Die Freilerner-Bewegung Andere Wege, andere Lösungen

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Der neunjährige Jonas lebt mit seiner Familie im Großraum Stuttgart, er hat zwei jüngere Geschwister. Die Eltern, beide Ende 30, haben Regelschulen besucht und erfolgreich abgeschlossen. „Ich bin unheimlich gerne in die Schule gegangen, aber heute frage ich mich manchmal, wozu ich dort war“, sagt Jonas’ Mutter Tina Seibold (die Namen der Familie sind geändert).

In den Waldkindergarten sei Jonas nur zwei Tage gegangen, erzählt sie: „Dann hat er beschlossen, dass ihm das zu langweilig ist.“ Für Jonas’ Mutter kein Problem, für seinen Vater schon eher. „Ich kam von einer längeren Geschäftsreise zurück, da hat meine Frau mir erzählt, Jonas gehe nicht mehr in den Kindergarten. Ich war irritiert und habe gesagt: Aber in die Schule geht er“, erinnert sich Martin Seibold: „Mir ist es sehr wichtig, dass unsere Kinder einen Abschluss bekommen.“

Mit sieben Jahren kam Jonas in eine Freie Alternative Schule, seine jüngere Schwester folgte ihm. Doch Jonas und Jasmin habe dadurch Zeit für sich gefehlt, sagen die Eltern. „Die Kinder waren vormittags weg, und nachmittags mussten wir den Käse aufarbeiten“, erzählt Martin Seibold. „Sie kamen total frustriert und unausgeglichen nach Hause, haben sich geprügelt.“ Die Seibolds haben ihre Kinder deshalb von der Schule abgemeldet, „denn bei uns funktioniert es ohne besser“. Während des mehrstündigen Gesprächs ist von Jasmin und Jonas kaum etwas zu hören. Die beiden vertiefen sich mal in ein Buch, mal spielen sie mit Nachbarskindern auf der Straße. Doch nicht jeder aus ihrem Umfeld findet den gewählten Bildungsweg richtig: Tina Seibold hat keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern – sie drohten mit dem Jugendamt, als sie erfuhren, dass Jonas nicht in den Kindergarten geht.

Ermüdendes Rasterdenken

Tina Seibold sagt, ihre Kinder lernten „in ihrem Tempo und mit ihrem Tiefgang“ und gingen dabei anstrengenden Aufgaben nicht aus dem Weg: „Sie lernen, sich durchzubeißen, und sind dann stolz wie Bolle.“

Die Seibolds vertrauen darauf, dass ihre Kinder lernen wollen – und sie lernen von ihren Kindern. „Sie finden andere Wege und Lösungen als wir und kommen auch zum Ziel“, sagt Tina Seibold: „Sie lernen durch Beobachten. Und sie saugen Dinge auf wie ein Schwamm.“ Intensiv habe sich Jonas zum Beispiel mit der Havarie der Titanic befasst, sei dann gedanklich in die Unterwasserwelt eingetaucht und habe sich schließlich mit Gewichten, Erdschichten und Geografie beschäftigt.

Mathe, Erdkunde, Biologie und Technik in einem – Freilerner lernen nicht streng nach Fächern getrennt, sondern in Themenfeldern. Oft geben alltägliche Dinge den Anstoß: Beim Kuchenbacken kommt zwangsläufig Mathematik beim Wiegen und Zählen ins Spiel. Und die Frage, wieso Hefe den Teig wachsen lässt, führt direkt in die Chemie. Das Addieren und Multiplizieren habe Jonas für sich begriffen, ohne dass ihn jemand mit dem Einmaleins habe triezen müssen, sagt seine Mutter. Das Lesen sowieso. Wenn er nicht gerade mit der Kamera Kurzfilme dreht oder seine eigenen Gesellschaftsspiele bastelt, schreibt und illustriert Jonas mit Feuereifer Bücher. Obwohl niemand ihn korrigiert, klappt das Rechtschreiben immer besser, das beweist ein Blick in seine Werke, die er stolz zeigt.

Einfälle und Energie

Bücher sind auch die große Leidenschaft von Nadia Walter (Name geändert). Nadia ist acht Jahre alt, lebt mit ihren Eltern in der Region Stuttgart und hat noch nie eine Schule besucht. Irgendwie ist sie durch das Netz der Behörden gerutscht. Nadias Mutter sagt, sie würde die Schulbesuchspflicht „sofort und bedenkenlos aufheben“. Addieren lernen montags von 8 Uhr bis 8.45 Uhr, Lesen üben zwischen 10.30 Uhr und 11.15 Uhr – dass ihre Tochter vorgeschrieben bekommt, womit sie sich in welchem Moment zu beschäftigen hat, hält Pia Walter für kontraproduktiv. „Vielleicht ist genau dieser Moment der falsche für dieses Thema“, sagt sie.

Was Kinder bräuchten, das sei Lernfutter und jemanden, der sie wahrnehme. „Sie sprühen vor Einfällen und Energie.“ Die Schule aber habe ständig ein Augenmerk darauf, was Kinder nicht können. „Dieses Rasterdenken ist ermüdend. Wir brauchen doch Menschen, die kreativ denken können, die Lösungen finden für Probleme.“ Freilerner, sagt Pia Walter, gingen ihrer Erfahrung nach viel ruhiger und höflicher miteinander um als ihre Altersgenossen. „Sie sind nicht so wettbewerbsorientiert. Dieses Ich-bin-besser-als-du kommt nicht so häufig vor.“ Nadia hüpft derweil durch den Garten und ruft: „Mama, ich will eine Rechenaufgabe.“ Dann stellt sie sich selbst eine: „Acht minus 100?“ und gibt sich prompt die Antwort: „Minus 92.“

Was passiert, wenn Jonas, Nadia oder Anna eines Tages zur Schule wollen? „Man geht den Weg, den das Kind andeutet“, sagt Alexander Harm. „Wenn es in die Schule will, ist es nicht unsere Aufgabe zu sagen: Das finden wir schlecht.“ Natürlich wollten es Kinder ihren Eltern recht machen, ihnen gefallen. „Aber spätestens in der Pubertät werden sie uns sagen, wenn sie etwas anderes wollen.“ So sehen das auch die Walters und die Seibolds. „Ich will das Beste rausholen, was ich kann, für mein Kind“, sagt Tina Seibold. „Es soll lernen, wie es durchs Leben kommt und dabei glücklich ist.“

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