Die erste Liga startet Wohin rollt der deutsche Fußball?

Bayern (links Kingsley Coman) gegen Dortmund (hier mit Lukasz Piszczek): Ein Zweikampf um die Meisterschaft wird erwartet. Foto: AP/Meissner

Am Freitag wird die erste Liga angepfiffen. Es ist eine wegweisende Saison, nicht nur für die Clubs, auch für die DFB-Auswahl.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

München - Manchmal fliegen einem großspurige Ankündigungen auch im Fußballgeschäft um die Ohren – dort, wo mitunter so dicke Backen gemacht werden, als steckten darin Medizinbälle. Gerade dann, wenn sie dem Erfinder der deutschen Fußball-Unbescheidenheit genüsslich unter die Nase gerieben werden können. Am Ende der vergangenen Saison antwortete Bayern-Präsident Uli Hoeneß auf die Frage nach neuen Spielern: „Wenn Sie wüssten, was wir schon alles sicher haben für die neue Saison.“

 

Diese neue Saison beginnt nun an diesem Freitag mit der Partie der Bayern gegen Hertha BSC – allerdings noch ohne die vollmundig in Aussicht gestellten Münchner Hochkaräter. Spätestens nach der schweren Verletzung des deutschen Nationalspielers Leroy Sané, der von Manchester City weggelotst werden sollte, ist klar: Es ist nicht der Sommer des FC Bayern, nachdem auch der Trainer Niko Kovac selbst in der fußballlosen Zeit ein Münchner Dauerthema blieb. Nun steht weiterhin die Frage im Raum: ist man beim Rekordmeister von den Fähigkeiten des Trainers überzeugt oder eben nicht? Die Antwort darauf liefert die kommende Saison, die in vielerlei Hinsicht eine wegweisende sein wird, ganz besonders auch für Borussia Dortmund.

Die Dortmunder Transfers sind schon ein Statement

Nachdem sich der Ballsportverein Borussia zuletzt damit arrangiert zu haben schien, den Bayern auf lange Sicht den Vortritt zu überlassen, sind plötzlich überraschend selbstbewusste Töne aus Dortmund zu hören, die da fast schon unisono lauten: „Wir wollen Meister werden.“ Nur einer möchte sich bei dieser Kampfansage am liebsten die Ohren zuhalten: Dortmunds wortkarg tiefstapelnder Trainer Lucien Favre. Da mag die Zeit noch so günstig für eine Wachablösung im deutschen Fußball sein, Favre bleibt bei seiner zurückhaltenden Linie. Im Grunde ist die Dortmunder Transferpolitik vor dieser Saison ja schon Statement genug. Mit Nico Schulz, Julian Brandt und Thorgan Hazard sind Spieler verpflichtet worden, die auch die Bayern gut hätten gebrauchen können. Und dann kam ja ausgerechnet aus München auch noch Abwehrchef Mats Hummels. Geht da in der Bundesliga etwas in die andere Richtung?Im internationalen Vergleich ist es zwingend notwendig, dass sich die Bundesliga positioniert. In diesem Zusammenhang muss zunächst zur Kenntnis genommen und akzeptiert werden, dass sich die großen internationalen Stars auch nicht vom FC Bayern problemlos anlocken lassen, sind die Verdienstmöglichkeiten sowie der sportliche Wert der Ligen in Spanien und England doch höher einzuschätzen.

Die Bundesliga wiederum entwickelt sich immer mehr zu einem Ausbildungsbetrieb für Europas Toptalente, die sich hier ihre Wettkampfpraxis für die großen Ligen holen. Deutschland als Schaufenster der Stars von morgen – das hat durchaus seinen Reiz und ließe sich auch entsprechend vermarkten. Stattdessen wird aber so getan, als würde die Bundesliga noch immer am ganz großen Rad drehen. Das geht aber aus finanziellen Gründen schon gar nicht, verhindert doch die deutsche 50+1-Regel, dass sich Großinvestoren die Mehrheit an einem Club sichern und damit die Vereinspolitik nach Belieben bestimmen.

Und trotzdem ist und bleibt die Bundesliga eine Riesensache, was zu weiten Teilen am treuen und begeisterungsfähigen Publikum liegt. Nirgendwo sonst auf der Welt geht es in den Fußballstadien so stimmungsvoll und gleichzeitig so friedlich zu. Die Bundesliga ist weltweiter Fußball-Spitzenreiter, was die Besucherzahlen in den Stadien angeht. Sie lebt wie keine andere Liga von ihrem Publikum. Das scheint sich ganz langsam bis zu den Clubs und dem Dachverband Deutsche Fußball-Liga herumgesprochen zu haben. Die bei den Anhängern so verhassten Montagsspiele werden abgeschafft – allerdings erst in der Saison 2021/2022.

Die Vereine werden an die eigenen Richtlinien erinnert

Es gibt Anhänger, die konsequentere Reaktionen auf ihre Forderungen sehen wollen – so wie beim FC Schalke, wo der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies mit rassistischen Äußerungen aus der Rolle gefallen ist. Tönnies hatte in einer Rede vor Handwerksvertretern Steuererhöhungen mit Blick auf den Klimawandel abgelehnt. Stattdessen sollten besser Kraftwerke in Afrika finanziert werden. „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn es dunkel ist, Kinder zu produzieren“, sagte Tönnies. Der lässt nun sein Schalker Amt drei Monate ruhen, was vielen Fans nicht adäquat erscheint. Sie fordern den Abgang des Fleischfabrikanten, diesen Schritt legt das in der Vereinssatzung verankerte Diskriminierungsverbot fast schon nahe.

Diese Saison muss also auch zeigen, wie ernst es der Bundesliga mit seinen eigenen Richtlinien ist. Auf Schalke sind schon Mitglieder aufgrund der laxen Handhabung des Falls Tönnies aus dem Verein ausgetreten, zum Beispiel Schauspieler Peter Lohmeyer, einer der prominentesten Schalke-Fans. „Mein Verein war immer Vorreiter im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, darauf war ich sehr stolz. Jetzt wird das durch den Metzger infrage gestellt. Das macht mich traurig – und sauer“, sagte der „Das Wunder von Bern“-Hauptdarsteller gegenüber dem Magazin „11 Freunde“.

Sauer und vielleicht auch ein bisschen traurig hat viele deutsche Fußballfans im vergangenen Jahr auch die Nationalmannschaft gemacht. In der kommenden Saison wird sich auch zeigen, ob das neue Team unter dem alten Trainer Joachim Löw die Trendwende schafft – nach der so enttäuschend verlaufenen WM im letzten Jahr. Zunächst gilt es, sich souverän für die EM im kommenden Jahr zu qualifizieren. Beim Endturnier 2020 in verschiedenen europäischen Städten wird sich herausstellen, wohin der deutsche Fußball rollt.

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