Trickfilmfestival Die Elite der digitalen Illusionisten trifft sich in Stuttgart

Von Bernd Haasis 

Wie entstand der Amphibienmann in „Shape of Water“? Wie wurde „Shaun das Schaf“ zur Weltmarke? Und wie kam „Jim Knopf“ auf die Leinwand? Parallel zum Trickfilm-Festival bringt der Kongress FMX die großen Bildmagier der Welt nach Stuttgart und schaut dabei auch auf die Region.

Aliens  – oder doch etwas ganz Irdisches? Bruno, der Biber, erlebt   so einiges in den  Trailern, die Ludwigsburger Animations-Studenten für die FMX angefertigt haben  . Foto: FMX
Aliens – oder doch etwas ganz Irdisches? Bruno, der Biber, erlebt so einiges in den Trailern, die Ludwigsburger Animations-Studenten für die FMX angefertigt haben . Foto: FMX

Stuttgart - Die Illusion funktioniert: Mit VR-Brille und Kopfhörer wähnt man sich an Bord eines Space Shuttles, sieht als Weltraumtourist die blaue Erde, eine Raumstation und den Piloten neben sich – den unvermittelt eine Fehlfunktion außer Gefecht setzt. Plötzlich ist man gefordert, hört Anweisungen aus Houston, sucht Knöpfe und Steuerhebel, um ein Andockmanöver durchzuführen, einen Crash zu vermeiden. „Asperity“ („Unebenheit“) heißt das Erlebnis in der virtuellen Realitäten (VR), das Studenten des Animationsinstituts der Ludwigsburger Filmakademie entwickelt haben.

Es vermittelt eine Ahnung davon, wie die im All gestrandete Astronautin sich gefühlt ­haben muss, die Sandra Bullock im Kinofilm „Gravity“ (2013) spielte. Beim Kongress FMX in Stuttgart war 2014 zu sehen, wie Bullock vor grünem Hintergrund in einem beliebig drehbaren Gestell steckte, die gesamte Kulisse wurde digital hinzugefügt. Eigenes virtuelles Erleben war damals noch ganz am Anfang, heute sind dutzende Werke wie „Asperity“ zu bestaunen bei der FMX im Haus der Wirtschaft und beim parallel laufenden Trickfilm-Festival am Schlossplatz.

Die Realität komplett auszublenden, ist problematisch

Im Planetarium zeigt die FMX eine VR-Erfahrung für 270 Zuschauer zum Pixar-Film „Coco“, im Caligari-Kino in Ludwigsburg das Studentenprojekt „Conscious Existence“, eine spektakuläre Neuentwicklung: Bisher konnten nur kleine Gruppen in virtuellen Räumen interagieren, hier werden es über 100 sein. „Wir zeigen, dass VR kein isoliertes Erlebnis sein muss“, sagt Andreas Hykade, der die FMX und das Animationsinstitut leitet. Besonders realitätsnah wirkt im Caligari, dass man keine Kopfhörer braucht, weil das Kino über die Raumklangtechnologie Dolby Atmos verfügt.

„Für ­immersives Erleben ist eine Verbindung zur Außenwelt essenziell“, sagt Hykade. „Die Realität komplett auszublenden und quasi ausgeliefert zu sein, ist ein problematischer Zustand. Es muss dafür einen Rahmen ­geben, eine Verantwortlichkeit – das ist eine ethische Frage, von der Steven Spielbergs aktueller Spielfilm ,Ready Player One‘ handelt.“ Die Lösung könnte Augmented Reality (AR) sein, die Anreicherung der Realität durch virtuelle Elemente. Google, Apple, Microsoft zeigen ihre jüngsten Entwicklungen dazu, eine Ludwigsburger Absolventin präsentiert das erste AR-Musikvideo „Tunnel“, das sie für die Fantastischen Vier realisiert hat.

