Die Gebärdensprachen-Dolmetscherin Tanja Lilienblum-Steck aus Waiblingen Sprache der Stille
Gebärdensprache ist dreidimensional – und ein eigener Kosmos. Die Dolmetscherin Tanja Lilienblum-Steck fühlt sich seit fast 40 Jahren darin zuhause.
Gebärdensprache ist dreidimensional – und ein eigener Kosmos. Die Dolmetscherin Tanja Lilienblum-Steck fühlt sich seit fast 40 Jahren darin zuhause.
Es ist der 10. Oktober 2024. Heike Heubach tritt ans Pult des Deutschen Bundestags. Während ihrer vierminütigen Rede geht es um Dinge wie bezahlbaren Wohnraum und klimaangepasstes Bauen. Keine besonders neuen Themen, und doch eine Premiere im Hohen Haus: Denn die 44-jährige gebürtige Rottweilerin, die erste gehörlose Abgeordnete in Berlin, spricht in Gebärdensprache. Eine Dolmetscherin übersetzt ihren Vortrag simultan in die Lautsprache. Am Ende gibt es von allen Seiten lauten und auch stillen Applaus – in Form von hochgestreckten, winkenden Händen.
Eine Sternstunde nicht nur für die Sozialdemokratin Heubach, sondern auch für Tanja Lilienblum-Steck im 600 Kilometer entfernten Waiblingen. Die 52-Jährige ist staatlich geprüfte Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache und beeidigte Verhandlungsdolmetscherin.
Sie sieht sich vor allem als Brückenbauerin. „Gehörlosigkeit ist kein Defizit. Für mich ist es eine eigene Kultur mit eigener Sprache“, sagt sie. Manchmal stellt sie sich vor, wie es wäre, wenn die Leute allerorts Gebärdensprache lernten. „Dann würden gehörlose Menschen an keine Barrieren mehr stoßen.“ Davon ist unsere Gesellschaft noch ziemlich weit entfernt, auch wenn an einigen Hamburger Schulen die Gebärdensprache inzwischen als Wahlpflichtfach angeboten wird – wie Englisch oder Französisch.
Seit fast 40 Jahren ist Tanja Lilienblum-Steck in der Gebärdensprachgemeinschaft beheimatet. Beruflich wie privat. Als 13-jähriger Teenager lernt sie in der Tanzschule ihrer Heimatstadt Freiburg zwei Brüder kennen. Einer davon taub, der andere schwerhörig. Die beiden kommunizieren in Gebärdensprache miteinander. Wie spannend! Sie kann ihren Blick kaum abwenden. Schließlich kommt sie irgendwie ins Gespräch mit ihnen und lässt sich gleich ein paar Gebärden erklären. Eine Freundschaft beginnt.
Und diese Sprache lässt sie nicht mehr los. Sie besucht einen Kurs an der Volkshochschule. Zehn Abende. Einmal nimmt die Lehrerin ihre Kursteilnehmer auch mit ins Freiburger Gehörlosenzentrum. „Damals, Anfang der 90er, war es noch nicht üblich, dass man Kontakte zu Gehörlosen hat. Das war für alle ein bisschen komisch“, erinnert sie sich. Doch einer spricht sie an – „sehr schön und sehr langsam“: Woher sie denn komme und warum sie hier sei? Die beiden sind sich bis heute verbunden geblieben. „In meinem Freundeskreis beherrschen die meisten die Gebärdensprache“, sagt sie.
In Deutschland gibt es laut dem Gehörlosenbund etwa 80 000 Gehörlose. Sie bezeichnen sich selbst als gehörlos oder taub. Der Begriff taub zielt dabei auf die Identität des Menschen, gehörlos steht eher für die medizinische Tatsache, dass jemand nicht hören kann. Der Begriff „taubstumm“ wird nicht mehr verwendet. „Dieses Wort ist eine krasse Beleidigung“, sagt Tanja Lilienblum-Steck.
Die Gebärdensprache ist ein visuelles System, ein ausgefeiltes intensives Zusammenspiel von Gebärden, Mimik, Kopf- und Körperhaltung sowie Mundbewegungen. Im Gegensatz zur Lautsprache erfordert sie Blickkontakt. „Wir arbeiten im Gebärdenraum“, wie es Tanja Lilienblum-Steck ausdrückt. Das Schwierige für Hörende sei, den Schritt in eine dreidimensionale Sprache zu gehen. „Ich glaube, man braucht ein Sprachtalent. Und es ist natürlich gut, wenn man sich Dinge räumlich vorstellen kann.“ Sie legt die Hände aneinander, öffnet sie, zeigt dann auf ihr Gegenüber. Das heißt: Ich gebe dir ein Buch. Drei Gesten für fünf Wörter.
„Gebärde ist viel direkter als die deutsche Lautsprache, weil man die Dinge anspricht, die man sieht“, sagt Tanja Lilienblum-Steck. Wäre jemand dick, würde das in Gebärde konkret formuliert als: „Du bist aber dick geworden.“ Keiner wäre beleidigt.
Tanja Lilienblum-Steck fühlt sich wohl im Kosmos beider Sprachen. Es mache sie glücklich, sagt sie, wenn das, was die taube Person vorträgt und verkörpert, auch wirklich so beim Publikum ankommt. Wenn sie merke, dass sie Menschen die Chance geben kann, einander kennenzulernen.
