„Die ganze Welt ein Bauhaus“-Schau im ZKM Ein neues Menschenbild geht um die Welt

Aschenbecher, Teekannen, Vasen: Besucher begutachten im Karlsruher ZKM Bauhaus-Produkte in einer Vitrine. Foto: Felix Grünschloss 2019

Das Institut für Auslandsbeziehungen präsentiert im Karlsruher ZKM die letzte große Bauhaus-Schau im zu Ende gehenden Jubiläumsjahr. Die Ausstellung legt eindruckvoll dar, welchen Nachhall die legendäre Kunstschule in aller Welt erzeugt hat.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Karlsruhe - Sie pfeifen auf das Alte, die Tradition, auf alles das, was war. Keck und spitz streckt der Maler und Bauhaus-Lehrer Fritz Kuhr der Kamera die Zunge heraus; bei der Architektin und Möbeldesignerin Kath Both kommt diese Ihr-könnt-mich-mal-Geste auf einem anderen Foto aus dem Jahr 1927 deutlich inbrünstiger rüber – mit zusammengekniffenen Augen und weit aufgerissenem Mund. Später wird die Bauhaus-Studentin sagen: „Gelernt haben wir nix, wir haben nur unseren Charakter gefestigt.“

 

Die Bauhäusler selbst verstanden sich als erste Vertreter des neuen Menschentyps, den die von 1919 bis 1933 erst in Weimar, dann in Dessau und Berlin bestehende Kunstschule auf die Welt loslassen wollte, um sie umzukrempeln. Der Schulgründer Walter Gropius machte in seinem Manifest 1919 klipp und klar, dass man nicht Künstler ausbilden, sondern eben gleich „einen neuen Menschen“ bilden wolle.

Der aber hatte unterschiedlichste Gesichter. Als eine der widersprüchlichsten Hauptfiguren des Bauhaus-Personals gilt bis heute der Vorkursleiter Johannes Itten, der die sektenähnliche Mazdaznan-Lehre als Wegweiser für die menschliche Rundumerneuerung hernahm – samt ihrer rassistischen Ausprägung. „Es ist diese Vielseitigkeit des Bauhauses, die wir mit der Ausstellung zeigen wollen. Denn das Bauhaus gab es nicht!“, sagt Boris Friedewald, Kurator der vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen getragenen Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ (bis 16. Februar). Der Titel ist ein Zitat eben jenes die Zunge zeigenden Fritz Kuhr, der darin 1928 die auf die Auflösung der Grenzen zwischen Kunst, Handwerk und Technik abzielende Bauhaus-Lehre auf den Punkt bringt.

Karlsruhe ist die einzige deutsche Station

In schwarzen, wild tanzenden Buchstaben, von denen jeder seinen eigenen Kopf zu haben scheint, springt einem der Ausstellungstitel im Karlsruher ZKM – Zentrum für Kunst und Medien auf einer weißen Wand entgegen. Die Typografie, wohl bemerkt nicht etwa von Bauhäuslern, sondern von zeitgenössischen Grafikern aus Berlin kreiert, versinnbildlicht so nicht nur die Gestaltungswut, sondern auch den Facettenreichtum der Institution.

Die Wanderausstellung, die schon in Argentinien, Mexiko, Uruguay und den USA zu sehen war, hat mit Karlsruhe ihre erste und einzige deutsche Station erreicht; es ist die letzte große Bauhaus-Schau im zu Ende gehenden Jubiläumsjahr, und man sollte sie nicht verpassen. Denn der Kurator Friedewald arbeitet wissenschaftlich fundiert, mit einem enormen Reichtum an Details die Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit der Bauhaus-Lehre und -Produkte heraus, beweist die nötige Trennschärfe im Hinblick auf andere Moderne-Bewegungen und versteht es zudem, die Materialfülle in acht Kapiteln klar zu gliedern.

Der Auftakt-Abschnitt „Gesamtkunstwerk“ etwa nimmt die Synthese aller Künste in den Blick; die Abteilung „Kunst Handwerk Technik“ führt vor, wie sich beim Gestalten schnell die Richtung verschob: vom individuell gefertigten Einzelstück hin zur industriellen Serienprodukt; am Ende des Parcours schildert eine Station, wie Schweben und Schwerelosigkeit sich als durchgehende Metapher für den modernen Lebensentwurf in Architektur, Möbeldesign und Kunst findet, bis hin zu Fotografien von Schülern, die förmlich abzuheben scheinen. Hörstationen vermitteln die Zwistigkeiten innerhalb der Schule sowie kritisches Feedback von außerhalb; die Rezeption nach 1945 bis heute spiegelt sich in Plakaten mit Zeitungs-Zitaten. Die „Stuttgarter Zeitung“ 1968: „Die Bauhaus-Idee ist so aktuell wie je.“

