Stuttgarter Raketenbaufirma Otrag Ein schwäbisches Himmelfahrtskommando

Firmenchef Lutz Kayser lässt in Afrika Raketen testen. Foto: Archiv
Firmenchef Lutz Kayser lässt in Afrika Raketen testen. Foto: Archiv

40 Jahre ist es her, dass der Stuttgarter Ingenieur Lutz Kayser in Zaire seine erste Rakete gezündet hat – und prompt in die Mühlen der Weltpolitik geriet. Ein Dokumentarfilm zeichnet die irrwitzige Geschichte nach.

Stuttgart - Am 17. Mai 1977 bohrt sich die erste Otrag-Rakete fast 15 Kilometer in den blauen Himmel über dem zentralafrikanischen Zaire, das von dem Diktator Mobutu Sese Seko regiert wird. Sie ist stattliche sechs Meter hoch, 80 Zentimeter dick und sieht aus wie ein Ofenrohr. Der Stuttgarter Ingenieur Lutz Kayser spricht danach vor der Presse selbstbewusst von einem großen Schritt für die Menschheit. Er glaubt an sein Projekt, er glaubt an den Zugang zum Weltraum, der bald vielen offen stehen würde, er glaubt an ein Milliardengeschäft – und vor allem glaubt er an sich selbst.

Angefangen hat es eher bescheiden. Der in Stuttgart geborene Kayser, Jahrgang 1939, interessiert sich schon als Gymnasiast für Hochfliegendes. Später, an der Universität, hebt er als 17-Jähriger die Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt aus der Taufe. Zu seinen Lehrern gehört Eugen Sänger, der im Zweiten Weltkrieg an der Entwicklung geheimer Langstreckenraketen beteiligt war, Vorläufer der US-Cruise-Missiles. Nach seinem Ingenieur-Examen gründet Kayser 1970 in Stuttgart die Technologieforschungs GmbH, laut Handelsregister auf Raumfahrttechnik spezialisiert. Im Jahr darauf bewilligt ihm das Bonner Forschungsministerium 3,5 Millionen Mark (etwa 1,8 Millionen Euro) für die Entwicklung eines neuartigen Triebwerks. Auf dem Prüfstand der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt wird es getestet. Sein Konzept sei „grundsätzlich durchführbar“, attestieren Gutachter. Das verleiht dem Raketenbauer Kayser den nötigen Schub.

Abenteuerstory und Politthriller zugleich

Es ist der Beginn einer Geschichte, die der Autor und Filmemacher Oliver Schwehm als „eine irrwitzige Mischung aus Abenteuerstory und Politthriller, aus Lausbubenstreich und Wirtschaftskrimi“ beschreibt. Fast vier Jahre lang hat er sich mit Lutz Kayser befasst – und mit dessen 1974 aus der Taufe gehobenen Firma Otrag, der Orbital Transport und Rakten AG. Ein Thema, das auch in Stuttgart viele bewegt hat. Gestoßen war der Filmemacher 2014 eher durch einen Zufall auf das schwäbische Himmelfahrtskommando. Doch dann sollte ihn der Stoff nicht mehr loslassen. Er suchte Zeitzeugen in aller Welt auf, stöberte in Archiven – und machte am Ende aus dem umfangreichen Material einen Dokumentarfilm über den steilen Aufstieg und den tiefen Fall der Otrag. „Fly Rocket fly – mit Macheten zu den Sternen“ feiert an diesem Mittwoch im Innenstadtkino Cinema Stuttgart-Premiere.

Vorgeführt wird eine packende Geschichte, die kaum aktueller sein könnte, da heutzutage private Raumfahrtprojekte schwer in Mode sind. Erst im Februar schickte Elon Musk, der Chef des Elektroautobauers Tesla und des Weltraumunternehmens SpaceX, die bis dato mächtigste Rakete ins All. Dem weltweiten Publikum wurde der Start der „Falcon Heavy“ wie in einem animierten Werbevideo präsentiert. Doch dahinter steckt mehr als ein bloßer PR-Gag. Mancher Beobachter sieht schon eine Zeitenwende anbrechen in der Raumfahrt: Was einmal Aufgabe von Staaten oder Vereinten Nationen war, wird nun zunehmend auch von privaten Unternehmen mit kommerziellen Hintergedanken betrieben. Und Musk gefällt sich in der Rolle eines Pioniers im 21. Jahrhundert, der angetreten ist, möglichst ferne Galaxien zu erobern. Auf dieser Rakete, um im Bild zu bleiben, saß Kayser bereits vor 40 Jahren.

Astronaut oder Raktenforscher – das war die Frage

Schon als Kind stellt er sich die Frage, ob er Astronaut oder lieber Raketenbauer werden soll. Er entscheidet sich für den Raketenbauer und ist beseelt, ja fast besessen von dem Gedanken, mit ganz neuartigen Systemen den Weltraum zu erobern. Sein Auftritt fällt in die Stunde null der deutschen Raumfahrt, da nach dem Desaster des Krieges die Forschung fast zum Erliegen gekommen war. Kayser greift von der Bundesrepublik aus nach den Sternen. „Low cost statt High Tec“ – niedrige Kosten statt Spitzentechnologie– lautet seine Devise.

