Die gefährlichen Seiten des Bodensees Baden-Württembergs wildes Wasser

Jedes Jahr werden Wassersportler von plötzlich losbrechenden Föhnstürmen überrascht. Foto: Jens Kaiser

Der Bodensee gilt als Badewanne Baden-Württembergs. Doch noch immer fordert er im Schnitt jährlich fünf Todesopfer. Eine Ausstellung in Konstanz spürt nun der gefährlichen Seite des drittgrößten Binnengewässers Mitteleuropas nach.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Konstanz - Schwarze Gewitterwolken über einer riesigen tosenden Seefläche, darauf schaukeln Tausende Bretter, Brennholzstapel und ganze Baumstämme. Wochenlang hat es im östlichen Hinterland des Bodensees geregnet. Über dem österreichischen Vorarlberg gehen orkanartige Stürme nieder. Die Ill, der größte Zufluss des Alpenrheins, schwillt an und reißt Brücken und Straßen mit sich. In St. Gallenkirch, einer kleinen Gemeinde im Montafon, werden die Kirche und der Friedhof überschwemmt, berichtet der Korrespondent der „Konstanzer Zeitung“ vom Hochwasser des Sommers 1910. Es kommt zu Szenen, die aus heutiger Sicht an einen Stephen-King-Roman erinnern. Särge werden aus den Gräbern gerissen. Über den Alpenrhein gondelt die schaurige Fracht in den See, der längst alle Ufer überschwemmt hat.

 

Es sind nicht die Bilder, die sich die Tourismusbranche am Bodensee wünscht. Eine glitzernde Wasserfläche vor einer imposanten Alpenkulisse, liebliche Weinberghänge und Obstbaumplantagen zwischen verschlafenen Dörfern und mittelalterlichen Städtchen, Segelschiffe und Ausflugsdampfer im Sonnenschein – all dies bestimmt heute wie vor 100 Jahren das Image des Bodensees. Dass er keineswegs nur eine riesige Badewanne ist, sondern bisweilen ein tückisches Gewässer mit plötzlich wechselndem Wetter, mit steil abfallendem Seegrund und einer maximalen Wassertiefe von 252 Metern – das ist tiefer als weite Teile der Nordsee – wird oft vergessen.

Tobias Engelsing, der Leiter der Konstanzer Museen, räumt mit der Vorstellung vom großen blauen Freizeitpark nun mit einer Ausstellung im Kulturzentrum am Münster und einem lesenswerten Begleitbuch gründlich auf. Bei der Vorbereitung hatte auch er mit der Verklärung zu kämpfen. „Vor der Erfindung der Fotografie ist es schwierig, überhaupt Bildmaterial zu finden, das auch die unerfreuliche Seite des Sees zeigt“, sagt Engelsing. Maler interessierten sich fast immer nur für die „blaue Idylle mit romantischen Buchten und heiteren Menschen beim Bade“. Das ist die Kunst, die sich verkauft.

Kaum ein Fischer konnte schwimmen

Für die Seebewohner war die Realität über Jahrhunderte eine andere. Das – nach Balaton und Genfer See – flächenmäßig drittgrößte Binnengewässer Mitteleuropas war für sie vor allem eines: eine lebensgefährliche Arbeitsfläche. Fischer gingen über Bord und ertranken, weil ihre schwere Arbeitskluft sie gnadenlos nach unten zog, wobei sie in der Regel sowieso nicht schwimmen konnten. Schiffer, die auf dem See die Waren transportierten, havarierten mit ihren schwerfälligen einmastigen Holzbooten.

Einen Prototyp, neun Meter lang und eine halbe Tonne schwer, hat Engelsing zum Kulturzentrum bringen lassen. Irgendwann war der 200 Jahre alte sogenannte Segmer im Untersee geborgen worden. Seither diente er bei der Groppenfasnacht im schweizerischen Ermatingen als Umzugsgefährt. Das passt. Feuchtfröhlich ging es an Bord schon zu, bevor die Narren das Steuer übernahmen. Trunkenheit zählte zu den häufigsten Unglücksursachen auf dem See. Kein Wunder: Beim Transport von 150 Fässern Wein stand im 16. Jahrhundert jedem Besatzungsmitglied einer Lädine, dem großen Lastkahn jener Zeit, ein Freitrunk von mehreren Litern zu.

Doch auch die Wetterverhältnisse taten ihr Übriges. „Der vorsichtige Schiffer hat gewisse Zeichen, an denen er den bevorstehenden Sturm erkennt“, berichtet 1808 der Schweizer Publizist Georg Leonhard Hartmann. „Rückt eine dicke schwarze Wolke heran, welcher ein weißgrauer Nebel vorhergeht, so ist heftiger Sturm nahe.“ Heute warnen mehr als 60 Sturmleuchten rings um den See vor schwierigen Wetterlagen. Unfälle gibt es dennoch. Statistisch gesehen sterben auf dem See jedes Jahr fünf Menschen beim Segeln, Schwimmen oder Tauchen. Bis zu 300-mal im Jahr müssen die Rettungskräfte auslaufen, um Menschen in Seenot zu retten.

