Die Folgen von Corona Volkshochschule sendet Hilferuf an die Stadt Stuttgart

Von Jan Sellner 

Am 15. Juni nimmt die VHS in Stuttgart ihren Betrieb wieder auf – im Rahmen der eingeschränkten Möglichkeiten. Die Freude ist groß. Offen ist allerdings, wie die erheblichen Verluste ausgeglichen werden, die durch die Corona-Krise entstanden sind.

Der Treffpunkt Rotebühlplatz öffnet wieder für Bildungshungrige. Corona-bedingt kann die VHS   die Nachfrage allerdings nur eingeschränkt erfüllen.  Foto: Lichtgut/Leif Pichowski Foto:  
Der Treffpunkt Rotebühlplatz öffnet wieder für Bildungshungrige. Corona-bedingt kann die VHS die Nachfrage allerdings nur eingeschränkt erfüllen. Foto: Lichtgut/Leif Pichowski

Stuttgart - Mit großem Schwung und Elan war die Stuttgarter Volkshochschule (VHS) nach Abschluss ihres 100-Jahr-Jubiläums ins Jahr 2020 gestartet. Neue Formate waren angedacht, die Angebote in den Stadtteilen sollten ausgebaut werden und, und, und . . . und dann kam Corona. Die Schließung des Betriebs infolge der Pandemie hat die Weiterbildungseinrichtung schwer getroffen. Die jetzt vorgelegten Zahlen stehen in scharfem Kontrast zu den Erfolgsmeldungen des Vorjahres. So mussten rund 1400 Kurse und Veranstaltungen unterbrochen oder ganz abgesagt werden. Das bedeutete laut VHS einen Verlust von 3,2 Millionen Euro. Üblicherweise würde von März bis Mai ein Drittel des jährlichen Umsatzerlöses von 7,5 Millionen Euro aus Teilnehmergebühren erwirtschaftet. „Diese Zahlen machen deutlich, in welcher Größenordnung sich die Corona-Pandemie auf unsere finanzielle Situation auswirkt“, sagte Volkshochschul-Direktorin Dagmar Mikasch-Köthner unserer Zeitung anlässlich der eingeschränkten Wiederaufnahme des Kursbetriebs an diesem Montag.

Das persönliche Erlebnis Volkshochschule ist nur bedingt zu ersetzen

Zwar hat die Bildungseinrichtung im Treffpunkt Rotebühlplatz und an den anderen VHS-Standorten im Stadtgebiet in der Not verstärkt digitale Formate entwickelt, Livestreams sowie Selbstlernkurse angeboten und Lernangebote gebührenfrei ins Internet gestellt, das wiegt den Wegfall der Kurse offenbar jedoch bei weitem nicht auf. So machen die digitalen Angebote laut VHS nur etwa zehn Prozent des Präsenzangebots aus. Dem weiteren Ausbau sind Grenzen gesetzt, zum einen, weil es an Ausstattung fehlt, zum anderen schätzen viele Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer die physische Präsenz. Das persönliche Erlebnis Volkshochschule sei digital nicht oder nur bedingt zu ersetzen, bestätigt Dagmar Mikasch-Köthner.

Unterrichtsräume fehlen

So groß die Freude darüber ist, dass es jetzt endlich wieder losgeht, so groß ist die ­Herausforderung, den VHS-Betrieb unter Corona-Bedingungen zu organisieren. „Aufgrund der Abstands­regelungen wird es zu erheblichen Einschränkungen kommen“, erklärt die VHS-Direktorin. Die sonst übliche Anzahl der Teilnehmenden müsse in fast allen Räumen reduziert werden – vielfach werden sich nur vier oder fünf in einem Raum treffen können. Gerne würde die VHS das räumliche ­Angebot erweitern, um mehr Teilnehmer berücksichtigen zu können, doch zusätz­liche Räume stünden nicht zur ­Verfügung. „Dass es uns an Räumen fehlt, ist hinlänglich bekannt“, sagt Mikasch-Köthner. Das habe die VHS auch schon in der Vergangenheit am Ausbau ihres Angebots behindert. Nun kommt hinzu, dass auch die bisher genutzten Räume an Schulen vorübergehend wegfallen. Dort finden immerhin rund 40 Prozent der VHS-Angebote statt. „Das wird zur Folge haben, dass viel weniger Interessierte unsere Kurse wahrnehmen können“, stellt die Direktorin klar. Die finanziellen Verluste der Volkshochschule würden sich dadurch weiter vergrößern. „Um die Lücke zu schließen, müssten wir doppelt bis dreimal so viele geeignete Räume wie bisher zur Verfügung haben.“

Die VHS muss sparen

Was tun? Soweit möglich ein attraktives Bildungsangebot machen. Dieses werde gerade jetzt dringend gebraucht, „weil Bildung für alle, niedrigschwellige Qualifizierungsmöglichkeiten und das Erleben von sozialer Teilhabe in Stuttgart unverzichtbar sind“, meint Mikasch-Köthner. Mit ihrem Sommerprogramm will die Weiterbildungseinrichtung zudem „eine vielseitige Alternative zum Urlaub anbieten“. Gleichzeitig richtet sie einen Hilferuf an die Stadt. Konkret hoffen Mikasch-Köthner und ihre Stellvertreterin, die kaufmännische Leiterin Susann Haalck, dass die Stadt der Volkshochschule die Mietzahlungen für die Nutzung der städtischen Gebäude stunden oder ganz erlassen wird. Außerdem müssten die bereits bewilligten Mittel jetzt in eine bessere Ausstattung im Treffpunkt Rotebühlplatz fließen. Bemühungen um finanzielle Unterstützung durch das baden-württembergische Wirtschaftsministeriums seien leider vergeblich gewesen.

Die VHS selbst hat in Teilen Kurzarbeit angemeldet. Sie stellt ihre Ausgaben auf den Prüfstand und denkt über eine teilweise Anhebung von Kursgebühren im Wintersemester nach, um eine drohende Überschuldung des Volkshochschulvereins zu verhindern, der die Einrichtung formal trägt. Für die Direktorin ist jedoch klar: „Wir werden die Erlösausfälle nur mit weiterer städtischer Hilfe kompensieren können.“




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