Die Erfolgsgeschichte der Tuchfabrik Moessmer Südtiroler Edelstoff
Einst zog die Südtiroler Tuchfabrik Moessmer die österreichischen Monarchen an. Heute gehören Marken wie Prada und Gucci zum Kundenstamm.
Einst zog die Südtiroler Tuchfabrik Moessmer die österreichischen Monarchen an. Heute gehören Marken wie Prada und Gucci zum Kundenstamm.
Bruneck - Die Dolomiten sind nah, die schneebedeckten Alpen leuchten im Hintergrund. Am Rande des schmucken Städtchens Bruneck wird in der Tuchfabrik Moessmer eine besondere Geschichte der Textilproduktion geschrieben. Hinter dem eisernen Fabriktor mit dem auffällig geschwungenen Schriftzug atmet das Firmengelände noch den Charme einer Zeit, als Kaiser Franz Joseph Jagdanzüge aus grünem Loden von Moessmer trug. Der Stoff ist nicht nur strapazierfähig, sondern auch wasserabweisend, winddicht und gleichzeitig atmungsaktiv.
„Loden war das Gore-Tex des Mittelalters“, erklärt Josef Zingerle, der Leiter des Controllings, der seit 32 Jahren zum Team gehört. Einst schützten Lodenumhänge Hirten vor Kälte, heute tragen Bewohner der Alpenregion einen klassischen Lodenmantel noch zu besonderen Anlässen. Doch ein Stoff, der ewig hält, mit angestaubtem Image, nicht gerade hip und sexy, führt schnell in die roten Zahlen.
Lächelnd holt Zingerle aus dem Stoffarchiv Kreationen hervor, die das Unternehmen heute so erfolgreich machen: Hier lassen Luxuslabels wie Chanel, Gucci, Prada oder Dolce & Gabbana wegen der hochwertigen Verarbeitung edle Haute-Couture-Stoffe anfertigen. Die Tuchfabrik Moessmer wurde 1894 gegründet. Die heutige Aktiengesellschaft ist nicht nur der älteste Industriebetrieb Südtirols, sondern auch einer der wenigen Textilproduzenten, die trotz der Konkurrenz aus Asien erfolgreich sind.
In der hinteren Halle des Firmengeländes türmen sich Berge von Naturwolle aus der ganzen Welt: von feinster Merinowolle bis zur groben Wolle des Tiroler Schafs. Auch edle Tierhaare wir Kaschmir, Alpaka und Angora füllen das Lager. Als eines der wenigen Textilunternehmen weltweit produziert die Tuchfabrik Moessmer in vollstufiger Produktion, das heißt von der Wolle über Garne bis hin zu hochwertigen Stoffen. Rund 300 Tonnen Wolle werden jährlich verarbeitet. In etwa sechs Wochen wird aus dem Rohmaterial ein fertiger Stoff.
In großen Tanks gefärbt, zu einer Art Wollvlies und zu Fasersträngen verarbeitet, werden aus dem Rohmaterial auf Spindeln gewickelte Garne. Alles verläuft in hoher Geschwindigkeit an Maschinen, die ganze Hallen füllen. Gleich nebenan surren weitere Maschinen und schicken das Garn zu den nächsten Verarbeitungsschritten. Verstrickt und verzwirnt ist das Garn bereit für den Webstuhl. Designer der Weberei bestimmen die Webart und damit die Struktur des Stoffes. Jeder Stoff bekommt seine eigene Feinheit und Qualität. Beim Walken werden anschließend Haare aus dem Stoff gezogen, aufgestellt und verfilzt. Abschließend wird der Stoff mehrfach geprüft, um die höchste Qualitätsstufe zu garantieren. „Den Lodenstoff, der früher derb und wetterfest hergestellt wurde, produzieren wir heute ganz modisch und mit Kaschmir und Alpaka veredelt“, erklärt Zingerle die Spezialität des Hauses.