Früh gelingt es ihm, eingeschworene Tüftler um sich zu scharen, die seine Forschungsprojekte mit enormem Einsatz bis hin zur Selbstaufgabe vorantreiben. Erste Experimente finden in einem Bunker in Bad Cannstatt statt, spätere Brennwerk-Versuche, insgesamt 2000, dann am bis heute bestehenden Standort des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt in Lampoldshausen bei. Als Aufsichtsratsvorsitzenden der Otrag gewinnt der Menschenfänger Kayser einen berühmten Mann für sich: Kurt Debus, einst Chef des amerikanischen John-F.-Kennedy-Raumfahrtzentrums der Nasa in Cape Canaveral. Debus öffnet die Türen zum Kapital. Um an das nötige Geld zu kommen, lockt die Firma mit einer Abschreibungsgesellschaft. „Bei der Otrag können Sie in ein Trägerraketenprojekt investieren, das privatwirtschaftlich finanziert wird und Ihnen Verlustzuweisungen von 240 Prozent für dieses Jahr erbringt“, lautet eine Anzeige in der FAZ.

Auf eine solche Gelegenheit haben offenbar viele gewartet, die beflügelt sind durch die Bilder von der ersten Mondlandung – obwohl Kayser selbst, der sich vor Kameras schon mal gerne im weißen, bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Hemd präsentiert, einen eher zweifelhaften Ruf genießt. Für die einen ist er mutiger Visionär, für die anderen ein Scharlatan. In Stuttgart und München gehen dennoch bald Schecks von steuermüden Bürgern ein, die das Raketenprojekt hoch- und sich selbst finanziell weiterbringen wollen. Nachdem der Rubel reichlich rollt, ist der Weg frei – vorausgesetzt, Kayser findet Gelände für Raketentests.

Hausbesuch beim Diktator Mobutu

Zu Hause ist daran angesichts des Eisernen Vorhangs nicht zu denken. International wird Deutschland misstraut. Laut Verträgen von 1955 ist es dezidiert verboten, im Gebiet der Bundesrepublik militärisch verwendbare Raketen und Triebwerke herzustellen. 1975 klopft Kayser deshalb bei Mobutu Sese Seko in Zaire, dem heutigen Kongo, an. Der Diktator empfängt ihn zum Gespräch in seiner Villa. Es dauert nicht lange, bis der eitle Potentat vom „afrikanischen Cape Kennedy“ begeistert ist – und von der Idee, mit Hilfe moderner Satelliten in kleinste Winkel seines Reichs blicken zu können.

Der Otrag überlässt er schließlich Mitten im Dschungel ein Gelände so groß wie die damalige DDR. Das, was in der Heimat noch in Labors erprobt wurde, soll nun in freier Natur und unter realen Bedingungen getestet werden. Doch längst hat sich der Otrag-Plan herumgesprochen. Der Firmengründer, völlig unbefleckt in Politik, gerät plötzlich ins Visier von Geheimdiensten. Und die Aktivitäten seiner Firma lösen erhebliche Turbulenzen in den auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik aus. Zaires Anrainer wie Angola, wo sich die Russen eingerichtet haben, befürchten, Kaysers Geschosse seien mehr auf sie als ins All gerichtet. Nicht nur die Sowjetunion wittert dahinter geheime, eigentlich streng verbotene Raketenexperimente der Bundesrepublik. „Otrag – Deckfirma für BRD-Rüstungsexporte“, titelt das SED-Organ „Neues Deutschland“. Und der angolanische Ministerpräsident Lopo Fortunato do Nascimento bezeichnet die Rakete in einer Rede vor den Vereinten Nationen als einen „Gewehrlauf, der auf die Länder Afrikas zielt“.

Leonid Breschnew, Partei- und Staatschef der UdSSR, spricht das politisch heikle Thema bei einem Staatsbesuch im April 1978 sogar persönlich an. Selbst den besonnenen SPD-Kanzler Helmut Schmidt bringt die Otrag in Rage. Er wünscht die Stuttgarter Firma nicht nur „zum Teufel“, sondern gibt wenig Schmeichelhaftes über den Firmenboss Lutz Kayser zu Protokoll: „Ich könnte dem Kerl den Hals herumdrehen.“

Der Anfang vom Ende hochfliegender Pläne

In solchen Fällen schlägt die Stunde der Di­plomatie. Die Bundesregierung drängt das verschuldete Zaire, die deutsche Firma Otrag aus dem Land zu werfen. Binnen weniger Wochen müssen die Schwaben das Gelände räumen. Dabei kommt es zu einem tragischen Zwischenfall. Kurz vor dem Abzug unternehmen die Techniker noch einen Bootsausflug auf dem reißenden Fluss Luvua. Aus ungeklärter Ursache kentern sie. Sieben Otrag-Mitarbeiter ertrinken, zwei stammen aus Markgröningen, viele Familien erleiden schweres Leid.

Firmenchef Kayser ist geschockt. Nicht nur über den Unfall und die sich mehrenden Schattenseiten seiner hochfliegenden Pläne, sondern vor allem über seine Regierung, die ihn aus Zaire vertrieben hat. Er will sich sein Lebenswerk nicht zerstören lassen und sucht fieberhaft nach einem anderen Startgelände, egal wo. Fündig wird er 600 Kilometer von der libyschen Hauptstadt Tripolis entfernt, in Tauwiwa. Dort richtet der Diktator Muammar al-Gaddafi den Ingenieuren ein als Obstplantage getarntes Testgelände ein, in dem es an nichts mangelt.

Doch das Ende der Firma Otrag ist nicht mehr aufzuhalten. Die Anleger erleiden Millionenverluste. Und Lutz Kayser zieht sich in ein Paradies zurück, auf Bikendrik Island, eine Insel im pazifischen Raum, irgendwo zwischen Neuseeland und Hawaii, fernab vom politischen Donnerhall. Dort stirbt der Raktenmann im November vergangenen Jahres im Alter von 78 Jahren – nachdem er dem Filmemacher Schwehm noch ausführlich Rede und Antwort gestanden hat.




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