Starmix stand mit seinen Staubsaugern und Händetrocknern kurz vor der Pleite – ehe ein junger Russe das schwäbische Traditionsunternehmen übernahm. Die Geschichte einer wundersamen Rettung.

Chefredaktion: Achim Wörner (wö)

Reichenbach/Moskau - Ein wenig unsortiert ist das kleine Firmenmuseum im Moment, da es auf Vordermann gebracht wird, so wie die gesamte Starmix/Electrostar GmbH in Reichenbach an der Fils. Gleich am Eingang stehen Staubsauger aus früheren Zeiten, dahinter finden sich aufgereiht aktuelle Reinigungsgeräte für Industrie und Handwerk. Hinten an der Wand hängen weiß lackierte Metallgehäuse, die eine weitere Facette des schwäbischen Traditionsunternehmens spiegeln. Der Firmengründer Robert Schöttle gilt als Erfinder des Warmlufthändetrockners, der heute rund um den Globus in Hotels und Restaurants und öffentlichen Toiletten zum Standard gehört.

Das allein aber macht nicht die ungewöhnliche Geschichte aus, die geprägt ist vom steilen Aufstieg und jähen Fall eines mittelständischen Betriebes – und von der wundersamen Rettung durch einen jungen Russen.

Gegründet worden ist das Unternehmen in den 1920er Jahren. Mit Staubsaugern wurden Geschäfte gemacht, später kamen die Händetrockner dazu. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Wirtschaftswunderzeit, waren es vor allem die Küchenmaschinen von Starmix, die Kultstatus genossen. Die „MX 3“ beispielsweise galt in den 60er Jahren als Mercedes unter den Haushaltsgeräten: mit einem Gehäuse aus Aludruckguss, angetrieben von einem Motor, so stark, dass man damit Beton hätte mischen können. Und ausgestattet mit einer Vielzahl an Zusatzgeräten vom Schnitzelwerk über den Entsafter und den Fleischwolf bis zur Zitruspresse. Egal, ob backen, Kartoffelsuppe pürieren oder Kohlköpfe häckseln – „mit Starmix“, lautete der Werbeslogan, „geht es so fix.“

Roman Gorovoy, 33, kennt diesen Teil der Historie, wenn auch nur aus Erzählungen. Um Weihnachten herum seien damals teils leere Kartons ausgeliefert worden, weil die Produktion nicht nachkam – und die Männer ihren Gattinnen beweisen wollten, dass die Küchenmaschine bestellt sei. Als Gorovoy vor zehn Jahren, damals gerade 24 geworden, ins Starmix-Management einstieg, waren die Lieblinge der Hausfrauen längst aus dem Sortiment genommen: Zu groß war die Konkurrenz geworden, zu teuer die eigene Herstellung. Die Staubsauger und Händetrockner liefen zwar bis in die 90er Jahre hinein noch gut, aber auch in diesem Bereich ging es dann durch den Verlust eines Schlüsselkunden deutlich bergab. Die einst so florierende Firma stand nach der Jahrtausendwende kurz vor dem Aus.

Harter Start

Roman Gorovoy hat sein Büro im zweiten Stock der Firmenzentrale eingerichtet. Auf dem Couchtisch im Foyer davor liegen ein Adolf-Hölzel-Buch mit dem Titel „Der verkannte Revolutionär“ und eine Abhandlung über die historischen Bande zwischen Württemberg und Russland. Die flüchtige Lektüre stimmt ein auf das Gespräch mit einem Mann, der in Moskau geboren wurde und aufgewachsen ist und in gewissem Sinne selbst über einen revolutionären Charakter verfügt. So jedenfalls müssen es die Mitarbeiter empfunden haben, als er vor einer Dekade, eben im britischen Durham mit dem Betriebswirtschaftsstudium fertig geworden, die Regie in Reichenbach übernahm und erst mal Weihnachts- und Urlaubsgeld strich.

Der Start war für beide Seiten hart. „Manchmal möchte er gern etwas übers Knie brechen“, erzählte bei früherer Gelegenheit der im Mai in den Ruhestand verabschiedete Konstrukteur Eugen Bruntner. Und Gorovoy räumt ein, in der Anfangsphase „zu viel auf einmal“ gewollt zu haben – in einer Branche, die ihm völlig fremd war. „Mein Nichtwissen aber war letztendlich mein Vorteil“, sagt er rückblickend, denn in den ersten Wochen seines Engagements tummelte er sich ausschließlich in den einzelnen Abteilungen, hörte zu, machte sich schlau – und lernte äußerst schnell. „Ohne die Gorovoys“, befand der Techniker Bruntner, „gäbe es die Firma sicher nicht mehr.“

Und so wuchs allmählich ein Vertrauen, das nötig war, um Starmix aus der prekären Lage zu befreien. Von einst mehr als 600 Mitarbeitern waren weniger als 100 übrig geblieben; die Banken drohten, den Geldhahn zuzudrehen. Die Gebäude hatten und haben einen morbiden Charme, denn Gorovoy wollte zunächst nicht in Steine, sondern in neue Produkte investieren. Stolz präsentiert er den Katalog für Industriestaubsauger, frech aufgemacht, mit direkter Ansprache an Handwerker und Gewerbetreibende. Das soll Emotionen wecken, um im Wettbewerb mit Weltfirmen wie Kärcher bei den Saugern oder Dyson bei den Händetrocknern zu bestehen. „Made in Germany. Made for you“, lautet jetzt der Slogan.