Doch die Krisen blieben in der 125-jährigen Firmengeschichte nicht aus. Nach der Zeit, in der Moessmer als Hoflieferant der k. u. k. Monarchie den Kaiser und sein Gefolge ausstattete und sich als Hersteller feinen Damenlodens einen Namen machte, kam der Einbruch mit den Weltkriegen. „Die Wolle und die Maschinen wurden abgezogen und für Ausstattung und Waffenproduktion verwendet“, berichtet Geschäftsführer Walter Niedermair. In den 50er und 60er Jahren ging es wieder aufwärts. Der Produktionsort wurde vergrößert und die Anzahl der Mitarbeiter von anfangs 40 auf 350 gesteigert. Italien entwickelte sich zum wichtigsten Absatzmarkt. Doch auch die wechselnden Trends in der Modebranche bestimmen den Erfolg. Sind moderne Lodenstoffe, Tweed oder gewalkte Strickstoffe, bei denen Moessmer führend ist, beliebt, geht es dem Unternehmen gut. „Ist Baumwolle gefragt, wird es für uns schwierig“, sagt der 59-Jährige. Ebenso ist das Kleidungsverhalten entscheidend. Bis in die 90er Jahre konzentrierte sich das Unternehmen auf Herrenbekleidung und Mantelstoffe. Nur wurden die immer weniger gekauft, Daunen bestimmten den Trend. „Hinzu kam, dass Modefirmen von Wolle zu günstigeren Materialien wechselten“, sagt der Geschäftsführer.
Mit der zunehmenden Nachfrage nach billigen Stoffen aus China ging es vor gut 15 Jahren erneut bergab. Es folgten zehn schwierige Jahre mit Kurzarbeit, Entlassungen und einer Reduzierung auf ein Drittel der bisherigen Produktion. „Das war der komplette Turnaround, eine Operation am offenen Herzen“, sagt Niedermair, der seit 2002 Jahren das Unternehmen wie sein eigenes leitet. Durch die hohe Qualität und das gute Design der Stoffe wurden auf Messen in München, Mailand, Paris und Schanghai immer mehr Vertreter der Haute Couture auf Moessmer aufmerksam – und schließlich zu Kunden. In der Produktion von Wollstoffen für Luxuslabel ist das Unternehmen aus Südtirol mittlerweile die Nummer eins und in allen renommierten Modehäusern der Welt vertreten: Prada, Armani, Dolce & Gabbana, Louis Vuitton, Chanel und auch Victoria Beckham wissen Moessmer zu schätzen.
Mit 65 Mitarbeitern setzt Moessmer auf individuellen Service und kann, da alles im Haus ist, schnell auf Kundenwünsche reagieren. Zudem wurden die Maschinen so eingestellt, dass die Stoffe nicht leicht zu kopieren sind. Die Energie für die Stoffherstellung kommt aus dem betriebseigenen Wasserkraftwerk und einer Fotovoltaikanlage. Über 30 Prozent von Moessmers Tuch bleiben in Italien, der Rest wird in weitere europäische Länder, nach Amerika und China exportiert.
Die Stoffe gibt es nicht nur zum Anziehen. Sie zieren auch Inneneinrichtungen von Hotels und reisen als Polsterbezug der Südtiroler Eisenbahn durchs Land. Ein weiteres Standbein seit 2006 ist die Marke Living Kitzbühel für trendige Schuhe aus Stoffen der Tuchfabrik. Da Kreativität das höchste Gut des Unternehmens ist, fördert Moessmer seit vielen Jahren Künstler und Schriftsteller und stellt ihnen Ateliers und Schreibwerkstätten zur Verfügung. Und als der berühmte Bergsteiger Reinhold Messner im Juli 2015 auf dem Brunecker Skiberg Kronplatz sein von der Stararchitektin Zaha Hadid entworfenes Messner Mountain Museum mit spektakulärem Blick auf die Dolomiten eröffnete, wurde es komplett mit nachtblauem Loden von Moessmer verhüllt.