Die Gegner von Stuttgart 21 Wir sind noch immer da!

Vor vier Jahren hat sich die Schorndorfer Initiative für K 21 gegründet. Und sie kämpft auch heute noch Woche für Woche gegen den geplanten Tiefbahnhof in Stuttgart. Ihr Credo: Es gibt immer ein Zurück.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)
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Schorndorf - Ein Mittwoch Ende Oktober. Im Landgericht warten etwa 30 Interessierte, unter ihnen der Schorndorfer Ernst Delle, 67. Bevor der pensionierte Mathematik- und Physiklehrer in Saal 18 gelassen wird, muss er seinen Schlüsselbund, seinen Geldbeutel, sein Handy und seinen Schirm abgeben, eine Sicherheitsschleuse passieren, die Arme waagrecht strecken und sich von Brust bis Unterschenkel von einem Polizeibeamten abtasten lassen. Delle lässt die Prozedur schweigend über sich ergehen. Die Frau hinter ihm trägt ein T-Shirt, auf dem ein Wasserwerfer abgebildet ist, darunter die Aufschrift: „I survived Stuttgart 21“. Die Stuttgart-21-Überlebende übergibt den Polizisten einen Holzblock, offenbar aus Protest gegen die strengen Kontrollen. Von hinten ruft jemand: „Das sind ja Stasimethoden hier! Reine Schikane!“

Es ist der 21. Verhandlungstag im sogenannten Wasserwerfer-Prozess. Die Große Strafkammer versucht herauszufinden, wer die Verantwortung für jenen Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten trägt, der am 30. September 2010 völlig aus dem Ruder gelaufen ist. In den spärlich besetzten Zuschauerreihen nimmt als stiller Beobachter Ernst Delle Platz. Schräg vor ihm, auf der Nebenklägerseite, sitzt Dietrich Wagner, der nahezu blind ist, seit ihn die Staatsgewalt mit einem Wasserstrahl wuchtig in Augenhöhe getroffen hat. Referiert wird an diesem Vormittag eine Aussage des seinerzeit zuständigen Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf. Der habe, so ist zu hören, bei der Räumung des Schlossgartens „eher einen Wasserregen“ wahrgenommen. Höhnisches Gelächter im Gerichtssaal, die Richterin zischt „Pssst!“. Ernst Delle schüttelt bloß den Kopf.

Vor gut vier Jahren hat sich die Schorndorfer Initiative für K 21 gegründet. Es ist eine von vielen Gruppen in der Region, die nach wie vor für die Erhaltung und die Modernisierung des historischen Stuttgarter Kopfbahnhofs kämpfen. Ernst Delle, der Sprecher der Schorndorfer, ist ein typischer Vertreter dieser Bewegung: ehemaliger Gewerkschafter, ehemaliger Grünen-Stammwähler, nun ruheloser Rentner. Delle kann bis ins kleinste Detail über integrale Taktfahrpläne, störungsanfällige Mischverkehre oder ökologische Stadtentwicklung dozieren. Er benutzt sperrige Vokabeln wie Brandschutzdefizit, Leistungsrückbau und Kostenexplosion. Doch im Grunde würden ihm drei simple Worte und eine zweistellige Zahl reichen, um seine Meinung zu formulieren: Stuttgart 21 ist Mist.

Montag. Wie immer haben sich Ernst Delle und seine Mitstreiter im Schorndorfer Bahnhof am Fahrkartenautomaten getroffen und sind mit dem Regionalexpress um 17.14 Uhr nach Stuttgart gefahren. Eine Dreiviertelstunde später stehen sie mit 1500 Gleichgesinnten auf dem Marktplatz. Die Moderatorin der 244. Montagsdemonstration ruft: „Wir sind nicht kleinzukriegen!“ Der Hauptredner ist an diesem Abend Eisenhart von Loeper. Der Rechtsanwalt, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Sprecher des Aktionsbündnisses, tritt ans Mikrofon und liefert den aktuellen Sachstand: Zwei Urteile des Verwaltungsgerichts Mannheim böten „eine neue Angriffsfläche“, die Strafanzeigen gegen Bahn-Manager bekämen „einen kräftigen Schub“, und im Übrigen werde man weiter darauf hinwirken, „dass das Projekt Stuttgart 21 an seinem abgründigen Blödsinn zerbricht“. Das Publikum klatscht und ruft den bewährten Schlachtruf: „O-ben blei-ben! O-ben bleiben!“

Es gibt ein Zurück, glaubt Ernst Delle

Die Volksabstimmung ergab vor drei Jahren eine Mehrheit für Stuttgart 21, der neue Tiefbahnhof wird längst gebuddelt, im Schlossgarten klafft ein tiefes Loch. Es gibt kein Zurück mehr. „Stimmt nicht“, sagt Ernst Delle. „Erst zwei von 62 Kilometern Tunnel sind gebaut. Ich sehe eine reelle Chance, dass dieser Wahnsinn im nächsten Jahr ein Ende hat.“ Seine Ehefrau Eva-Maria Hartmann kommt vorbei, sie hält eine grüne Spendendose mit der Aufschrift „Parkschützer“ in der Hand. Etwa 2000 Euro verschlingt eine Montagsdemo, der Veranstalter, ein Verein namens Umkehrbar, hat im vergangenen Jahr insgesamt 270 000 Euro eingenommen. Davon wurden nicht nur die Bühne und die Lautsprecheranlage bezahlt, sondern auch Anwälte diverser gerichtlicher Auseinandersetzungen sowie ein Parkschützerbüro in der Urbanstraße.

Kurz vor sieben setzt sich der Protestzug in Bewegung. Die Strecke variiert von Woche zu Woche, diesmal führt sie vom Marktplatz vor die Außenstelle des Eisenbahn-Bundesamtes in der Olgastraße. Der Charlottenplatz wurde von der Polizei abgesperrt, als ihn die 1500 Demonstranten passieren, staut sich der Feierabendverkehr zwischen Bad Cannstatt und dem Heslacher Tunnel. Schön ist das nicht für die Unbeteiligten in der Autokolonne, die von der Arbeit kommen und gerne heim zu ihren Familien wollen. So sei das nun einmal bei einer Demonstration, sagt Ernst Delle und erzählt von Anti-Atomkraft-Protesten in Gorleben, Wackersdorf oder Mülheim-Kärlich, bei denen er einst dabei war: „Im Vergleich dazu herrscht hier eine angenehme Atmosphäre. Es gibt in Stuttgart keinen schwarzen Block und keine Ausschreitungen.“ Die Sicherheitsbehörden scheinen die Lage anders einzuschätzen. Ein immenses Polizeiaufgebot begleitet den Protestzug – Beamte zu Fuß, im Einsatzfahrzeug, auf Motorrädern und hoch zu Ross.

Zur ersten Montagsdemonstration vor fünf Jahren erschienen nicht einmal zehn Teilnehmer. Eine Woche später waren es schon fünfzig, am Montag darauf einige Hundert. Nach dem missglückten Polizeieinsatz im Schlossgarten versammelten sich Zigtausende. Wie in jeder riesigen Herde gab es ein paar schwarze Schafe, die Straßen blockierten, Zäune umwarfen, Baustellen besetzten. Mittlerweile ist der Stuttgart-21-Widerstand auf eine vierstellige Zahl von braven Bürgern geschrumpft, deren wildeste Protestform darin besteht, zu trommeln und zu tröten.

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