Die Frau des Stuttgarter OB Fritz Kuhn Waltraud Ulshöfer – keine, die nur fürs Foto lächelt
Fritz Kuhn verkündete im Januar, nicht mehr für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters zu kandidieren. Was sagt seine Frau dazu?
Fritz Kuhn verkündete im Januar, nicht mehr für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters zu kandidieren. Was sagt seine Frau dazu?
Stuttgart - Ich hab so viel zu erzählen“, sagt Waltraud Ulshöfer. So viel, weil im Januar für sie und ihren Mann Fritz Kuhn fast 40 gemeinsame Jahre in der Politik enden. Und weil sich für sie ein Kreis schließt: Im Januar 2020 hat Kuhn angekündigt, dass er sich nicht für eine zweite Amtsperiode als Oberbürgermeister bewerben werde. „Überraschend“, wie es unisono hieß. Ihr Mann habe über Weihnachten Zeit gebraucht, „um mit sich zu ringen“, sagt Waltraud Ulshöfer. „Da war ich eine Weile still.“
Überraschend sei eher der Anruf im Februar 2012 gewesen, ob ihr Mann sich als OB für Stuttgart bewerben wolle. „Wir waren gerade im Skiurlaub. Beim Abendessen hat die Familie darüber diskutiert.“ Die Söhne, Leon ist heute 24 und Mario 29, waren früh politisch interessiert. „Für ihre Freunde im Pubertätsalter waren wir ein spannender Haushalt. Wir waren ja nah an den Entscheidungen dran.“ Das war zu der Zeit, als Fritz Kuhn Bundesvorsitzender der Grünen in Berlin war.
Kennengelernt haben sich die beiden im Landtag von Baden-Württemberg: Die 64-Jährige ist stolz darauf, dass sie von 1984 an als Grüne den Wahlkreis Bietigheim-Bissingen vertrat und mit 27 die jüngste Abgeordnete überhaupt war. Dennoch hat sie von einem politischen Mandat Abschied genommen, weil ein Paar in der Politik schlecht funktioniere. „Es wird immer nur der eine wahrgenommen, der andere steht im Windschatten.“
Im Stuttgarter Klett-Verlag hat die Sprachwissenschaftlerin gearbeitet; Frauenbeauftragte war sie dort auch. Im Jahr 2000 nach Berlin zu ziehen, das hätten sie und ihr Mann gemeinsam entschieden, betont sie. Ebenso, nach fast 15 Jahren wieder in den Südwesten zurückzukehren. „Ich bin so oft umgezogen. Innerlich hab ich gespürt: da gehör ich hin.“ Heute wohnen die Kuhns am Bopser, und das wird auch so bleiben. „Wir mögen diese Stadt und ihre Kulturszene.“
Was ist das jetzt für eine Rolle? Das hat sich Waltraud Ulshöfer, sie ist Theaterfan, überlegt, als sie in Stuttgart ankam. Schließlich gebe es kein Rollenmodell für die First Lady. Es habe ein großes Spektrum an Erwartungen gegeben, zwischen der Frau fürs Repräsentieren und für die Charity und der eigenständigen und völlig unabhängigen Frau. Ulshöfer hat sich für einen „Dreiklang“ entschieden, wie sie das nennt.
Erst mal sei es ihr wichtig gewesen, die Familie zusammenzuhalten. Die Telefonate mit den Söhnen in Frankfurt und Heidelberg haben ihr in den vergangenen Wochen gezeigt: „Das ist mir geglückt. Wir sind emotional sehr verbandelt.“ Zweitens hat sie eigene berufliche Interessen verfolgt, nämlich das Studium Mediation und Bürgerbeteiligung 2014 mit dem Master abgeschlossen. Allerdings hat sie gemerkt, dass es als „Frau Oberbürgermeister“ schwierig ist, Bürgerbeteiligung zu organisieren. „Man ist zu exponiert. Da möchten die Leute ihre Probleme nicht offenlegen.“ Drittens wollte sie ihre Position nutzen und gesellschaftspolitisch in der Stadt etwas bewegen. Im Laufe der Zeit hat sie sich für fünf Projekte engagiert; vor Corona sei das ein „Fulltime-Job“ gewesen.
Eines ist Waltraud Ulshöfer im Rückblick ganz wichtig: „Ich wollte nie die Schirmherrin sein, die fürs Foto gelächelt und einen Strauß entgegengenommen hat. Ich wollte immer aktiv mitarbeiten. Ich weiß, dass ich damit nicht die ganze Stadtgesellschaft erreicht habe. Aber einzelne Gruppen sehr wohl.“ Womöglich sei sie hinter ihren Projekten verschwunden, hält sie jenen entgegen, die sie dafür kritisieren, sie sei zu wenig präsent gewesen.
Ihr größtes Projekt ist das Slow-Mobil, für das sie das Konzept geschrieben, einen Verein gegründet und mit Sponsorengeldern einen Lastwagen gekauft hat, der von Schulhof zu Schulhof tourt. Im Inneren wird gemeinsam gekocht und gegessen; dabei erleben die Kinder ganz praktisch, was regionale und saisonale Lebensmittel sind. „Manche Kinder konnten Paprika nicht von Tomaten unterscheiden.“
Im Nachgang an das Slow-Mobil, das Waltraud Ulshöfer an die Stuttgarter Jugendhausgesellschaft übergeben hat, entstand der Kirschgarten. Auf einem Grundstück des Vereins der Gartenfreunde in Gaisburg bauen Kinder aus der Umgebung Obst und Gemüse an. Und dann ist da das Projekt zur Gewaltprävention; aus einem Theaterstück für Jugendliche heraus sind ein Heft und ein Tanzfilm mit Eric Gauthier als Material für Workshops entstanden. Außerdem ist Waltraud Ulshöfer Botschafterin des katholischen Hospizes Sankt Martin in Degerloch. „Ich musste mich erst mal ins Thema einfinden. Dann habe ich gelernt, dass man das Leben besser versteht, wenn man mehr über das Sterben und den Tod Bescheid weiß.“
Auch Waltraud Ulshöfers Jahr 2020 war geprägt vom Coronavirus. Aber sie habe aus der verordneten Ruhe das Beste gemacht. Sie hat angefangen, Briefe zu schreiben, mit dem Füllfederhalter. „Das kann man erst mal gar nicht mehr.“ Und sie hat daheim so viel Sport getrieben, dass sie sicher zu den wenigen gehört, die während Corona abgenommen haben.
Unter Beobachtung hat sich die scheidende First Lady nie gefühlt. Ab und an ist sie angesprochen worden. Etwa von jener Frau, die ihr erklärt hat, man brauche die Parkplätze vor der Markthalle. Sie sei als Frau des OB mitverantwortlich. „Ich habe ihr gesagt, ich bespreche es mit meinem Mann beim Frühstück“, erzählt sie.