Firma Naturana Gomaringen wird 100 Die Experten für den perfekten Büstenhalter

Von Akiko Lachenmann 

Seit 100 Jahren vertreibt die schwäbische Firma Naturana Damenunterwäsche in mehr als 40 Ländern – und weiß, welche Büstenhalter deutsche, französische und arabische Frauen bevorzugen.

Der „Minimizer“ mit Satinoptik und vorgeformten Cups: manche Frauen nennen ihn „ein Geschenk des Himmels“ – er gehört jedenfalls zu den meistverkauften Büstenhaltern der Firma. Foto: Naturana 12 Bilder
Der „Minimizer“ mit Satinoptik und vorgeformten Cups: manche Frauen nennen ihn „ein Geschenk des Himmels“ – er gehört jedenfalls zu den meistverkauften Büstenhaltern der Firma. Foto: Naturana

Gomaringen - Wenn Andreas Höschele am Zoll seinen Koffer aufmachen muss und bis zu fünfzig Büstenhalter zum Vorschein kommen, erntet er fragende Blicke und auch mal ein Stirnrunzeln. Dann hat der eloquente Mittfünfziger mit einer schwarzen Hornbrille die richtigen Sätze parat. Denn Andreas Höschele reist viel mit seinem Koffer durch die Welt. Er ist der Geschäftsführer der Firma Naturana, die Niederlassungen in 13 Ländern unterhält und ihre Produkte in mehr als 40 Ländern vertreibt.

Frau kennt Schiesser, Frau kennt Triumph. Naturana ist nicht ganz so bekannt. Dabei stellt das schwäbische Familienunternehmen, das in Gomaringen im Kreis Tübingen beheimatet ist, seit genau hundert Jahren in nicht unerheblichem Umfang Damenunterwäsche her, gewinnbringend, trotz des explodierten Online-Handels, expandierend, trotz der seit Jahren strauchelnden Wäschebranche. Der Umsatz liege im „hohen zweistelligen Millionenbereich“. Genauer wollen es die Mitglieder der Gründerfamilie Dölker nicht so gern kommunizieren. Hier wird noch schwäbisches Understatement gelebt: Bis zum 100-Jahr-Jubiläum der Firma hatte es noch keine einzige offizielle Pressekonferenz gegeben. Produktion geht schließlich vor PR. Generationen von lokalen Wirtschaftsjournalisten sehnten den Moment herbei, das elfstöckige, weithin sichtbare Hochhaus im Zentrum der 8500-Einwohner-Gemeinde zu betreten.

Im März 2018 soll das Firmenmuseum eröffnet werden

Der runde Firmengeburtstag hat aber noch mehr bewirkt als eine Einladung der Presse. Bei der Recherche für die Firmenchronik stießen zwei Historikerinnen auf so viele geschichtsträchtige Erzeugnisse, dass man beschloss, im März 2018 ein Firmenmuseum in Gomaringen zu eröffnen. Zudem holten die drei Töchter von Gerhard Dölker, dem letzten Dölker-Geschäftsführer, mit Andreas Höschele einen Manager ins Haus, der die Marke Naturana „sichtbarer und transparenter“ machen möchte. In Zeiten, in denen Ketten wie H&M oder Calzedonia durch eine aggressive Preispolitik große Anteile des Unterwäschemarkts abgreifen, sei „ein Wandel in der Unternehmenskultur sicherlich nicht verkehrt“, sagt Andreas Höschele.

Zumal das Unternehmen eine bewegte Geschichte mit viel Potenzial für Markenbindung hat: Mitten im Ersten Weltkrieg, im Sommer 1917, gründete Karl Dölker gemeinsam mit 18 Mitarbeitern, vorwiegend Frauen, die Korsettfabrik Karl Dölker. Sein Handwerk hatte der gebürtige Heubacher (Ostalbkreis) bei der im selben Ort ansässigen Firma Schneider & Sohn Corsetfabrik gelernt, zu deren Eigentümern es verwandtschaft­liche Beziehungen gab. Heubach galt damals als das Zentrum der deutschen Korsettherstellung. Auch die Firma Triumph, die mittlerweile in der Schweiz sitzt, hat dort ihre Wurzeln.

