Die Frau von der Fasnachts-Kleiderkammer im Schwarzwald Ein Häs für alle Fälle
Die 71-jährige Ruth Müller ist der gute Geist der Fasnachts-Kleiderkammer in Bräunlingen. Sie staffiert Narren und Laienspieler das ganze Jahr über aus.
Die 71-jährige Ruth Müller ist der gute Geist der Fasnachts-Kleiderkammer in Bräunlingen. Sie staffiert Narren und Laienspieler das ganze Jahr über aus.
Jesses Gott“, entfährt es Ruth Müller, „Jesses Gott“. Mit diesem kräftigen Ausruf antwortet sie auf die Frage, warum sie den einzigartigen Job hier macht: Kleiderkammerverwalterin. Sie sitzt in ihrem prächtig verstreuten Büro, in dem es sympathisch unaufgeräumt aussieht. Aufgeräumte Büros werden häufig von Langweilern oder von Menschen mit Putzfimmel bewohnt. Das kann man vom Büro der obersten Kämmerin nun nicht behaupten. Da liegt und steht so einiges herum. Einige Fasnachtsmasken auf dem Tisch, eine altdeutsche Försteruniform am Kleiderbügel, ein alter Schreibtisch. Das ist das Reich, in dem Frau Müller einmal in der Woche im Ehrenamt waltet und alles sauber aufschreibt, was aus dem Haus geht. In den handschriftlich geführten Listen stehen merkwürdige Stichworte: „Ein Römer, Größe M“ oder „Wallensteiner, Kindergröße.“
Die 71-Jährige betreut eine der größten privaten und nicht kommerziellen Kleiderkammern im Land. Privatleute, Vereine, Narrengruppen holen sich hier das stoffliche Rüstzeug für einen historischen Umzug oder ein Theaterstück. Wenn es stimmt, dass Kleider Leute machen, dann macht das Häs aus dem biederen Zivilisten einen richtigen Narren oder eine Waschfrau.
Die Kleiderkammer mit etwa 4000 Stücken gehört der Narrenzunft Bräunlingen im Schwarzwald. Der mit Jugend gesegnete Verein besitzt auch das Haus – eines der mächtigsten Gebäude in diesem alten Städtle. Die Zunft erwarb vor das ehemalige städtische E-Werk in den 80er Jahren. Praktischerweise liegt es mitten im Ort, in Sichtweite der Kirche und der wichtigsten Kneipen. Das E-Werk entstammt der Gründerzeit, als der Strom noch etwas Besonderes war und in den meisten Ställen noch kein Lichtschalter hing. Das Bauwerk zeugt vom Stolz auf selbst erzeugte Energie, die eine neue Ära in Bräunlingen einläutete. Die Zeit der frühen Technikbegeisterung ist wohl vorbei, der Strom wird längst anderswo erzeugt.
Heute liegt die alte Strom-Residenz wie ein Lost Place in der Altstadt. Viel Jugendstil zwischen dicken Mauern. Geschwungene Treppen. Nur wenige Lichter brennen am Dienstagabend, wenn Ruth Müller ihre Bürostunde abhält. Immer dienstags. Sie schleppt an, kleidet ein, zupft an den Schultern, holt verlorene Ärmel und tröstet die verlorenen Seelen, die fürchten, dass sie kein Häs (Verkleidung) mehr finden. Und sie erklärt, dass Fasnacht weder Halloween noch Kindergeburtstag ist. Das ist nämlich nicht allen klar. Die lebenskluge Frau macht nicht nur die Requisite, sondern zupft mitunter auch das angespannte Nervenkostüm zurecht.
Vor 18 Jahren wurde ihr diese Aufgabe anvertraut. Ruth Müller stammt aus Tannheim und heiratete später nach Bräunlingen. Sie kennt die Fasnacht, lebt damit, kennt sich aus. Sie gehört hier dazu. Die meisten Dörfer und Gemeinden im Schwarzwald-Baar-Kreis haben sich dem Brauchtum verschrieben.
