In Kirchheim-Jesingen wurde die wohl erste Rampe aus bunten Bauklötzchen im Kreis Esslingen übergeben. Und es sind noch genügend Legosteine für weitere Rampen übrig.

Reporter: Elke Hauptmann (eh)

Es sind nur 17 Zentimeter Höhenunterschied – doch die sind eine unüberwindbare Hürde für Jürgen Baur. „Ich war noch nie in dieser Filiale“, erzählt der Mann, der seit einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und deshalb im Rollstuhl sitzt. „Ich kam ja nicht hinein.“ Jetzt ist die Stufe am Eingang zum Café Bäckerei Mayer im Kirchheimer Ortsteil Jesingen kein Problem mehr für ihn mit seinem Elektrogefährt. Denn jetzt ebnet ihm eine Rampe aus Legosteinen den Weg. Laut der Ortsvorsteherin Gabriele Armbruster ist es wohl die erste ihrer Art im Kreis Esslingen.

 

Ein Hingucker ist sie zweifellos. Sie soll auch Aufmerksamkeit erregen, betont Armbruster. Auf diese Weise würden die Alltagsprobleme von Menschen mit Handicap in den Blick rücken – und ins Bewusstsein. Vor allem aber ist dieses bunte Symbol für Barrierefreiheit eine wichtige Hilfe für Rollstuhlfahrende, Menschen mit Rollatoren und Eltern mit Kinderwagen.

„Das ist eine große Erleichterung“, bestätigt Baur nach den ersten „Testfahrten“ rauf und runter. „Die Oberfläche mit den Noppen ist griffig und auch bei Nässe nicht rutschig“, lautet sein Fazit. Auch der Neigungswinkel der Rampe würde passen. „Schön wäre es, wenn die Autofahrer nicht direkt davor parken“, wünscht er sich. Oder drüberfahren. Die Rampe, immerhin mehrere Kilo schwer, wird laut Verkaufsleiter Steven Schanz Tag und Nach vor dem Café in der Kirchheimer Straße liegen bleiben. „Und hoffentlich lange halten.“ Zwar sind die Kunststoffsteine robust und mit einem speziellen Kleber stabilisiert, doch gegen mutwillige Beschädigung dürfte das kaum helfen.

Das farbenfrohe Bauwerk soll laut Armbruster signalisieren: „Menschen mit Handicap sind hier willkommen“. Viele Einzelhändler und Geschäfte im Ort seien schon barrierefrei zugänglich, aber eben noch nicht alle. So reifte vor gut einem Jahr die Idee, in einer Gemeinschaftsaktion aus den beliebten Steckbausteinen eine Rampe für das Café zu basteln, berichtet die Ortsvorsteherin.

Bauanleitung von „Lego-Oma“

Die Anregung dazu stammt von der selbst ernannten „Lego-Oma“ Rita Ebel aus Hanau, die seit sechs Jahren Rollstuhl-Auffahrrampen aus Legosteinen baut und sie an Geschäfte im gesamten Bundesgebiet spendet. Weil die Nachfrage riesig ist, verschickt sie die Bauanleitungen inzwischen an Nachahmer in aller Welt – und eine ging auch nach Kirchheim unter Teck.

Farbenfrohes Bauwerk: Die Rampe besteht aus über 10 000 kleinen Legosteinen. Foto: Markus Brändli

Das Pilotprojekt startete dann im vergangenen September mit einem öffentlichen Aufruf, nicht mehr benötigte Lego- oder Duplosteine zu spenden. Zunächst, berichtet Armbruster, sei man skeptisch gewesen und habe deshalb vorsorglich ein paar der bunten Spielzeugbausteine im Handel gekauft. „Aber die Resonanz war überwältigend. Wir haben massenhaft gebrauchte Legosteine erhalten. Jetzt gibt es in Jesingen und Umgebung wohl kein Kinderzimmer mehr, in dem so etwas noch herumliegt“, sagt sie schmunzelnd.

Lego verbindet die Generationen

Die Klötzchen haben auf unterschiedliche Weise ihren Weg nach Jesingen gefunden. Die meisten Spenden wurden direkt im Rathaus oder in der Bäckerei Mayer abgegeben, einige Päckchen kamen per Post, viele Klemmsteinchen landeten auch in den Sammelboxen, die über das gesamte Kirchheimer Stadtgebiet verteilt aufgestellt waren. Nicht selten hat die Jesinger Ortsvorsteherin die prall gefüllten Tüten und Kartons persönlich bei Spendern abgeholt – „manchmal waren die sogar nach Farben und Größe sortiert“. Armbruster schwärmt von vielen netten Gesprächen über Kindheitserinnerungen. „Das hat uns wieder einmal gezeigt hat, wie wichtig Gemeinschaftsprojekte für das soziale Miteinander sind.“

Lego verbindet die Generationen: Beim Zusammenbau haben Kinder ebenso wie Erwachsene bei verschiedenen Mitmachaktionen geholfen. „Wir hatten die Rampe beim Straßenfest und beim Erntedankmarkt dabei, auch im Lindach-Café und in der Ferienbetreuung wurde in unzähligen Arbeitsstunden daran gebaut“, berichtet Kristine Eberle von der Stadtverwaltung, die das Bauprojekt zusammen mit der Inklusionsbeauftragten Karoline Brüstle koordiniert hat.

Bauteam für Legorampe gesucht

Wie viele Plastikteile auf der knapp einem Quadratmeter großen Rampe tatsächlich verbaut wurden, „das können wir nicht sagen“, räumt Eberle ein. „Aber es werden weit über zehntausend sein.“ Und es seien auch noch ziemlich viele Bausteine übrig. „So viele, dass daraus locker noch eine zweite Legorampe entstehen könnte.“ Konkrete Pläne gebe es jedoch noch nicht. „Wir bräuchten dafür ein Freiwilligenteam, das den Bau koordiniert“, fügt Brüstle hinzu. „Wenn jemand Interesse daran hat, begleiten wir das gerne.“

Eine Idee erobert die Welt

Lego-Oma
Die Geschichte der „Lego-Oma“ begann mit einem Autounfall, der Rita Ebel vor 30 Jahren in den Rollstuhl zwang. Aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus entwickelte sie gemeinsam mit ihrem Mann die Idee, Rampen aus Legosteinen zu bauen, um auf Barrierefreiheit aufmerksam zu machen und diese zu verbessern. Die erste Rampe wurde im Juni 2019 in ihrer Heimatstadt Hanau eingeweiht.

Rampenbau
Die Idee fand medial riesigen Anklang und so auch breite Unterstützung: Etwa zwei Tonnen Legosteine hat Rita Ebel seither gespendet bekommen. Daraus hat sie mit einem Dutzend Helfern inzwischen 140 unterschiedliche Legorampen gebaut, die nicht nur in Deutschland im Einsatz sind. Die Unikate liegen auch in Italien, Österreich, Frankreich und auf Fuerteventura.

Rekordversuch
Dieser Tage wollte Rita Ebel einen Legorampen-Weltrekord aufstellen: In Hongkong sollte mit Hilfe zahlreicher freiwilliger Helfer eine 30 Meter breite und zehn Zentimeter hohe Auffahrtsrampe entstehen. Die Arbeiten mussten jedoch wegen einer Taifunwarnung abgebrochen werden.