Die Evolution macht's möglich Heiterkeit ist Millionen Jahre alt

Von Kerstin Viering 

Schmunzeln, Kichern, Prusten - lange hatten Wissenschaftler das nur Menschen zugetraut. Der Mensch hat das Lachen aber nicht erfunden.

Wer lacht, ist attraktiv – das gilt auch für Orang-Utan-Kinder. Foto: dpa
Wer lacht, ist attraktiv – das gilt auch für Orang-Utan-Kinder. Foto: dpa
Hannover - Tätäää - Tusch - bitte lachen! Büttenreden und Faschingsveranstaltungen haben in diesen Tagen Hochkonjunktur. Die Reaktionen sind geteilt: Was dem einen die Lachtränen in die Augen treibt, quittiert der andere mit genervtem Augenrollen. Doch so unterschiedlich die Anlässe für die Heiterkeit auch sein mögen, ein generelles Faible fürs Schmunzeln, Kichern oder Prusten verbindet Menschen quer durch alle Kontinente. Und nicht nur die. Lange hatten Wissenschaftler solche Gefühlsäußerungen nur Menschen zugetraut. Doch inzwischen wird immer klarer, dass es mit dem vielbeschworenen "tierischen Ernst" auch nicht weit her ist. Die Geschichte des Lachens ist offenbar älter als die Menschheit.

"Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass auch Menschenaffen lachen können", sagt Elke Zimmermann vom Institut für Zoologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Ihre ehemalige Doktorandin Marina Davila Ross, die mittlerweile an der University of Portsmouth in Großbritannien arbeitet, ist schließlich nicht umsonst jahrelang von Zoo zu Zoo gereist, um Affenkinder zu beobachten. Die zeigen beim Spielen immer wieder Verhaltensweisen, die verblüffend an menschliche Heiterkeitsausbrüche erinnern.

Wie lachen Menschenaffen?


So gibt es zwei ziemlich sichere Methoden, um ein Menschenbaby zum Lachen zu bringen: Entweder man lacht es selbst an, oder man kitzelt es an den Fußsohlen und unter den Achseln. Beide Tricks kennen Menschenaffen auch. Spielende Orang-Utans zum Beispiel ziehen oft die Mundwinkel zurück und entblößen dabei die unteren Zähne oder sogar beide Zahnreihen. "Oft dauert es dann nur eine Sekunde, bis ihre Gefährten das gleiche Spielgesicht machen", sagt Elke Zimmermann. Diese Mimik sieht nicht nur wie ein Lachen aus, sie ist für Artgenossen auch genauso ansteckend. Und damit nicht genug der Parallelen: unter Schimpansenkindern gehört es zu den beliebtesten Spielen, Artgenossen kräftig zu kitzeln. Das "Opfer" zeigt dabei nicht nur sein Spielgesicht, sondern macht sogar kichernde Geräusche.

Dieses hörbare Gelächter hat Marina Davila Ross, Elke Zimmermann und ihren amerikanischen Kollegen Michael Owren fasziniert. Können das alle Menschenaffen? Und lachen die einzelnen Arten unterschiedlich? Um das herauszufinden, wollten die Forscher Affenkinder gezielt kitzeln und ihre Reaktion aufzeichnen. Allerdings lässt das keine Affenmutter freiwillig zu. "Wir konnten deshalb nur von Hand aufgezogene Zootiere mit menschlichen Bezugspersonen untersuchen", sagt Zimmermann. Insgesamt 21 junge Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans sowie drei Menschenkinder lieferten mehr als 800 Hörproben. Und auf allen war deutliches Gelächter zu hören.