Die kleine Stadt Bräunlingen ragt heraus. Sie hat eine eigene Variante entwickelt: Für jede Fasnacht denken sich die Narren ein neues Motto aus, das als Richtschnur für die Vermummung dient. Die Bräunlinger nennen das Schauspielfasnacht. 300 bis 400 Kostüme werden dafür pro Saison benötigt. Nicht jede Familie kann oder will jedes Jahr neue Kostüme anschaffen. Dafür gibt es die Kleiderkammer. Frau Müller hat schon vielen verzweifelten Menschen ins Häs und unter die Larve geholfen. Es geht ja nicht nur ums Umkleiden, sondern auch ums gute Bild. Narren sind eitel und dürfen es sein.
Aber wo anfangen? Nicht jeder Mann sieht in Uniform wirklich adrett aus. Und nicht jedes Kind schlüpft ohne Zwang in einen groben Bauernkittel, der anders als bei „Zara“ riecht. An langen Stangen und eng gehängt winken die textilen Kostbarkeiten, die schon viele Körper eingepackt haben. „Römer haben wir viel“, Müller zwinkert, „und auch schöne Römerinnen“. Eine ganze Kompanie an Mannsbildern kann sie in die weiße Toga mit schräg laufender Schärpe stecken. Müller nimmt eine Toga am Bügel, in der schon mancher Mann geschwitzt haben mag: „Die könnte Ihnen auch passen.“ Die Badische Revolution von 1848 scheint dagegen nicht so beliebt zu sein. Einige Hecker-Hüte mit Krempe liegen in der Auslage. An den schwarz-rot-goldenen Bändern sind sie leicht erkennbar. Offenbar Ladenhüter. Reichhaltig ist die Auswahl an Uniformen aller Art. Breite Schultern mit Epauletten und schmaler Taille laufen immer. Männer spielen sich an Fasnacht gerne als Obrigkeit auf.
Der Renner ist die Welt des Mittelalters. Klamotten und Kleinkram ohne Ende kann Müller zu dieser Epoche ausbreiten. Raue Hemden für die Männer, hübsche Mieder für Frauen. Kurze Kleider oder lange Kleider der Marke Burgfräulein. „Mittelalter ist sehr beliebt“, weiß sie. Und wann immer ein Ort im südlichen Baden seine Gründung vor 700 Jahren gebührend feiern will, wird ein historischer Festzug organisiert. Das Rüstzeug dafür liegt in der Kleiderkammer, wo die guten Stücke zu sozialverträglichen Preisen abgegeben werden. So wird eine brave Beamtin zur Gräfin aufgerüstet und der biedere Hausmann zum zackigen Müllerburschen. Frau Müller macht es möglich. Sie ist die Regisseurin, die schon manchen unscheinbaren Menschen ins Römische Reich gebeamt hat.
Immer wieder kommen Härtefälle ins Haus. „Einmal hatte ich Damen da, die wollten es sehr offenherzig, also mit tiefem Ausschnitt. Zwei Stunden ließen sie mich rennen und ein Kostüm ums andere herausziehen, bis sie was fanden.“ Wochen später brachte die fidele Schar die Leihgaben zurück. Sie hatten die kurzen Kleidchen nie getragen, weil es ihnen doch irgendwie zu bieder erschien. Müller ist sich nach vielen Kostümproben sicher: „Männer kann man besser anziehen als Frauen. Sie lassen sich was sagen und hören auf meinen Rat.“
„Jesses Gott“. Sie überlegt kurz, dann fällt ihr doch der vertrackte Fall eines Männleins ein, das mit keinem Fetzen zufrieden war, den ihm die Kämmerin aus den Tiefen des Magazins an den Leib hielt. „Der war ziemlich eitel.“ Erst waren die Hosen zu kurz, dann trat der Bauch zu sehr hervor, wie er meinte. Er hatte die Bestände der Kleiderkammer mit Pariser Maßkonfektion verwechselt. Aber sonst hat es die Kostümdirektorin gut. Männer seien fügsamer, sie verlassen sich auf das gute scharfe Auge der Kämmerin. Denn in diesem Punkt macht ihr keiner was vor: „Ich will jedem das geben, was zum passt.“ Man muss sich nur auf diese Frau verlassen.
