Die Generation Ü50 Im Bann der Filterblasen gefangen
Immer mehr Menschen 50+ radikalisieren sich in Online. Die Pädagoginnen Sarah Pohl und Mirijam Wiedemann warnen vor einer unterschätzten Gefahr.
Immer mehr Menschen 50+ radikalisieren sich in Online. Die Pädagoginnen Sarah Pohl und Mirijam Wiedemann warnen vor einer unterschätzten Gefahr.
Im WhatsApp-Status von Freunden tauchen plötzlich zig Online-Petitionen auf. Gegen den „Impf-Wahnsinn“ oder die „Corona-Diktatur“ kann man da unterschreiben. Auch in anderen sozialen Netzwerken erhält man plötzlich viele Nachrichten von Bekannten oder Kontakten, die vor den Maßnahmen „warnen“. Influencer fluten soziale Netzwerke mit Inhalten zu alternativen medizinischen Maßnahmen – in ihren Videos und Reels erklären sie, warum die sogenannte „Schulmedizin“ angeblich nur im Dienst der bösen Pharmaindustrie stehe. Während man mit Nahrungsergänzungsmitteln, Klopftechniken und homöopathischen Mitteln gefährliche Viruserkrankungen ganz leicht in den Griff bekommen könne.
Was auffällt: Die Freunde, die nach und nach in diese eigenen Welten abgedriftet sind, sind meist deutlich älter. Auch bei Familien- und Verwandtschaftstreffen nehmen sie zu: Menschen über 50, die sich übers Internet radikalisiert haben, die dem Staat und der Wissenschaft abgeschworen haben. Sie sind seit der Pandemie vermehrt in Online-Filterblasen gefangen und generieren dort ihre eigenen Realitäten zu gesellschaftlichen Debatten und medizinischem Wissen.
Junge Menschen, die sich radikalisieren und zum Beispiel in rechtsextreme oder islamistische Kreise abdriften, das ist ein bekanntes Phänomen. Dass junge Menschen empfänglicher sind für extreme Gruppen, liegt teils auch in dem großen Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu exklusiven Gruppen, aber auch in der Suche nach Identität und Abgrenzung vom Elternhaus begründet. Jugendliche Protestformen sind gut erforscht.
Doch seit Corona beobachten Beratungsstellen vermehrt eine neue Zielgruppe: Ältere Menschen, die sich radikalisieren. Die Autorinnen und Pädagoginnen Sarah Pohl und Mirijam Wiedemann schreiben in ihrem Buch „Abgetaucht, radikalisiert, verloren? Die Generation 50+ im Sog der Filterblasen“, dass die Klientel, die zu ihnen kommt und Unterstützung fordert, sich in den letzten Jahren etwas gewandelt hat.
Häufig sind bei der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen in Baden-Württemberg (ZEBRA BW), wo Sarah Pohl tätig ist, und bei Mirijam Wiedemann im Kultusministerium nun erwachsene Kinder, die sich Sorgen um das Abdriften ihrer Eltern machen. „Während der Pandemie hatten viele Bedenken, was ihre Kinder betrifft. Inzwischen hat es sich umgedreht: Viele Kinder haben Probleme mit ihren Eltern oder Großeltern“, sagt Mirijam Wiedemann, seit 2017 die Leiterin der Geschäftsstelle für gefährliche religiös-weltanschauliche Angebote im Kultusministerium Baden-Württemberg. Vor allem in der Reichsbürger-Szene sowie bei den Querdenkern finde sich diese Gruppe wieder, aber oft auch losgelöst davon.
Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger: Kontaktbeschränkungen, Unsicherheit und Misstrauen gegenüber offiziellen Stellen trieben viele Menschen – besonders Ältere – in alternative Informationsräume. Facebook, Telegram-Gruppen und Youtube-Kanäle wurden zu neuen Bezugspunkten. Wer einmal in diese abgeschotteten Welten gerät, findet dort Gemeinschaft, Bestätigung – und meist auch eine radikale Ablehnung gegenüber Staat, Medien und Wissenschaft. Damit einher geht oft eine eigene Überhöhung durch den Glauben, über eine Art Geheimwissen zu verfügen, dass andere nicht haben. Die anderen werden dann gerne als ahnungslose „Schlafschafe“ bezeichnet.
Tobias Arthur Miller und Dennis Hebbelmann von der Kolping Hochschule haben das Phänomen mittels Experteninterviews im Rahmen des Forschungsprojektes „Rage – Rechtsextremismus im Alter“ für Baden-Württemberg untersucht. Bisher sei dieses Phänomen noch wenig untersucht, so die beiden Forscher.
Warum radikalisieren sich plötzlich so viele ältere Menschen? „Ein Grund ist sicher die mangelnde Medienkompetenz“, sagt Wiedemann. Dazu kommen in diesem Alter viele Änderungen, die mit Ängsten einhergehen können: Die Kinder ziehen aus, die Rente naht und die Gesundheit verschlechtert sich. Mit dem Auszug der Kinder endet teils die Elternrolle, die Struktur des Alltags fällt weg und mit dem Eintritt in den Ruhestand verlieren viele nicht nur ihre berufliche Funktion, sondern auch ihre Anerkennung. Dies kann bei vielen Sinn- und Identitätskrisen auslösen.
