Er lässt sich aufs Sofa plumpsen. Die meiste Zeit sitzt er mit ausgestrecktem linken Bein. Über den Fuß hat er einen schwarzen Socken gezogen. Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, dass Felix Fischer eine Beinprothese trägt, dass sein linker Fuß aus Kunststoff ist. 22 Operationen hat er hinter sich. Am Ende stand die Amputation. Ein paar Zentimeter oberhalb des Knies haben die Ärzte das Bein abgetrennt. Über dem Stumpf hat Fischer eine Hülle aus Silikon befestigt, den sogenannten Liner. Er verbindet den Stumpf mit der Prothese. Mithilfe des schwarzen Carbongehäuses kann er ohne Hilfe von A nach B kommen. Bummeln. Wandern. Treppen steigen. „Fast wie früher“, sagt Felix Fischer.
Früher, das war vor fast zwei Jahren. Da hat man Fischer oft auf einem Motorrad gesehen. Überall ist er damit hingedüst. In der Garage hat er stundenlang an den Maschinen geschraubt. „Das war mein Leben.“
Verhängnisvolles Missverständnis
Bei einem Harley-Davidson-Händler in Schwäbisch Gmünd hatte er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker begonnen. Mit Freunden einen drauf gemacht, das hat er selten. Fischer beschreibt sich selbst als introvertiert. Als einen, der dem Leben viele Fragen stellt und seine Gedanken gerne niederschreibt, um einen anderen Blickwinkel zu bekommen. Der zufrieden ist mit dem, was er hat. Der sich im Grünen wohler fühlt als in der Stadt. Der frühere Felix Fischer war ein schüchterner Mensch, der froh war, wenn die Mutter oder die ältere Schwester Dinge für ihn in die Hand nahmen.
Mai 2020. Ein Dienstagmorgen. Fischer denkt kurz darüber nach, ob er heute ausnahmsweise mit dem Auto zur Arbeit fahren soll. Doch dann setzt er sich doch wieder aufs Motorrad. Die Stunden in der Werkstatt in Schwäbisch Gmünd vergehen schnell. Kurz vor Feierabend bringt ein Kunde eine beschädigte Maschine vorbei, die er erst wenige Tage zuvor gekauft hatte. Manchmal fragt sich Fischer heute, ob das Zufall gewesen sein kann. Der Gedankenblitz am Morgen. Der Unfall des Kunden. Ob ihn jemand warnen wollte?
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Er beschließt, nicht die Bundesstraße zu nehmen, sondern über die Dörfer zurück nach Hause zu fahren. Fischer kennt die Strecke gut. Vor ihm fährt ein Pritschenwagen. Fischer befindet sich zwischen Plüderhausen und Miedelsbach, als die Straße nach einer Kurve wieder gerade wird. Der Wagen vor ihm blinkt rechts. Fischer denkt, der Fahrer wolle ihn vorbeilassen. Er schert aus. Eine Sekunde später wird er über die Straße geschleudert. Er weiß noch, wie er liegen bleibt, den Helm abzieht, sich den Sportbeutel unter den Kopf schiebt. Wie er die Jacke öffnet und sich abtastet. Er spürt, dass mit dem linken Bein etwas nicht stimmt. Die Menschen, die sich um ihn versammelt haben, versperren ihm die Sicht, sie wollen ihm den Anblick ersparen.
Eine Entscheidung fürs Leben
Fischer kommt ins Mutlanger Krankenhaus, wird später in die Universitätsklinik nach Ulm verlegt. Der Unfall passiert während der harten Lockdownphase. Niemand darf ihn in den ersten Wochen besuchen, nicht einmal die Eltern oder Geschwister. Zum ersten Mal ist er auf sich allein gestellt, muss Entscheidungen treffen, alles selber regeln.
X-mal operieren die Ärzte das zertrümmerte Bein des 21-Jährigen. Keime erschweren die Heilung. Fünf- bis siebenmal in der Woche schluckt Fischer Antibiotika, wird immer wieder in den Operationssaal geschoben. „Wunde aufmachen. Spülen. Schwamm rein. Wieder zumachen.“ Es hilft nicht. Irgendwann, sagt Fischer, resignieren die Ärzte. Einen Monat liegt er ans Bett gefesselt im Krankenhauszimmer, ohne dass etwas passiert. Fischer sagt rückblickend, er habe vieles nicht nachvollziehen können, was da in Ulm geschehen sei. Die Kommunikation mit ständig wechselnden Ansprechpartnern hat er als schwierig empfunden.
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Gemeinsam mit seiner Mutter beschließt er, sich in die Tübinger Uniklinik verlegen zu lassen. Dort gibt es eine Station für Fälle wie ihn. Sie machen die Wunde auf, schauen sich alles an. Am nächsten Tag steht der Oberarzt noch vor dem Frühstück an Fischers Bett. Er nennt ihm drei Möglichkeiten: Das Bein mittels Metallstab versteifen. Bliebe immer noch der Keim, den man bekämpfen müsste. Oder: künstliche Sehnen und künstliche Muskeln einsetzen. Der Arzt spricht von einer langwierigen Prozedur, die erfahrungsgemäß alle paar Jahre wiederholt werden müsste. Als letzte Möglichkeit nennt er die Amputation.
