Die Freilerner-Bewegung Ein Leben im Untergrund

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Immer mehr Eltern denken wie Alexander Harm und Martine Couvreur. Wie viele sogenannte Freilerner in Deutschland leben, wisse aber niemand genau, sagt Karen Kern: „Es gibt Hochburgen in der Region Stuttgart und Heilbronn, im Ruhrgebiet sowie im Raum Dresden und Leipzig.“ Die in Stuttgart geborene Pädagogin kennt sich aus in der Szene. Zum einen, weil es drei ihrer fünf erwachsenen Kinder vorgezogen haben, zu Hause zu lernen. Zum anderen betreibt Karen Kern mit ihrem Mann eine Bildungsberatung am Bodensee und unterstützt junge Freilerner, die sich auf die Externenprüfung vorbereiten, um einen anerkannten Abschluss zu bekommen.

„Viele Freilerner-Familien leben im Untergrund, sie melden sich von ihrem Wohnort ab oder ziehen ins Ausland“, begründet Karen Kern die hohe Dunkelziffer. In Frankreich, Belgien oder Großbritannien ist es erlaubt, dass Kinder zu Hause lernen. Manche Familien praktizieren „Homeschooling“, sprich: die Eltern unterrichten ihre Kinder selbst. Andere entscheiden sich für das „Unschooling“ und bauen darauf, dass sich ihre Kinder das nötige Wissen selbst erarbeiten – mit Unterstützung der Eltern, die für Material wie Bücher, speziell für Freilerner konzipierte Übungshefte, Museumsbesuche und Ansprechpartner für Fachfragen sorgen. Die Eltern müssen bereit sein zu verzichten – materiell und was die berufliche Karriere angeht. Denn einer muss der Kinder wegen zu Hause bleiben.

Freilerner-Familien kämen aus allen Gesellschaftsschichten, sagt Karen Kern, nach deren Erfahrung das Thema „Leben ohne Schule“ für viele ein Tabu ist. Schnell geraten Freilerner-Eltern in den Ruch, dubiosen Sekten anzugehören oder weltfremde Fortschrittsverweigerer zu sein, die ihren Kindern die Zukunft verbauen und soziale Kontakte mit Gleichaltrigen verwehren. Doch nur sehr wenige Eltern, so Karen Kerns Einschätzung, schicken ihre Kinder aus religiösen oder ideologischen Gründen nicht zur Schule. „Die Mehrheit sind ganz normale Leute, die mit ihren Kindern partnerschaftlich umgehen. Aber dazu passt unser Schulsystem nicht.“ Manche Kinder wollten wegen Unter- oder Überforderung nicht mehr in die Schule, andere wegen Mobbings.

Die Gesetzeslage

Die meisten Schulgesetze der Bundesländer lassen in der Sekundarstufe Ausnahmen von der Schulpflicht zu. „Man könnte großzügig sein von Seiten des Amts“, sagt Kern. Doch das sei selten der Fall. Je nach Bundesland, Schulbehörde oder Sachbearbeiter kann Schulverweigerern blühen, dass sie von der Polizei abgeholt und in die Schule verfrachtet oder zu Jugendarreststrafen verdonnert werden. Ihren Eltern drohen Bußgelder oder gar der Entzug des Sorgerechts.

Dass sich Eltern vor einer Konfrontation mit den Behörden fürchten, versteht Karen Kern, die selbst Bußgelder aufgebrummt bekommen und Prozesse erlebt hat, weil ihre drei Söhne aus verschiedenen Gründen, in einem Fall Mobbing, nicht in die Schule wollten. Trotzdem wünscht sie sich mehr Offenheit: „Jede Familie, die vor Gericht steht, leistet Aufklärungsarbeit. Wenn sich nicht mehr Freilerner dieser Auseinandersetzung stellen, wird sich in Deutschland nichts ändern.“

Sie wolle nicht die Schule abschaffen, betont Kern, sondern das Bildungsangebot erweitern, denn: „Schulunterricht kann eine gute Form des Lernens für bestimmte Menschen sein, aber nicht für alle.“ Erkenntnisse aus der Neurobiologie hätten gezeigt, dass die an den meisten Schulen praktizierte Belehrungstheorie eine Sackgasse sei. Positiv sieht die Pädagogin die Einführung der Gemeinschaftsschule: „Langsamere Schüler können dort langsamer lernen, schnellere schneller.“ Lernen, das tue jeder Mensch von Anfang an, ist Karen Kerns feste Überzeugung: „Es geht nur darum, dass er Futter bekommt.“

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