Zu „Jim Knopf“ gibt es den ganz großen Aufschlag

Die FMX durchdringt alle Bereiche digitaler Bildgestaltung, hierzu zählen auch visuelle Effekte (VFX). Der Oscar-Preisträger Gerd Nefzer aus Schwäbisch Hall erklärt, wie er das schlechte Wetter in „Blade Runner 2049“ gemacht hat. Zu „Jim Knopf“ gibt es den großen Aufschlag: Der Regisseur Dennis Gansel, der VFX-Supervisor Frank Schlegel sowie Vertreter von vier der beteiligten VFX-Firmen – darunter Mackevision aus Stuttgart – zeigen, wie Michael Endes fantastisches Abenteuer zu Kinobildern geworden ist. Robert Pinnow erläutert, wie die Weimarer Republik in der Serie „Babylon Berlin“ zum Leben erwacht, der Amerikaner Trey Harrell, wie für den Oscar-Gewinner „Shape of Water“ aus einem kostümierten Schauspieler und Animation ein fotorealistischer Amphibienmann wurde. Die Reihe „Then and Now“ widmet sich VFX-Legenden, Phil Tippett („Star Wars“) lässt Revue passieren, wie sich die Welt der Effekte binnen 40 Jahre entwickelt hat.

Neuen Ausstellungsformaten widmet sich die Reihe „New Spaces“. „Wir zeigen ein virtuelles Aquarium in New York, das ein spektakuläres immersives Erlebnis bietet“, sagt Mario Müller, FMX-PRogramm-Manager. „Außerdem ist die St. Petersburger Eremitage zu Gast, das größte Museum der Welt, das man bald komplett virtuell begehen kann, absolut fotorealistisch.“

Geistiges Eigentum steht im Fokus

Die Handschrift Hykades, der die FMX vor drei Jahren übernahm, wird diesmal deutlicher denn je. Hinter dem diesjährigen Motto „Creating Worlds“ verbirgt sich das Anliegen, Künstlern mit eigenen Schöpfungen ein Auskommen zu ermöglichen. „IP“ lautet das Zauberwort, „Intellectual Property“, „geistiges Eigentum“. „Eine IP zu entwickeln soll zur realistischen Alternative werden zu einem Job bei einer Firma“, sagt Hykade, „das geht aber nur, wenn die Künstler die Rechte an ihren Stoffen behalten, und das ist derzeit leider die Ausnahme. 90 Prozent der Verhandlungen des Animationsinstituts mit potenziellen Partnern scheitern aus diesem Grund.“

Das künstlerische Potenzial sei da in der Region: Angela Steffen („Meine Schmusedecke“ ) und Julia Ocker („Animaninmals“), beide Absolventinnen des Animationsinstituts, haben ­jeweils erfolgreich Kleinkindserien in alle Welt verkauft. „Man braucht dazu einen etwas längeren Atem“, sagt Hykade, dessen eigene Kinderserie „Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig“ erst nach zehn Jahren zum Erfolg wurde.

Er selbst stammt noch aus der Generation, die gar keine andere Wahl hatte, als eigene Stoffe zu entwickeln. „Dann hat die FMX die Tür zur Welt geöffnet“, sagt er. „Das ist wunderbar für Stuttgart und unsere Absolventen, aber auch problematisch, weil permanent Talente abwandern. IP ist der Knochen, den wir jetzt hinwerfen als notwendige, kraftvolle Alternative. Roland Emmerich und Volker Engel müssten heute nicht mehr unbedingt nach Hollywood, sie könnten hier konzentrierter arbeiten als dort, wo alles ­sofort zu barer Münze werden muss.“

Die FMX gilt als geschützter Raum

Für die FMX ist so ein starker regionaler Ansatz untypisch. „Das war uns bewusst“, sagt Müller, „deshalb das Motto ,Creating Worlds‘, unter das die ganze internationale Community passt.“ Auch die VFX-Branche, „die zu über 95 Prozent dienstleistungsgetrieben ist“, wie Hykade anmerkt. Er kann sich gut vorstellen, dass globale Player aus Stuttgart in Zukunft eigene Stoffe entwickeln und mit Rückendeckung der Politik vor Ort große Projekte realisieren. Anschauungsunterricht dazu bietet der Däne Esben Toft Jacobson, der als Animationsfilmer angefangen und nun für den Streamingdienst Netflix die Science Fiction-Serie „Rain“ produziert hat (Start: 4. Mai). David Sproxton von der britischen Animationsfirma Aardman skizziert auf der FMX, wie „Shaun das Schaf“ zur Weltmarke wurde, der Amerikaner David Silverman, wie das bei den „Simpsons“ ging.

Es ist schon erstaunlich: Die größten Firmen, die gefragtesten Spezialisten geben sich im Haus der Wirtschaft die Klinke in die Hand. „Hollywood kommt hierher, weil die FMX ein geschützter, überschaubarer Raum ist, der intensive Begegnungen ermöglicht“, sagt Hykade. „Es gab schon Stimmen, die Veranstaltung auszuweiten – aber damit würden wir unser Kapital verspielen.“