Sie kann noch mehr erzählen. Einmal ratterte ein Bus aus dem nahen Villingen-Schwenningen an. Junge Leute wollten sich zünftig verhüllen, Mittelalter war angesagt. Die Truppe wurde schnell fündig, sie schlüpfte unkompliziert in weite Röcke und buntes Beinkleid. Dann setzten sie sich gleich mit dem Häs in den Bus und fuhren direkt zum Umzug.
Übrigens schärft sie den Trägern ein: „Geben Sie mir die Kleidung gereinigt zurück.“ Manche verstehen das falsch. In einer Reihe mit Dutzenden an weißen Togen hängt eine rosa Toga. Rosa! „Der Benutzer hat die Toga in eine Maschine zusammen mit anderer Buntwäsche gesteckt.“ Jetzt ist das gute Stück also verdorben. Ausleihen kann man es trotzdem. Ein rosa Römer!
Für die Leihe werden 30 bis 40 Euro fällig. Wer nur einen Helm oder einen Dreispitz mit Goldborte aus dem Haus trägt, zahlt weniger. Ein Ritter in Vollausrüstung inklusive stumpfer Waffe und Schild schlägt mit 50 Euro zu Buche. „Das ist nicht viel“, sagt Ruth Müller. „Davon führen wir 19 Prozent Mehrwertsteuer an das Finanzamt ab. Schreiben Sie das ruhig“. Die Einkünfte gehen an die Narrenzunft und an den Kostümfundus selbst. Dieser wächst leise. Immer wieder schaut die Chefin, wo sie preiswert zu neuen tragbaren Antiquitäten kommen kann. Wenn ein Theater einen Teil des Fundus auflöst, ist sie dabei.
Im Lauf der Jahre stellte sie fest, dass viele Frauen nicht mehr in die Mittelalter-Röcke passen. Woran das liegt? Entweder sind die Damen fülliger geworden oder die Stücke schrumpfen. Müller rollt die Augen. „Selten war Kleidung in Übergröße in der Kammer. Da habe ich welche dazugekauft.“ Und so wächst das Depot langsam vor sich hin. Manches Mal kommt Müller auch an Schenkungen, doch fasst sie die alten Sachen mit spitzem Finger an. Oft wird Ware angeliefert, die nicht brauchbar sei. „Unterwäsche mit Spitzen oder so, was soll ich damit anfangen? Das kann nur die Hex‘ tragen“.
Noch eine Kategorie an Accessoires ist hier ungeniert versammelt: Auf einer Stange hängen hübsche Tierpelze. Nerz und Fuchs baumeln mit kleinen Tatzen und aufgesperrtem Maul über der Kleiderstange. Diese tierischen Halswärmer werden heute kaum mehr getragen. In der Zunftstube dagegen sind sie bestens aufgehoben. Sie möbeln für einige Tage manches Outfit auf.
Korrektheit ist der Fasnacht fremd. In bestimmte Narrentypen gehen seit jeher nur Männer. Das wird überwiegend akzeptiert. Auch von Ruth Müller. Doch fanden die Frauen in Bräunlingen vor einigen Jahren einen Ausweg. Sie nähten sich eine eigene Närrin auf den Leib – den Blumennarr. Da dürfen nur Frauen und Mädchen rein. Es hängt in einer eigenen Kammer.
Sie selbst braucht nichts zum Leihen. Zuhause hat sie ihr eigenes Magazin aufgebaut. Ihre Söhne und viele Bekannte holen dort direkt ihr Gewand ab. Bisher hat sie für jeden etwas gefunden, was zu ihm passt. Für fast jeden, Jesses Gott.