„Bild“ berichter über den „Todessee“

Nicht immer gelingt es, die Toten zu bergen. Mehr als 70 Menschen sind seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 1958 nie wieder aufgetaucht, selbst wenn aufwendig nach ihnen gesucht wurde. Im Depot der Schweizerischen Seepolizei in Kreuzlingen hat Engelsing eine sogenannte Leichenangel ausgegraben. Sie war mit fünf Haken ausgestattet, die in weniger tiefen Abschnitten über den Seeboden gezogen wurden in der Hoffnung, der leblose Körper möge sich darin verfangen. Dass auf dem Seegrund manches schlummert, weiß auch das Landesdenkmalamt. Nach Erkenntnissen der Unterwasserarchäologen liegen allein im baden-württembergischen Seeteil 300 Wracks von größeren Booten, Dampfschiffen und Flugzeugen.

Der Bodensee sei ein „Todessee“, titelte im Jahr 1992 die „Bild“-Zeitung nach mehreren Todesfällen von Wassersportlern. Hoteliers und Gastwirte fürchten solche Schlagzeilen. Sie sind schlecht fürs Geschäft, auf wenn sie zumindest Katastrophentouristen anziehen. Solche gab es auch schon vor 100 Jahren. Scharenweise seien Schaulustige angereist, um sich das Ausmaß des Hochwassers anzusehen, berichtete die „Konstanzer Zeitung“. In Lustnau lasse eine überschwemmte Gaststätte die Gäste eigens mit dem Boot anlegen. Für ein gutes Auskommen reichte das jedoch nicht. „Selbstverständlich entwickelt sich auch die Reisesaison nicht wie sie sollte“, bedauerte ein Redakteur im Hochwasserjahr 1877. Die Gästebetten blieben leer. Ein gerade eröffnetes Hotel in Konstanz musste schon nach wenigen Monaten schließen.

Wie es zu den immer wieder verheerenden Hochwässern kam, haben die Menschen früh erkannt. Es ist das Zusammenspiel von früh einsetzender Schneeschmelze und gleichzeitigen starken Niederschlägen. „Durch den in vorigen jar gelegten großen Schne und desen schmelzunge in den hochen gebürgen und Regen wurd der Rhein sehr groß und wuchs der See“, schreibt ein Lindauer Chronist im Jahr 1565. Dass es sich gleichwohl um eine Strafe Gottes handele, stand für die damaligen Menschen außer Frage. Er habe sie warnen wollen, „die Hoffart, Unkeuschheit, Unmäßigkeit im Essen und Trinken, besonders aber den Eigennutz und andere Laster abzulegen“, erklärte ein eidgenössischer Landammann nach dem Hochwasser von 1566.

Die Natur schlägt zurück

„Dem modernen Menschen ist solch ein mythisches Denken fremd“, weiß Engelsing. Dabei gab es schon damals sehr wohl einen Zusammenhang zwischen menschlichem Handeln und den Auswirkungen der Katastrophe. Durch Abholzungen am Alpenrhein konnten die Böden das Wasser nicht mehr aufnehmen. Es riss Bäume, Ställe und Hütten hinfort. In Graubünden seien 72 Häuser mitgerissen worden, notiert 1762 ein Lindauer Schreiber. „Es sind Kinder in der Wiege daher gefahren und bis in den Bodensee gekommen.“

Die Natur schlägt zurück, würde man heute formulieren. Auch am Bodensee ist das – trotz einer weitgehend intakten Natur – ein großes Thema. Woche für Woche demonstrieren Schüler bei Fridays for Future für eine neue Klimapolitik. Der Konstanzer Gemeinderat hat als erster in Deutschland den Klimanotstand ausgerufen. Für Engelsing ist es eine interessante Wiederkehr. Die Natur, die seit der Aufklärung als zu formendes Objekt betrachtet wurde, wird plötzlich wieder zum Subjekt, das sich gegen die räuberischen Eingriffe des Menschen zur Wehr setzt.

Der wilde Alpenrhein wurde gezähmt und in ein künstliches Bett gezwungen. Dem Bodensee blieb ein solches Schicksal erspart. An fehlenden Ideen lag es nicht. Um den Seespiegel dauerhaft zu senken, war sogar an die Sprengung des imposanten Rheinfalls bei Schaffhausen gedacht worden. Letztlich scheiterten solche Überlegungen – zum Glück – an der Trinationalität des Sees und an der Unfähigkeit, die Kosten aufzuteilen. „Der gefährliche See“, wie Engelsing seine Ausstellung betitelt hat, hat dennoch viel von seinem Schrecken verloren. „Der gefährdete See“ könnte es heute im Anbetracht von jährlich 4,6 Millionen Touristen vielleicht eher heißen, findet auch der Museumsdirektor. „Wir brauchen einen bewussteren Umgang mit der Natur.“ Seine Ausstellung ist auch ein Angebot an die Touristen, sich darin zu üben.

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