Als die Forscher nun die akustischen Daten mit den genetischen Verwandtschaftsverhältnissen verglichen, kam ein ganz ähnlicher Stammbaum heraus: "Die Ähnlichkeiten in den Lauten spiegeln exakt die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den vier untersuchten Arten und dem Menschen wider", sagt Zimmermann. Das eher hechelnde Orang-Lachen unterscheidet sich demnach am stärksten von menschlichen Heiterkeitsausbrüchen. Ein gekitzeltes Schimpansen- oder Bonobo-Kind dagegen hat zumindest einzelne Elemente im Repertoire, die an ein typisches melodisches Menschenlachen erinnern. Ihr grundsätzliches Faible für Gelächter aber haben Menschenaffen und Menschen wohl schon vor Jahrmillionen von ihrem gemeinsamen Vorfahren geerbt.

Lachen steigert die Bildungschancen


Lachen scheint also eine Fähigkeit zu sein, die sich im Laufe der Evolution bewährt hat. Nur wozu dient sie eigentlich? "Es geht offenbar darum, das Spielverhalten zu fördern", sagt Elke Zimmermann. So dauern die Spiele von kleinen Orang-Utans deutlich länger, wenn die Beteiligten zwischendurch ihr breit lächelndes Spielgesicht zeigen. Allein die Mimik signalisiert also schon: "Ich bin in Spiellaune, mach doch mit!" Lautstarkes Gekicher könnte dabei helfen, Spielgefährten aus weiterer Entfernung anzulocken. Wer mehr lacht, kommt also besser ins Spiel. Und das kann ein entscheidender Vorteil sein. Denn beim gemeinsamen Rennen, Klettern und Balgen trainieren Affenkinder nicht nur ihre Geschicklichkeit und Körperkraft, sondern auch den richtigen Umgang mit Artgenossen. Je mehr sie spielen, desto mehr lernen sie also. Lachen steigert demnach die Bildungschancen.

Ob die Tiere mit ihrem Gekicher auch noch andere Zwecke verfolgen, weiß bis jetzt niemand so genau. Klar scheint aber, dass sie es bei weitem nicht so vielseitig nutzen wie der Mensch. "Wir können unser Lachen ja auch ganz bewusst einsetzen, um andere im positiven oder negativen Sinn zu beeinflussen", sagt Elke Zimmermann. Auf die Idee, die Laune seiner Artgenossen in Lachclubs zu verbessern, ist bisher wohl noch kein Affe gekommen. Und auch das hämische Gelächter, mit dem man andere so leicht ausgrenzen und verletzen kann, scheint eine rein menschliche Erfindung zu sein. Ein Schimpanse, der ausrutscht, seine Banane verliert oder vom Ast stürzt, ist wohl nicht dem schadenfrohen Gekicher seiner Artgenossen ausgesetzt.


Dem Lachen der Affen auf der Spur


Verwandtschaft
Mit molekulargenetischen Verfahren haben Biologen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Erbgut der verschiedenen Menschenaffenarten und des Menschen ausgewertet. Dabei ergaben sich interessante Hinweise auf deren Verwandtschaftsverhältnisse. Demnach haben sich Bonobos und Schimpansen erst vor etwa sechs Millionen Jahren von der Entwicklungslinie des Menschen getrennt und sind damit seine nächsten lebenden Verwandten. Orang-Utans dagegen gehen schon seit 12 bis 14 Millionen Jahren ihre eigenen Wege.

Tonaufnahmen
Mit Hilfe einer sogenannten Computerspektrografie haben Forscher Frequenz, Tempo, Rhythmus und andere physikalische Eigenschaften der Lautäußerungen von Menschenaffen analysiert. Dabei interessierte vor allem das Gelächter. So entstanden "akustische Fingerabdrücke". Vergleiche Mit Computerhilfe lassen sich die akustischen Daten zum Lachen und die genetische Analysen miteinander vergleichen. Dabei ergab sich im Hinblick auf die Verwandtschaftsverhältnisse eine gute Übereinstimmung.

Affenlachen
Es gibt Hinweise darauf, dass auch weniger hoch entwickelte Affen wie etwa Makaken beim Spielen kichern. Das Lachen hat sich also schon früh entwickelt.