Fischer ist dankbar, dass der Mediziner anbietet, ihm zwei Männer vorzustellen, die sein Schicksal teilen, aber unterschiedliche Wege gegangen sind. Nach den Gesprächen entscheidet er, dass er loslassen und neu anfangen möchte. Zumal er sicher ist, dass sich die Amputation nur verschieben, auf lange Sicht aber nicht vermeiden ließe. Er möchte nicht sein halbes Leben in Krankenhäusern verbringen. „Jetzt bin ich noch in einem Alter und in einer Situation ohne Verpflichtungen“, sagt er. „Ich bin motiviert und habe alle Zeit der Welt, um mich darauf zu fokussieren. Mit 50 würde mir das vielleicht schwerer fallen.“
Der Neuanfang
Einen Tag vor der großen Operation kommt seine Schwester Kathi mit Freundinnen vorbei. Sie machen einen Gipsabdruck von Felix Fischers Bein. Mit Edding schreiben sie darauf: „Lieber Bein ab als arm dran.“
Felix Fischer schläft unruhig in dieser Nacht. Er weiß: Die Entscheidung ist unwiderruflich. Er hat Angst davor, dass er nicht damit umgehen kann. Sich nur als halber Mensch fühlt. Als er nach der Operation zurück in sein Zimmer geschoben wird und seine Mutter sieht, formt er mit der Hand ein Victory-Zeichen. Er fühlt sich erleichtert. Als sei eine Last von ihm genommen worden. Zum ersten Mal seit dem Unfall kann er das Bett wieder verlassen und sich hüpfend fortbewegen. „Da hatte sich so viel Energie angestaut. Endlich passierte etwas Neues.“
Eine andere Sicht aufs Leben
In der Reha packt ihn der Ehrgeiz. Als er sich zum ersten Mal mit der Prothese vorwärts bewegt, sagt er sich: „Ich möchte nicht nur wieder laufen lernen, ich möchte irgendwo der Beste sein.“ Das Gehen mit dem künstlichen Bein fällt ihm leicht. Er vergleicht es mit Stelzenlaufen und einem Gefühl, als trage man zehn Socken übereinander. Nach zwei Tagen lässt er die Krücken stehen. Eine Woche später geht er Treppen auf und ab. Mit der Physiotherapeutin schließt er Wetten ab: „Wenn ich nach sechs Wochen zehn Sekunden auf dem linken Bein stehen kann, gehen wir in der Tübinger Innenstadt einen Kaffee trinken.“
Heute kann Fischer wieder zügig gehen, auch längere Strecken. Drei Kilometer am Stück hat er schon geschafft. Nur noch selten leidet er unter Phantomschmerzen. „Ich kann vieles machen, was ich früher auch gemacht habe“, sagt er. Longboard-, Ski- und Fahrradfahren muss er wieder neu lernen.
Felix Fischer sagt, er habe ein Bein verloren, aber auch etwas gewonnen. Eine andere Sicht aufs Leben. Wertschätzung für Dinge, die ihm früher selbstverständlich erschienen. „Wenn man ans Bett gefesselt ist und nicht mal aufs Klo gehen kann, ist man über alles froh, was man hat. Und wenn es nur ein Glas Wasser ist.“ Glück ist für ihn, wenn das richtige Lied im Radio läuft. Oder das Essen gerade richtig gut schmeckt.
Wo wird ihn sein Weg hinführen?
Fischer hat gelernt, auf andere Menschen zuzugehen, mehr aus sich rauszukommen. Aber es ärgert ihn, wenn fremde Menschen ihn anstarren, unsensible Fragen stellen oder rücksichtslos im Weg stehen bleiben, etwa wenn er mit Krücken unterwegs ist, wie neulich nach einer weiteren kleinen OP. Manchmal würde er ihnen gerne entgegenschleudern: „Noch nie einen Einbeinigen gesehen?“
Jedes Jahr gibt es zwischen 60 000 und 80 000 Amputationen in Deutschland. Rund 250 000 Menschen leben mit einer Prothese. Manche verzweifeln daran. Fischer sagt, er habe das nicht zugelassen, „sonst wäre ich richtig abgestürzt“. Denn: Im Jahr des Unfalls musste die Familie noch mehr Leid ertragen. Der Stiefvater starb an Krebs. Kurze Zeit später der Hund. Fischer zwang sich, nach vorne zu sehen, sich auf das Positive zu fokussieren. Er sagt, er sei immer lebensfroh gewesen. „Der Name Felix sagt ja auch nichts anderes aus.“
Beim Motorradhändler arbeitet er mittlerweile nicht mehr, stattdessen bringt er Kinder mit einer geistigen Behinderung zur Schule. Im September endet sein Freiwilliges Soziales Jahr. Und dann? Er überlegt noch. Eine neue Ausbildung? Sich ein Jahr lang Zeit nehmen, um klarer zu sehen? Vielleicht will er auf Reisen gehen. Oder ein Buch schreiben. Genügend zu erzählen hätte er jetzt.
Felix Fischer im Gespräch mit dem Radiosender SWR1
Dieser Text erschien erstmals am 23.02.20222.