Die gallischen Dörfer Stuttgarts Ti amo, Eckkneipe

Eine Eckkneipe erzählt mehr Geschichte als eine Stadtführung. Foto: dpa
Eine Eckkneipe erzählt mehr Geschichte als eine Stadtführung. Foto: dpa

Deine Eckkneipe ist immer für dich da: Unser Autor schwärmt von einer langsam verschwindenden Institution im Gentrifizierungswahn der Innenstädte - und einem Stuttgart, das zwischen Bierdeckeln, Barhockern und schummrigem Licht allerhand Anekdoten auf Lager hat.

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Stuttgart – Die Eckkneipe ist vielleicht der letzte Ort der Großstadt, der wirklich egalitär ist. Dem es egal ist, wie du aussiehst, wo du herkommst, wie viel du verdienst und wie viel Yoga du machst.

Ein Stück alte Gastronomiekultur, eine alte Sage, gebeizt von Zigarettenrauch und verschüttetem Bier. Die Eckkneipe ist der letzte Mythos der Großstadt, ein letztes kleines Stück Halbleben, ein verlebtes Relikt aus einer Zeit, in der auch Stuttgart einen Kiez hatte.

Orte wie diese gibt es nicht mehr viele in der Großstadt. Sie mussten durchgestylten Cocktailbars weichen, in denen das Servicepersonal so aussieht wie aus einem Friseurprospekt, mussten Shisha-Lounges, Wettbüros oder hippen Tagescafés Platz machen, in denen jetzt eher zu Chai Latte über Babyyoga gesprochen wird, anstatt bei Schnaps und Kippen über die großen Zusammenhänge des Universums zu schwadronieren.

Schwarze Löcher und interstellare Entfernungen

Solche Gespräche, die funktionieren aber nur in Eckkneipen. Das Abdriften ins Metaphysische, das ins Bier staunen, während man über schwarze Löcher oder interstellare Entfernungen philosophiert. Das Gespräch mit dem in sich versunkenen Sitznachbar, der beim Stichwort Rolling Stones plötzlich putzmunter wird. Beim Betreten lässt man ein Stück von sich zurück, hüllt sich in den Dunst einer stehengebliebenen Zeit, macht sich frei vom Lärm und dem Tempo der großen Stadt.

Hier drinnen an der Bar, im schummrigen Licht viel zu lange nicht abgestaubter Lampenschirme, steht die Zeit. Hier drinnen will niemand mithalten mit dem da draußen, will sich abkapseln, eine Zeitlang auf der Insel der Glückseligen stranden. Hier wird kein fünffach gehopftes und mit Quitten eingebrautes IPA serviert, hier trinkt man eine ehrliche Halbe. Die Welt ist kompliziert genug. Die Eckkneipe gibt, ohne zu nehmen, empfängt ohne zu urteilen. Sie ist für die da, die sie brauchen, die Schutz und Zuflucht suchen vor den Unwägbarkeiten des Lebens, das draußen wartet.

Fels in der Brandung

Eine Eckkneipe erzählt mehr Geschichte als eine Stadtführung. Auf den Barhockern haben sich mehr Schicksale abgespielt als im Rest der Stadt, die Patina an einem solchen Ort ist reich an Anekdoten, voller Erinnerungen an Gelächter und an Tränen. An Orten wie diesen ist der Schleier der Realität dünner als anderswo. Hier hat alles eine Geschichte, jeder Nippes auf einer Anrichte, jedes Bild an der Wand, jede Falte im Gesicht langjähriger Stammgäste.

Die Eckkneipe ist ein organisch gewachsener Ort, ein Fels in der Brandung einer sich immer schneller verändernden Stadt. Mehr Seele findet man in Stuttgart nicht – in keiner noch so teuer eingerichteten Bar. Das echte Stuttgart findet nicht in der angesagten Neueröffnung statt. Das echte Stuttgart gibt es nur hier, in der Eckkneipe, abgeschirmt von den Vorgängen im Fenster. Am Tresen der Ecknneipen dieser Stadt habe ich mehr erlebt, mehr gesehen und mehr gelernt also sonstwo.

Gallisches Dorf

Weder sollen diese Zeilen Rausch oder Sucht glorifizieren und verharmlosen. Vielmehr soll der Wert einer solchen Institution herausgestellt werden. Ohne Schutzräume wie sie, ohne diese kleinen gallischen Dörfer, wären viele Menschen haltlos, elendig verlassen. Ein guter Eckkneipenwirt kennt seine Gäste, hat ein Auge auf sie und schenkt irgendwann auch mal nichts mehr aus. Ein Job, der mehr Fingerspitzengefühl, Empathie und Menschenkenntnis erfordert als Arzt, Psychologe und Erzieher zusammen.

Doch die Eckkneipe hat es nicht leicht. Sie ist eine aussterbende Art, bedroht von schicken, aber generischen Spots, die hier in Stuttgart nicht anders aussehen als in Berlin oder Kopenhagen. Ohne Charme, ohne Leben, ohne Erinnerungen an ein anderes Stuttgart. Die Menschen in den Eckkneipen, sie können davon noch erzählen. Aber wie lange noch?




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