Spross eines Moskauer Bauunternehmers

Gorovoy, der perfekt Deutsch spricht, ist ein Schlacks und leger gekleidet – offenes Hemd, Jacket, Jeans –, dabei freilich sehr ehrgeizig und zielorientiert. „Hier lerne ich so viel wie in keiner Schule“, sagt er. Die Wand hinter seinem Schreibtisch zieren große Fotos vom Schlossplatz in Stuttgart, jener Stadt, in der er mit Frau und Kind lebt, und Moskau, seiner Heimat. Sein Vater Alexey führt dort die Firmengruppe Algo, die im Bau- und Immobiliengeschäft tätig ist. Er wurde im Zuge der Perestroika Unternehmer und hat seinen Sohn, der eine internationale Ausbildung genießen sollte, mit 13 Jahren ins Eliteinternat nach Salem geschickt. Es sei eine schwere Zeit gewesen, sich in einer fremden Kultur ohne Kenntnis der Sprache durchzubeißen, sagt Gorovoy: „Dadurch bin ich zu einem Steh-aufmännchen geworden.“ Am Bodensee knüpfte er auch die Bande zum Hause Starmix, da sich eine Freundschaft entwickelte mit dem Schöttle-Spross Konstantin. So fand der Russe Gorovoy den Weg nach Reichenbach im Kreis Esslingen. Und bei einem der Besuche entspann sich am Küchentisch des Fabrikanten Robert Schöttle, dem Enkel des Firmengründers, wieder einmal ein Gespräch über die Zukunft von Electrostar. „Macht dir das Ganze eigentlich noch Spaß?“, wollte der damals 20-jährige Student wissen.

Die Frage sollte den Einstieg von Gorovoys Vater einleiten, der ohnehin auf der Suche nach Geldanlagen in Deutschland war. Das war 2003, in einer Phase, in der das Unternehmen bei einem Jahresumsatz von knapp 19 Millionen Euro eine Million Minus machte. 2005 kam der Sohn Roman als Manager dazu – er ist immer noch da – von wegen Heuschrecke.

Erstaunlich ist, dass sich der Wandel in bestem Einvernehmen mit den Alteigentümern vollzieht. Robert Schöttle ist Vorsitzender des Unternehmensbeirats. Längst schreibt Electrostar wieder schwarze Zahlen, auch durch straffe Prozesse. Der Vertrieb wurde neu organisiert, und der Chef lässt es sich nicht nehmen, selbst bei Kunden vorstellig zu werden. In der Produktionshalle laufen pro Jahr 125 000 Staubsauger und Händetrockner vom Band. Der Umsatz ist auf 26,5 Millionen Euro gestiegen. Und doch wähnt sich Gorovoy nicht am Ziel, die Firma auf krisenfeste Beine zu stellen. In drei, vier Jahren soll es so weit sein.

Ein Glücksfall für Reichenbach

Sorge bereitet ihm zurzeit die Entwicklung in Russland. Der Absatz auf diesem wichtigen Markt ist zuletzt deutlich gesunken. Er sei alles andere als ein Putin-Freund, sagt Gorovoy, aber der Westen mit der Kanzlerin Angela Merkel sei maßgeblich mit verantwortlich für die politische Eskalation, da sie jede Sensibilität für die russischen Befindlichkeiten im Blick auf die Ukraine vermissen lasse. Bei diesem Thema schwingen viele Emotionen mit, und der sonst so nüchtern wirkende Manager kehrt seine Seele nach außen. Doch dies nur für einen Moment, denn ungeachtet politischer Kautelen soll nun eine neue Generation von Händetrocknern, an denen die hauseigenen Ingenieure basteln, den nächsten Schub bringen. Zudem plant die Firma am Standort den Bau eines Logistikzentrums, und sie will das weitgehend leer stehende Hochhaus der Zentrale generalsanieren, um dort Wohnungen und Büros, Praxen und Läden zu schaffen.

Solche Pläne sind ein Glücksfall für die 8000-Seelen-Gemeinde Reichenbach und ihren Bürgermeister Bernhard Richter. „Beide Seiten – Firma und Gemeinde – werden davon profitieren“, sagt er. Nach dem Drehmaschinenhersteller Traub/Index und WellpappenSeyfert zählt Electrostar mit 115 Mitarbeitern zu den wichtigen Arbeitgebern und prägt durch seine Lage im Zentrum das Ortsbild. Vor allem ist aus Richters Sicht die Entwicklung der Kommune historisch betrachtet eng verbunden mit der Entwicklung der Firma. Im Übrigen registriert der reisefreudige Rathauschef mit gewissem Stolz, dass Produkte aus Reichenbach einem sogar in fernsten Gefilden begegnen – nicht im Museum, sondern beim Händetrocknen im Hotel in Afrika.

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