbesitzer zählt: Große Freiheit. „Stromstecker rausziehen, Wasserleitung lösen, Stützbalken demontieren – und schon bin ich weg, an der Ostsee zum Beispiel“, sagt Paldino.
Um Naturnähe geht es ihm weniger. Kürzlich erst hat er sogar in der Siedlung den Stellplatz gewechselt: Das laute Rauschen des Baches hatte ihn gestört. Seine Ohren gehören der Musik. Ein Keyboard, Gitarren, Kopfhörer, Verstärker, Lautsprecher dominieren seinen knappen Wohnraum.
Kathi Brzukalla hat hingegen einen grünen Daumen. Auf der Wiese vor ihrem Haus keimen Kräuter in Eierkartons: Koriander, Thymian, Kerbel. Am Dachvorsprung trocknen Brennnesseln. Die Hausbesitzerin freut sich nicht nur am Wachsen und Gedeihen der Pflanzen, sondern auch daran, was sich mit ihnen zubereiten lässt. „Wie wär’s mit einem Aperitif?“, fragt sie und kreiert einen köstlichen Drink aus Löwenzahn, Scharbockskraut, Ehrenpreisblüten, Giersch, Mandelmus, Aprikosen und Wasser aus einer nahen Quelle.
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Anders als Paldino legt die Krankenpflegerin auf Mobilität keinen Wert. Sie will an diesem Ort bleiben. Für sie schließt sich hier der Kreis. Als kleines Mädchen hatte sie im Wald Hütten gebaut. Wunderbare Zufluchtsorte seien das gewesen, wenn es mit den Eltern Streit gegeben hatte oder mit den acht Geschwistern. Nun lebt sie wieder allein in einer Hütte. Ein paar Schritt nur und sie ist im Wald. Gewiss, auch Brzukallas Minihaus genügt den Vorschriften, steht auf Rädern. Eine im Erdreich versenkte Freitreppe und ein in der Hauswand verankertes überdachtes Portal aber machen deutlich, dass diese Räder niemals rollen sollen.
Anders als ihre Nachbarn vermisst Brzukalla auch manchmal, was sie früher hatte, „einen großen Kochtopf zum Beispiel oder einfach mehr Platz“. Die Decke falle ihr trotzdem nicht auf den Kopf, sagt sie, schon weil sie viel unterwegs sei. Einen Teilzeitjob hat sie angenommen, der sie regelmäßig in den Odenwald führt. Um einen Querschnittsgelähmten kümmert sie sich dort. In Zwölf-Stunden-Schichten versorgt sie ihn.
Stefan Fritz hat die Gartenbank verlassen, öffnet die Tür zum Minihaus. Ein Designersessel von Carl Hansen lädt zum Sitzen ein. Flugzeugboxen von Air Berlin dienen als Küchenschränke. „Nichts von der Stange, alles ganz nach meinem Geschmack.“ Die Begrenztheit des Platzes hat den Hausbesitzer erfinderisch gemacht. Das Brett an der Wand verwandelt sich bei Bedarf in einen Klappstuhl, die Stufe zum Bad ist zugleich Rückwand einer herausziehbaren Bettlade. Der Tisch mutiert bei Bedarf zum Regal, das Tablett zum Hocker. Und das ist noch längst nicht alles. „Ich bin hier nie fertig, es gibt immer etwas zu optimieren“, sagt Fritz. Zum wirklich Wichtigen zählt für ihn auch ein großzügig bemessenes Freiluftbett. Ein paar Schritte vor der Haustür steht es.
Und wie sieht es bei der Logopädin Katherina Bachmann aus? Bei ihr geht es schlichter zu. Mit Flipflops an den Füßen steigt sie die Stufen zu ihrem Minihaus hinauf. Ikea-Kartons ersetzen den Kleiderschrank. Dazu ein kleiner, beim Sperrmüll aufgelesener Tisch und eine Ausziehcouch – mehr Wohn- und Gästezimmer ist nicht.
Bei einer Mongolei-Reise habe sie die beglückende Erfahrung gemacht, dass sich mit wenig gut leben lässt, erzählt Bachmann. Was daheim unverzichtbar schien, hat ihr in den Jurten der Nomaden nicht gefehlt. Seit dem Herbst wohnt sie in dem Tiny House. Beim Zähneputzen guckt sie nun auf den Schwarzwald. Ihr Freund findet das Minihaus wunderbar. Und wenn sie mal Kinder haben sollten? „Kein Problem“, sagt sie. „Dann stellen wir ein zweites Tiny House auf.“