„Beides sind Lebensphasen, in denen sich emotionale Leere ausbreiten kann“, sagt Wiedemann. Diese werde dann oft mit der Nutzung von sozialen Medien gefüllt – und gerade ältere Menschen verfügten meistens über wenig digitale Medienkompetenz. „Sie sind daher besonders anfällig für Fake News, Filterblasen und Verschwörungserzählungen“, sagt die Pädagogin. Die Inhalte dort bieten vielen Menschen einfache Erklärungen für komplexe Weltprobleme, geben ihnen Struktur und vermitteln auch ein Gefühl von Bedeutung.
„Auch viele mit chronischen Krankheiten wenden sich esoterischen Heilmethoden zu, weil sie von der ‚Schulmedizin‘ enttäuscht, sind“, sagt die Pädagogin. „Vor allem dieser Punkt bietet eine hohe Anschlussfähigkeit zu Verschwörungstheorien.“ Was heißt: Gerade Menschen mit schweren und langwierigen Krankheiten suchen oft nach alternativen Wegen – damit sind sie auch leichte Opfer für Menschen, die ihr Geld damit verdienen, esoterische Heilmethoden zu verkaufen. „Da werden dann oft hohe Geldbeträge verschleudert, weil man so sehr an eine Heilung glauben möchte“, so die Erfahrung der Pädagogin aus ihren Beratungen.
„Da bräuchte es eigentlich ein Korrektiv von außen“, sagt Wiedemann. Oft passiere aber genau das Gegenteil. „Viele isolieren sich dann eher von ihrem bisherigen Umfeld. Das verstärkt die Filterblasenwirkung. Nun hilft es wenig, wenn Menschen in eigene Realitäten abdriften, ihnen zu sagen: ‚Hör auf, so ein Mist zu verzapfen.‘“ Meistens sind Betroffene nämlich sehr beratungsresistent.
„Rausholen“ könne man die Menschen also kaum, sagt Wiedemann. Sie rät aber trotzdem dazu, den Kontakt nicht abzubrechen. Bisweilen sind Betroffene jedoch recht herausfordernd, da sie gerne auch ein großes Sendungsbewusstsein haben. Man erinnere sich an die notorischen Impfgegner während Corona, die es oft geschafft haben, wirklich jedes Gespräch auf dieses Thema zu lenken. Wiedemann rät daher, im Gespräch zu bleiben, auch eventuelle tieferliegende Ängste anzusprechen wie Einsamkeit, die Gesundheit oder das Altern. „Ablenkung von den Filterblasen hilft oft mehr als ständig Studien aufzuzählen, die den anderen widerlegen sollen“, sagt sie.
Wichtig sei aber auch, sich selbst zu schützen. Das bedeute eben auch, sich nicht permanent auf Diskussionen einzulassen, sondern auch mal zu sagen, dass man sich doch darauf einigen könne, dass man bei dem Thema nicht dieselbe Meinung vertritt. Letztlich gehe es darum, dass Betroffene nicht das Gefühl von Zugehörigkeit verlieren. Dies verschlimmere oft die ganze Situation noch. „Man muss gar nicht immer in allen wesentlichen Punkten einer Meinung sein, man kann vieles auch tolerieren“, sagt Wiedemann. Unterschiedliche Meinungen aushalten zu können, sei ein wesentliches Merkmal pluraler Gesellschaften. „Aber man darf ruhig auf Grenzen setzen, wenn es sich um antidemokratische oder faschistische Einstellungen handelt.“
Als Beispiel nennt sie, dass viele sich derzeit Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen oder die Befürchtung haben, dass Deutschland vor einer Deindustrialisierung stünde. „Oft suchen Menschen dann nach Sündenböcken, um sich psychisch zu entlasten“, sagt Wiedemann. Hier könne man dann oft auch anführen, dass man diese Ängste selbst nicht so kenne oder einen anderen Umgang damit gefunden habe. „Es ist immer wichtig, dass Menschen ihre Ängste und Bedürfnisse äußern dürfen.“
Pohl und Wiedemann betonen aber, dass es ihnen mit ihrem Buch nicht um eine pauschale Abwertung der Generation 50 plus gehe, denn nicht immer führten Unsicherheiten und Ängste zu einer Radikalisierung.
Das Buch ist auch ein politisches Plädoyer: Noch immer konzentrieren sich Präventionsprogramme fast ausschließlich auf Jugendliche. Dabei zeigen Studien, dass zum Beispiel Reichsbürger und Querdenker oft ein Durchschnittsalter über 50 haben. Gewaltbereitschaft ist auch im Alter nicht auszuschließen, wie die mutmaßliche „Reichsbürger“-Terrorgruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß zeigt. Diese sollen einen gewaltsamen Umsturzes der Bundesregierung geplant haben.