Die Erzwespe unter der Lupe Winzige Helfer im Ökosystem

Wespen erforscht  Insektenkundler Lars Krogmann im Museum am Löwentor. Die kleinsten Tiere sind mit bloßem Auge kaum zu unterscheiden. Foto: Michael Steinert
Wespen erforscht Insektenkundler Lars Krogmann im Museum am Löwentor. Die kleinsten Tiere sind mit bloßem Auge kaum zu unterscheiden. Foto: Michael Steinert

Die kleinsten Exemplare der Erzwespen sehen wie Mohnkrümel aus. Forscher arbeiten daran, dass die genaue Bestimmung der Tiere erleichtert wird, die im Pflanzenschutz wertvolle Dienste leisten.

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Stuttgart - Sie können Ernten retten und Plagegeistern den Garaus machen. Parasitische Erzwespen halten störende Kornkäfer und Maiszünsler in Schach. Doch um sie zur Rettung der Ernte einsetzen zu können, muss man die Art genau kennen und erkennen. „Und das ist nicht ohne“, sagt Lars Krogmann, Insektenkundler am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart. „Erzwespen sind artenreich, winzig und extrem schwer zu bestimmen.“ Deshalb trägt er jetzt mit Kollegen, etwa von der Uni Hohenheim, ihre Gensequenzen zusammen.

Zu Hunderten kleben die Insekten auf den Belegzettelchen in der Sammlung des Museums. Die größten sind etwa vier Zentimeter groß, die kleinsten nur rund 0,2 Millimeter – kleiner als ein Sandkorn. Wer hier durchblicken will, braucht gute Augen und hochwertige Mikroskope. Ein Katalog mit 900 Seiten hilft Krogmann bei der Bestimmung. Doch das Buch hat schon rund 50 Jahre auf dem Rücken und ist damit ziemlich veraltet. Jetzt soll der „Barcode of Life“ helfen, eine Bibliothek aus Gensequenzen.

Tragik fürs Tier, Glück fürs Korn

Einige der winzigen Wespen nehmen von ihren Wirtstieren auf drastische Weise Besitz. Mit ihren Legestacheln injizieren sie ihre Eier, und der Nachwuchs macht sich dann im Schädling breit und bringt ihm schließlich den Tod. Tragik für das Tier, Glück fürs Korn. Im Vorrats- und Pflanzenschutz leisten die kleinen Tierchen wertvolle Arbeit.

Nun klebt die Gensequenz nicht gerade auf ihren Rücken. Möchte man sie gewinnen, aber das dazugehörige Insekt nicht zerstören, so braucht es etliche Arbeitsschritte. Zunächst einmal müssen die Tierchen in feinmaschigen Fallen gesammelt werden. Die nächsten stehen in der Wilhelma. Immer wieder ziehen Krogmann und seine Kollegen los, um im Grünen zu ernten. „Das mache ich gern“, sagt der 38-Jährige. Mit einer Art Ministaubsauger werden die Insekten eingesammelt.

Rund 100 000 Tierchen gesammelt

Den Wust von schwarzen Pünktchen, den die Forscher zusammentragen, sortieren sie erst einmal vor – mit einem Sieb und einer Rüttelmaschine. Unter dem Mikroskop wird dann Feinarbeit geleistet und sortiert. Rund 100 000 Tiere wurden bis jetzt gesammelt, ein Viertel von ihnen grob geordnet, schätzt Krogmann.

Sind die Wespen nach Arten vorsortiert, muss erst die Muskulatur der mikroskopisch kleinen Insekten mit Proteinase K aufgelöst werden, um die DNA freizusetzen. Das geschieht in einem aufwendigen chemischen Verfahren und mit Hilfe eines Roboters. Der DNA-Code, der aus 650 Basenpaaren besteht, muss dann noch vervielfältigt und sequenziert werden. Die restliche DNA wird in der modernen Gewebebank des Museums bei Minus 80 Grad eingefroren.

Es gibt auch tauchende Erzwespen

Auch die Hülle der Tiere wird konserviert und in Belegsammlung des Museums verwahrt. Dies geschieht unter anderem mit flüssigem Kohlendioxid, das unter bestimmten Bedingungen in Millisekunden trocknet. Ist das Tier präpariert, wird es auf ein Papierzettelchen geklebt und erhält Etiketten mit allen wissenschaftlich relevanten Informationen. Diese Informationen machen naturkundliche Sammlungen zu wichtigen Datenbanken für die Forschung und für den Naturschutz.

Erzwespen sind zahlreich. Es gibt weltweit 19 Familien mit rund 22 000 bekannten Arten. Eine der größten Familien, die Pteromalidae, kommt allein in Deutschland mit über 800 Arten vor. Zu tun gibt es für Krogmann also reichlich. Sein Ziel ist, möglichst viele Arten für das German Barcode of Life Projekt (GBOL) zu erfassen. Bis April 2015 sollen die Gensequenzen von 4000 Erzwespen registriert sein. Rund 3500 haben er und seine Kollegen seit dem Projektstart 2012 schon zusammengetragen.

Wofür diese Grundlagenforschung gut ist, wird sich vermutlich erst im Lauf der Zeit herausstellen. Erst vor kurzem machte eine parasitische Wespenart von sich reden, weil sie der natürliche Feind der giftigen australischen Rotrückenspinne ist. Andere Erzwespen tauchen, um unter Wasser die Eier von Gelbrandkäfern oder Libellen zu befallen. Es gibt kaum eine Insektenart, die nicht mehrere Erzwespenarten als Gegenspieler hat. „Über 7000 parasitische Wespenarten gibt es allein in Deutschland“, schwärmt der Forscher Krogmann. Als Feinde anderer Insekten trügen sie erheblich mehr als Vögel oder Spitzmäuse dazu bei, dass lästige und schädliche Plagegeister nicht überhand nähmen.




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