Es gibt nicht nur die eine Gebärdensprache. Sie variiert international, und auch innerhalb eines Landes gibt es unterschiedlichste Ausformungen und Dialekte. In Deutschland ist seit 2002 die Deutsche Gebärdensprache gesetzlich anerkannt und den Lautsprachen ebenbürtig. Das Berufsbild des Gebärden-Dolmetschers ist nicht geschützt. Theoretisch könnte sich jeder, der zwei Gebärdenkurse hinter sich gebracht hat, Dolmetscher nennen. Es gibt staatlich anerkannte Abschlüsse wie Diplom, Bachelor, Master. Und staatlich geprüften Dolmetscher. Der Bundesverband der Gebärdensprachdolmetscher mit seinen elf Landesgruppen hat rund 600 Dolmetscher. Tanja Lilienblum-Steck ist eine davon.
Sie absolvierte ihre Ausbildung an der Paulinenpflege in Winnenden. Eine Freundin war überzeugt: „Du bist so ein Talent, du musst das machen.“ Das war 2001. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie schon gut zehn Jahre in ihrem Beruf als Anwaltsfachangestellte in Stuttgart und dolmetschte manchmal für Freunde oder wenn irgendwo akute Dolmetscher-Not herrschte. Die Aufträge wurden immer mehr. Nach und nach reduzierte sie ihre Arbeit in der Kanzlei. Seit fünf Jahren ist sie hauptberufliche Dolmetscherin, übersetzt für Firmen, Ämter, Privatpersonen. Begleitet Azubis in den ersten Tagen beim neuen Betrieb und Senioren zu Arztterminen.
Bei Vorstellungsgesprächen lässt sie sich vorab den Lebenslauf und die Stellenausschreibung aushändigen, bei Fachvorträgen liest sie sich zunächst in die Materie ein. Falls sie mal eine Gebärde nicht kennt, benutzt sie Wörterbücher oder fragt in der Gehörlosengemeinschaft nach Rat.
Denn auch diese Sprache ist nicht statisch, sie entwickelt sich ständig fort. Interessant wird es, wenn zum Beispiel neue Politiker ins Rampenlicht treten. Dann beschäftigt sich die Community eingehend mit der Person, Diskussionen in Sozialen Medien starten. Am Ende setzt sich die weithin anerkannteste Gebärde durch.
Manchmal ändert sie sich auch wieder. Angela Merkel wurde zu Beginn ihrer Karriere mit einer Geste verkörpert, die einen Pagenschnitt beschrieb. Später setzte sich die typische Raute durch. Ursula von der Leyen wird mit dem Griff an einen imaginären Kragen angedeutet – die einen sagen wegen ihrer Vorliebe für Blusen, die andere wegen ihres langen schlanken Halses. Donald Trump charakterisiert eine Klappbewegung auf dem Kopf, die natürlich auf sein eindrucksvolles Haupthaar abzielt.
Viele Hörende glauben, sagt Tanja Lilienblum-Steck, dass alle Gehörlosen perfekt von den Lippen lesen könnten. Doch viele Laute werden hinten im Mund gebildet. Der Rest muss aus der Situation heraus interpretiert und mit anderen Infos kombiniert werden – wie bei einem Lückentext. „Das ist immer sehr anstrengend. Manche sprechen zu schnell oder drehen sich weg.“
Als belastend empfindet sie, wenn hörende Menschen auf taube herabsehen. Das fange schon damit an, dass sie ihnen beim Gespräch nicht ins Gesicht schauen. Immer wieder erlebe sie auch, dass taube Menschen trotz ihrer Qualifikation am Schluss eine Stelle doch nicht bekommen. Da heiße es dann lapidar, der- oder diejenige könne halt leider nicht telefonieren. Inklusion bedeute jedoch, sagt Tanja Lilienblum-Steck, den Blick zu verändern. Das Potenzial des Gegenübers zu sehen, nicht die Defizite. „Ein super talentierter Programmierer muss doch nicht hören können. Ich glaube, dass viele Leute da einfach noch nicht angekommen sind.“
Ein sehr emotionales Erlebnis hatte sie mit dem Jungen Ensemble Stuttgart. Ein Projekt brachte hörende und taube Kinder für ein Theaterstück zusammen. Anfangs seien es noch zwei streng getrennte Gruppen gewesen – die Gehörlosen und die Hörenden. Nach ein paar Probentagen aber sei es darum längst nicht mehr gegangen. „Da waren einfach nur Kinder, die gemeinsam ein wunderbares Theaterstück auf die Beine stellten. Es hat mich glücklich gemacht.“
Im Dezember wird sie mit „Peter Pan“ in Weimar auf der Bühne stehen. Das Ein-Personen-Stück hat sie bereits in Karlsruhe gedolmetscht. Sie freut sich darauf. Insgesamt gebe es noch viel zu wenig solcher Angebote, findet sie. Es sei in den Köpfen noch nicht wirklich angekommen, dass Teilhabe an der Gesellschaft ein Menschenrecht ist – „ob es um kulturelles oder politisches Leben geht“. Sie will dazu ermutigen, Türen für andere aufzumachen, die sonst vielleicht nicht reinkommen würden – auch wenn es etwas unangenehm oder unbequem erscheint.
„Ich glaube, dass die Zeit dafür gekommen ist, dass auch die tauben Menschen auf den Bühnen stehen“, sagt Tanja Lilienblum-Steck. Denn die wollten ja auch zeigen, was sie können. „Und dann machen wir vielleicht umgekehrte Inklusion – und es wird für die Hörenden gedolmetscht.“ Wie neulich im Bundestag bei Heike Heubach.