„Die elfte Stunde“ Salman Rushdie bringt schwere Themen zum Schweben

Salman Rushdie bringt die Freiheit der Kunst gegen das trügerische Realitätsprinzip in Stellung. Foto: Rachel Eliza Griffiths

Die fünf Meistererzählungen des Bandes „Die elfte Stunde“ zeigen Salman Rushdie auf der Höhe seiner Kunst und führen in ein Zwischenreich vor der Mitternacht des Vergessens.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Wie es ist, schon so gut wie tot gewesen zu sein, und wieder ins Leben aufzuwachen, hat Salman Rushdie in seinem letzten Buch beschrieben, dem Memoir „Knife“, worin er die Folgen des an ihm 2022 verübten Mordversuchs verarbeitet. Nun geht es in die andere Richtung. Die mittlere der fünf Erzählungen, die der Band „Die elfte Stunde“ versammelt, beginnt mit folgendem schönen Satz: „Als Ehrenfellow S.M. Arthur in seinem dunklen College-Schlafzimmer aufwachte, war er tot.“ Es dauert eine Weile, bis er diese paradoxe Erfahrung einordnen kann, und sich an seine Existenzform als Gespenst gewöhnt hat.

 

Aber gut, das hat auch Vorteile, er fühlte sich überraschend leichtfüßig, als hätte er ein paar Pfunde verloren. Und vielleicht trifft diese Empfindung ziemlich gut die Weise, in der diese Erzählungen sich so gewichtiger Themen wie Alter, Tod, dem Abhandengekommensein der Welt annehmen. Unbeschwert, ja schwebend setzt sich Rushdie über die Grenzen zwischen dieser und jener Welt hinweg, über Darstellungskonventionen und Anstandsregeln, die es etwa verbieten würden, einem alten Mann zwischen die Beine zu schielen, um zu bemerken, dass er unter seinen weiten Khakishorts keine Unterhose trägt.

Wenn der Ort der Träume zum Albtraum wird

Solche Beobachtungen balancieren die vertrackte Konstruktion der nächsten, „Oklahoma“ betitelten Geschichte aus. Angeblich der letzte Text eines verstorbenen indischen Schriftstellers, geht es darin um einen vom Verschwinden besessenen Onkel des Ich-Erzählers, der sich an die Fersen des Verschollenen aus Kafkas Amerika-Fragment heftet, um die Sache zu Ende zu bringen. Irgendwann findet man seine Kleider am Strand, Khakihose, ein überraschend pinkfarbenes Polohemd, Lieblingssandalen – keine Unterhose. Doch die Geschichte hüllt den Verschwundenen in eine Fülle weiterer Geschichten.

In einer davon verzweifelt der greise Maler Francisco de Goya angesichts der Blödheit und Grausamkeit der Menschen. Und die Verhältnisse, die er unter dem despotischen spanischen König Fernando VII. beschreibt, erinnern zum Verwechseln an gegenwärtige Entwicklungen in dem Land, von dem der Onkel einmal sagt, aus dem Ort seiner Träume sei der Albtraum geworden, aus dem er aufzuwachen versuche: ein Herrscher, der sich über das Gesetz stellt, Bandenchefs an der Spitze der Polizei und ein machtvoller Chor von Wirklichkeitsverbiegern, der jegliches Verständnis verloren hat, für das, was real ist und was nicht.

Man kann nur staunen, mit welcher souveränen Gelassenheit sich die zwischen Indien und den USA, Fiktion und Existenz, Tod und Leben vermittelnde Erzählinstanz über alle irdischen Gesetze einer konsistenten Handlungsführung hinwegsetzt, um ein freies Spiel der Motive, Themen und Obsessionen zu entfalten. „Es gab keinen Zusammenhang“, heißt es einmal: „Nichts führte zu etwas anderem. Es gab nur brüchige Momente des Halbverstehens. Nichts konnte gewusst werden. Wir waren alle unvollständig, unbeendet. So war das Leben, bis es vom Tod beendet wurde.“ Und so sind diese Geschichten, die auf ihre Vollendung durch die Lesenden warten.

Ist das die Abgeklärtheit eines Revenants aus dem Totenreich oder schlicht der Spätstil eines reifen Schriftstellers, der es sich leisten kann, die Freiheit der Kunst gegen das trügerische Realitätsprinzip in Stellung zu bringen? So wie es die Musikerin von Kahani in der gleichnamigen Geschichte tut. Sie ist ein Mitternachtskind, dem eine erstaunliche musikalische Begabung in die Wiege gelegt wurde. Ihr Vater gerät in die Fänge eines indischen Sektenführers, sie selbst in die eines Traumprinzen aus einer der superreichen Dynastien des Landes. Doch ihre Musik vermag nicht nur die Anliegen der großen Komponisten in die Herzen der Zuschauer zu spielen, sondern auch ihre eigenen. Mit grimmigem Humor fabuliert der Erzähler aus, wie es wäre, dem bösen Lauf der Dinge durch die Kunst eine andere Wendung geben zu können.

Und damit zurück zu jenem Gespenst. Auch der Ehrenfellow S.M. Arthur, der nach einem vielgerühmten Roman verstummt ist, hat noch ein an ihm verübtes Unrecht zu rächen. Seiner Geschichte liegt die des genialen Mathematikers Alan Turing zugrunde, dem es gelang, im Krieg gegen Nazideutschland den Enigma-Code zu knacken, dessen Leben aber an einer ihm wegen seiner Homosexualität auferlegten Hormonbehandlung zerbrochen ist.

Flankiert sind diese drei detailreich ausgeführten Erzählungen von zwei kürzeren allegorischen Seitenstücken: als Entree die antagonistische Symbiose zweier alter Männer, die ein Schicksalsschlag auseinanderreißt; als Kehraus die Leiden der Sprache auf dem Gemeinplatz des alltäglichen Geredes.

Die elfte Stunde ist ein Zwischenreich kurz vor der Mitternacht des Vergessens. In ihm mischen sich Tagesreste mit Ausgeburten der Nacht, Biographisches mit Märchenhaftem, Politisches mit Phantastischem so zwanglos, dass man sich fragen könnte, ob sich diese fünf Erzählungen nicht in Wirklichkeit zu einem weiteren Roman dieses großen Autors fügen: dem zerklüfteten Roman eines Lebens, das sich mit Erzählen gegen die andauernde Todesdrohung dunkler Mächte in welcher Gestalt auch immer behauptet.

Foto: Verlag

Salman Rushdie: Die elfte Stunde. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Penguin Verlag. 288 Seiten, 26 Euro.

Info

Autor
Ahmed Salman Rushdie wurde am 19. Juni 1947 in Bombay geboren, wo er in einer muslimischen Familie aufwuchs. Sein Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, schickte ihn mit 14 Jahren nach England. An der Universität Cambridge studierte er Geschichte, anschließend arbeitete er als Werbetexter und Journalist.

Werk
Mit „Grimus“ veröffentlichte Salman Rushdie 1975 sein erstes Werk. 1988 erschien sein Buch „Die satanischen Verse“, das der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zum Anlass nahm, Rushdie mittels einer Fatwa zum Tod zu verurteilen. Er lebte lange unter einem Decknamen im Verborgenen. Nach seiner Übersiedlung in die USA trat er in den letzten Jahren wieder häufiger auf. Bis er im August 2022 bei einem Literaturfestival in Chautauqua von einem islamistischen Attentäter niedergestochen wurde. Rushdie überlebte schwerverletzt. Davon handelt das Memoir „Knife“. Im Oktober 2023 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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