Das Ausstellungsdesign kommt mehr als schlicht daher, was freilich den Praktikabilitäts-Zwängen einer Wanderausstellung geschuldet sein dürfte. Vor allem der Kopf bekommt an den Stellwänden mit einer Überfülle an Texten, Dokumenten, Bildern, Fotografien Futter. Zu sinnlichen Verschnaufpausen laden einige wenige Architekturmodelle, etwa jenes von Mies van der Rohes gläsernen Hochhaus-Visionen, ein sowie etwa eine Stuhlreihe, zwei Wagenfeld-Lampen und eine Reproduktion von Peter Kelers berühmter Grundfarben-Wiege.

Mit Adolf Hölzel aus Stuttgart fing alles an

Das zweite Argument für eine Empfehlung: Die Ifa-Schau nimmt das titelgebende Kuhr-Zitat ganz wörtlich. Sie weitet den Blick über Deutschland hinaus und richtet ihn auf der die Ausstellungsfläche eingrenzenden schwarz gefärbten Wand auf die Avantgarden und Modernen in den USA, in Russland, Argentinien, Mexiko, Chile und Marokko; hierfür wurden jeweils eigene Kuratoren gewonnen.

Diese Horizonterweiterung ist ein Novum – in den bisherigen ausländischen Stationen war lediglich der eigentliche Bauhaus-Kern zu sehen. Dieser transkulturelle, die Wirkmacht thematisierende Teil macht den Rundgang zum doppelten Gewinn; dass er mit einem Schlaglicht auf Adolf Hölzel als „spiritus rector“ beginnt, ist nur folgerichtig. Der an der Stuttgarter Kunstakademie lehrende Maler bereitete mit seinem von den Mitteln ausgehenden Kunstbegriff der Bauhaus-Lehre den Weg.

Sozusagen von Stuttgart geht die Reise dann etwa nach Moskau, wo nahezu zeitgleich zum Bauhaus die Avantgarde-Kunstschule VChUTEMAS gegründet wurde, mit der etwa durch Doppel-Lehrtätigkeiten enge Beziehungen bestanden. Oder nach Chile, wo Carlos Isamitt 1928 die Kunsthochschule in Santiago de Chile radikal reformierte, indem er Kunst und Kunstgewerbe zusammenführte und die indigene Kultur in die Ausbildung integrierte. Das Motiv der Distel, das etwa Johannes Itten in seinen Bauhaus-Zeichenübungen sensorisch ergründen ließ, wurde von Isamitts Studenten in geometrisierte, indigene Muster überführt. Auf den wohl fruchtbarsten Boden überhaupt fiel das Bauhaus-Erbe in den USA – die Schau schlüsselt die vielfältigen Hintergründe dafür auf, wobei einer davon die unermüdliche Selbstpromotion des Bauhauses war, das mit dieser Form der PR-Arbeit seiner Zeit weit voraus war.

Anwerbe-Schreiben in die ganze Welt

So hatten die Bauhaus-Produkte von Anfang an ihren Platz in der Welt, wurden schon 1922 in Wien, Amsterdam und in New York verkauft. Auch die erste Bauhaus-Ausstellung überhaupt fand 1922 nicht etwa in Weimar statt, sondern in Kalkutta. Das Bauhaus war seine gesamten vierzehn Jahre lang höchst international, mit Promi-Besuchern wie etwa Solomon R. Guggenheim und Marcel Duchamp genauso wie mit Exoten wie dem nordindischen Sufi-Meister Pi-o Murshid Hazrat Inayat Khan, der über „The Nature of Art“ sprach. Im Abschnitt „Begegnungen“ findet sich das von Walter Gropius versandte Anwerbe-Schreiben, mit dem er Studierende aus aller Welt nach Weimar locken wollte. Seine Bemühungen waren erfolgreich, wie eine Liste beweist, die 1929 unter 140 „Bauhäuslern“ 30 Ausländer vermeldet und die Nationalitäten aufschlüsselt. Einen holländischen Interessenten klärte man brieflich über das Anmelde-Procedere auf – alles kleingeschrieben: „wir schreiben alles klein, denn wir sparen damit zeit“, informiert eine orangefarbene Zeile am unteren Papierrand über das rationalistische Credo.

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