Dölkers Ausbildungsschmiede firmiert heute unter dem Namen Susa - auch Höschele war viele Jahre in in ihren Diensten als Geschäftsführer, bevor er zu Naturana wechselte. Höschele war viele Jahre als Geschäftsführer in den Diensten der Traditionsfirma, bevor er dann im vorigen Sommer zu Naturana wechselte.

Der Korsettersatz Natura war sozusagen eine Revolution

Der Firmengründer Dölker war offensichtlich ein Visionär und Mann der Tat. Als ihn der Stuttgarter Arzt Richard Hähl Anfang der 1920er Jahre auf Haltungsschäden und Schnürfurchen wegen der damaligen Miederwaren hinwies und auf eine Reform des Korsetts drang, machte sich Dölker sofort ans Werk. Sein Korsettersatz namens Natura kam einer kleinen Revolution gleich: Mittels zahlreicher Verschlüsse gewährte Natura „vollste Freiheit der Bewegung bei tadellosem Sitz und bestmöglicher Schonung der Organe“, wie eine Warentesterin damals sachlich anerkannte. Natura ging in Serie. Die Frauen in Baden-Württemberg konnten reihenweise aufatmen. Der erste Verkaufsschlager verlieh der Firma nicht nur ihren heutigen Namen, sondern auch ihr Leitmotiv, „hochwertige und bequeme Miederwaren“ herzustellen.

Noch bequemer wurde es in den dreißiger Jahren, als man dank Naturkautschuk auf Schnürungen verzichten konnte. Im Zweiten Weltkrieg ließ der Komfort jedoch stark nach. Mangels Stoffen ließ Naturana Büstenhalter aus Sonntagsschürzen und Tischdecken nähen.

Die von amerikanischen GIs importierten Pin-up-Girls krempelten das Frauenbild nach dem Krieg dann komplett um. Die BHs verliefen nach vorne hin spitz. Die Farbe Lachsrosa dominierte. In den 60ern wurde die Miedermode noch elastischer und leichter dank der Einführung von Elastan, einer dehnbaren Chemiefaser. Anfang der 70er Jahre trumpfte Naturana mit ­seinem Modell Star auf. Der Büstenhalter gehörte zu den ersten Modellen mit vor­geformten Körbchen.

In die neue Produktionstechnik, bei der synthetisches Material durch Hitze in Form gebracht wird, hatte Naturana einiges investiert. Dieser Mut zahlte sich aus. „Star ging 40 Millionen Mal über den Ladentisch“, erzählt Höschele. Im Laufe der 70er Jahre traten dann die Feministinnen auf den Plan, und Büstenhalter wurden als Symbol der männlichen Unterdrückung öffentlich verbrannt. Naturana antwortete darauf mit einem Modell mit dem prosaischen Namen „Der passt“ für Frauen, die trotzdem nicht ohne sein wollten, diesen aber zu verbergen suchten. „Der passt“ war aus dünnstem, transparentem Stoff und kam der propagierten Nacktheit recht nah. Zur Renaissance der Miedermoden in den 80er Jahren trug dann unter anderem die Popsängerin Madonna bei, die auf der Kinoleinwand als „verzweifelt gesuchte Susan“ mit schwarzen Spitzenbustiers unter Netzhemden die Damenwelt neu inspirierte.

„Der Star“ war das erste Modell mit vorgeformten Körbchen

Der Star der 90er Jahre wurde der Minimizer, den Naturana 25 Millionen Mal verkaufen konnte. Er verringert optisch die Körbchengröße und ist heute „unser bestes Produkt“, wie Höschele sagt. „Die Frauen werden tendenziell immer stärker“, begründet er den Erfolg. Obwohl die Damenwelt glaube, 75 B sei die geläufigste Größe, verlasse vor allem Ware ab Körbchengröße C das Lager.

Nach der Jahrtausendwende folgte auf die optimierte Elastizität die bessere Atmungsaktivität in Form des Modells ­Spacer. Die Materialinnovation nennt sich Abstandsgewirke, ein doppelflächiges Textil, dessen Schichten durch Fäden auf Abstand gehalten werden und damit angenehm kühl auf der Haut liegen. Als Nächstes steht bei Naturana der Eintritt ins Ökozeitalter bevor. Erste Kollektionen aus Biobaumwolle sind schon auf dem Markt.